Was bleibt – „Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei“

Ein Projekt von Yuri Dojc & Katya Krausova

Yuri Dojc, Tefillinrolle, Bardejov 2006

Fotograf: Yuri Dojc, Tefillinrolle, Bardejov 2006, © mit freundlicher Genehmigung

Vom 24. April bis zum 1. August 2015 zeigt die Staatsbibliothek zu Berlin, unterstützt von Bertelsmann, die Ausstellung „Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei“. 32 großformatige Fotografien des slowakisch-kanadischen Fotografen Yuri Dojc sind im Foyer der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße arrangiert. Die britische Filmemacherin Katya Krausova hat die Ausstellung kuratiert.

Ob das Foyer der geeignete Ort ist, um die Bilder in Ruhe zu betrachten und auf sich wirken zu lassen, sei dahingestellt – auf jeden Fall muss man an ihnen vorbei. Auf dem Weg zur Ausleihe nimmt man sie zunächst nur aus den Augenwinkeln wahr. Auf dem Rückweg jedoch überwiegt die Neugier. Was ist auf den Bildern eigentlich zu sehen? Verlassene Räume, Bücher, die sich auflösen – nicht alles lässt sich sofort zuordnen.

Yuri Dojc hat Spuren festgehalten, Bruchstücke und Überreste jüdischer Geschichte in der Slowakei. Seine Bilder zeigen zerfallende Bücher, ihre zerfledderten Rücken und brüchigen Seiten. Zu sehen sind längst verlassene Gebäude, Scherben, abblätternder Putz, überwucherte Grabsteine. Es sind intensive, berührende Aufnahmen, die beim Betrachter ein kaum zu fassendes Gefühl auslösen. Die Schönheit der Objekte, ihre Inszenierung nimmt gefangen. Die Bilder erscheinen seltsam zeitlos – gleichzeitig vergangen und lebendig, sehr nah und doch flüchtig. Es ist zu spüren, dass sich hinter diesen Fotos mehr verbirgt als ein schön inszeniertes Objekt. Beim Betrachter bleibt ein bedrückendes Gefühl zurück, dass etwas fehlt, das kaum zu benennen ist.

Die Objekte auf Dojc‘ Fotos sind Fragmente von Büchern und Thorarollen, nicht mehr genutzte oder zweckentfremdete Synagogen und verfallene jüdische Friedhöfe. Er behandelt jedes einzelne Objekt als Individuum, begegnet ihm mit Würde als einem Zeugen einer einst lebendigen jüdischen Kultur in der Slowakei, die während des Zweiten Weltkriegs fast vollkommen zerstört wurde. Vor allem die Bücher stehen stellvertretend für das in den deutschen Vernichtungslagern ausgelöschte Leben ihrer ehemaligen Besitzer. Jedes Buch, jedes Objekt ist ein Porträt, in dessen Abbildung man ihren Spuren folgt. Selbst dem Verfall preisgegeben, sind sie die letzten Überreste, ein stilles Aufbäumen gegen das Vergessen. Indem er diese Objekte mit der Kamera festhält, öffnet Yuri Dojc den Blick auf die Vergangenheit – eine Vergangenheit, die bis in unsere Gegenwart hineinwirkt.

 

Yuri Dojc, Thorarolle, Košice 2007

Fotograf: Yuri Dojc, Thorarolle, Košice 2007, © mit freundlicher Genehmigung

Yuri Dojc, Bardejov, 2008

Fotograf: Yuri Dojc, Bardejov, 2008, © mit freundlicher Genehmigung

Die Ausstellung ist mehr als die dort gezeigten Fotografien von Yuri Dojc. Seine Bilder sind nicht nur Teil eines umfassenderen Projekts, zu dem unter anderem Porträts slowakischer Holocaust-Überlebender und eine Dokumentation mit dem Titel „Last Folio“ gehören, sondern sie erzählen auch von Yuri Dojc‘ Suche nach den Spuren seiner eigenen jüdischen Familie.

