Kollektive Bilderwelten von Flucht und Vertreibung

Der Oldenburger Historiker Stephan Scholz über das Bildgedächtnis zur Zwangsmigration der Deutschen aus dem Osten am Ende des Zweiten Weltkriegs - in den „Zeithistorischen Forschungen“ Heft 1/2014

Stephan Scholz von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg hat in Heft 1/2014 der „Zeithistorischen Forschungen“ die veröffentlichten Fotos zum Thema Zwangsmigration der Deutschen aus dem Osten am Ende des Zweiten Weltkriegs untersucht. Sein Befund ist überraschend:

„Trotz der erst geringen Zahl an Untersuchungen zeichnet sich bereits ab, dass das veröffentlichte Motivkorpus zum Thema Flucht und Vertreibung recht begrenzt ist, was teilweise die Folge einer relativen Bildknappheit zu diesem historischen Ereigniskomplex ist. Demgegenüber besteht ein zunehmender ‚Illustrationszwang‘ vor allem in den populären Erinnerungsmedien, der zur Reproduktion einer Vielzahl ähnlicher Bilder führt, die bestimmten Sehgewohnheiten und Bilderwartungen entsprechen. In dem Labyrinth nahezu austauschbarer Bilder ist dabei im Einzelnen oft schwer zu bestimmen, was das jeweilige Foto konkret zeigt und in welchem Zusammenhang es entstanden ist. Trotz vermeintlich eindeutiger Textbeigaben und teilweise langer Traditionslinien der Bildverwendung sind Fotos nicht selten aus ihrem historischen Entstehungskontext herausgelöst und erst nachträglich zu Bildern von Flucht und Vertreibung umcodiert worden.“

GEO Nr. 11/2004, S. 110f. Foto von Fred Ramage: Berlin, 14. Dezember 1945

GEO Nr. 11/2004, S. 110f.
Foto von Fred Ramage: Berlin, 14. Dezember 1945

Buchcover: Ulrich Völklein, „Mitleid war von niemand zu erwarten“. Das Schicksal der deutschen Vertriebenen, Droemer, München 2005

Buchcover: Ulrich Völklein, „Mitleid war von niemand zu erwarten“. Das Schicksal der deutschen Vertriebenen, Droemer, München 2005

Ein Beispiel aus dem Artikel: Ein Foto des britischen Pressefotografen Frederick Ramage (1900-1981) zeigt eine Gruppe von Frauen und Kindern auf verschneiten Gleisen sitzend, die in einem Bericht des Magazins „GEO“ über Flucht und Vertreibung als deutsche Flüchtlinge oder Vertriebene erscheinen (GEO Nr. 11/2004, S. 110f.). Ein Bild aus derselben Serie wurde 2009 von der „Süddeutschen Zeitung“ verwendet und mit dem Textkommentar versehen: „Vertriebene laufen entlang einer Eisenbahntrasse in Richtung Berlin“. Das Porträt einer der abgebildeten Frauen mit Kind im Arm diente 2005 auch als Coverfoto zum „Schicksal der deutschen Vertriebenen“ – mit Erlebnisberichten von Zeitzeugen, die in dem Foto ihre vermeintliche Repräsentation fanden.

Süddeutsche Zeitung, 28.2./1.3.2009 Foto von Fred Ramage

Süddeutsche Zeitung, 28.2./1.3.2009
Foto von Fred Ramage

Dass es sich bei den abgebildeten Personen aber tatsächlich um deutsche Flüchtlinge oder Vertriebene handelt, kann aus den Daten der Agenturen, die das Foto anbieten, nicht abgeleitet werden. Der Droemer-Verlag hatte das Porträt von Corbis bezogen, wo es unter dem Titel „Polish Refugees, 1945“ verzeichnet ist. Bei der Agentur Getty Images, von der die Bildvorlagen für den „GEO-Beitrag“ und den Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ stammen, ist in der Online-Datenbank von „survivors of an original 150 Polish people“ die Rede. […]

Lesen Sie weiter: Stephan Scholz, Ein neuer Blick auf das Drama im Osten? Fotografien in der medialen Erinnerung an Flucht und Vertreibung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 11 (2014), H. 1

Auch der Spiegel (42/2014 ) und die Welt (16.10.2014) sowie das polnisches Online-Portal onet. nehmen Bezug auf den Beitrag von Stephan Scholz in den „Zeithistorischen Forschungen“.

 

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