Auf einer Tafel, die über die Entstehungsgeschichte dieser Fotos informiert, sind zwei Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu sehen. Sie zeigen das letzte Foto von Yuri Dojc‘ Vater L’udovit Dojč aus dem Jahr 1996 und ein Bild seines Großvaters Jakub Deutsch, den er nie getroffen hat. Es ist das einzige Bild, das er von ihm besitzt. Es wurde 1942 aufgenommen auf der Hochzeit von Dojc‘ Eltern; er trägt den Davidstern. Die Entstehung des Projekts „Last Folio“ hängt eng mit diesen beiden Männern zusammen.

Begonnen hat alles im Januar 1997. Auf der Beerdigung seines Vaters in einem kleinen Ort im Osten der Slowakei lernt Dojc Ružena Vajnorska kennen, eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Ružena Vajnorska besucht fast jeden Tag andere Holocaust-Überlebende. Dojc bittet sie, sie auf ihrer täglichen Runde begleiten zu dürfen, und beginnt, diese Menschen zu fotografieren. In den folgenden Jahren kehrt er immer wieder zurück in seine frühere Heimat, um die letzten Überlebenden zu porträtieren. Für die daraus entstandene Porträtserie „We Endured“ erhält er 2001 die Ehrenmedaille vom slowakischen Botschafter in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Yuri Dojc, geboren 1946, wuchs in Humenné und Bratislava auf. Als die Rote Armee im August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschiert, hält sich Dojc gerade in London auf. Er beschließt, nicht zurückzukehren, und emigriert später nach Kanada, wo er Fotografie studiert.

Auch die Filmemacherin Katya Krausova verließ die ČSSR 1968. Auf einer Veranstaltung für slowakische Emigranten im Mai 2005 sieht sie die Porträts von Dojc. Berührt von den Bildern, stellt sie sich dem Fotografen vor. Sie will eine Dokumentation über jene 150 Überlebenden drehen, die er seit 1997 fotografiert hat.

Kurze Zeit später, im November 2005, treffen sich Dojc und Krausova mit einem slowakischen Filmteam, um eine Dokumentation über die Überlebenden des Holocaust in der Slowakei zu drehen. In den zehn Drehtagen, die ihnen zur Verfügung stehen, reist das Team durch die Slowakei. Sie fotografieren, filmen und sammeln die Geschichten der Überlebenden. Dabei stellen sie fest, dass dies nicht genügt. Synagogen, Friedhöfe und andere Orte, die das ehemalige jüdische Leben bezeugen, werden dokumentiert. Als Wegweiser gilt ihnen das Kompendium „Židovské náboženské obce na Slovensku“ [„Jüdische Religionsgemeinschaften in der Slowakei“] [1], das Dojc‘ Vater mitherausgegeben hat. Auf Dachböden, in Bibliotheken und verlassenen Schulen finden sie Bücher in den verschiedensten Stadien des Verfalls. „I really felt there is some magic in those books. And this magic has to be told”,[2] sagt Dojc. Wieder in Kanada wird sich Dojc der Bedeutung der Objekte bewusst und beschließt, zurückzukehren und weiterzumachen.

Die nächste Reise führt Dojc und Krausova im Jahr 2006 nach Bardejov. Kurz vor ihrer Abreise wendet sich ein Bewohner des Ortes an sie und besteht darauf, ihnen eine alte jüdische Schule zu zeigen. Nur zögernd lassen sie sich darauf ein. Doch sie werden überrascht. Der Ort scheint unberührt, als wäre die Zeit im Jahr 1942 stehen geblieben: Schulbücher, korrigierte Aufsätze, selbst die Zuckerdose steht noch auf einem Schrank. „At the beginning I was taking pictures just to capture something because I feared the passage of time that I will not manage to do it all. Now, all these years later I am focusing more on the small details – books, lamps, door knobs – all that surrounded these people, while they lived here.“[3]

Die Bücher rücken nun ins Zentrum des Projekts – werden dessen Symbol. Ihre Abbildung ist der Versuch, an die Menschen zu erinnern, die hier gelebt haben, anhand der Dinge, die sie zurücklassen mussten, und anhand der Orte, an die sie nie zurückkehren konnten. „These books belonged to people, whose names are forgotten. So maybe this is the only way to commemorate them.”[4] Die Porträts der Objekte erzählen die Geschichten, die jene, denen sie gehörten, nicht mehr erzählen können.

Dojc und Krausova sind Nachfahren von Holocaust-Überlebenden. Aus den ersten Drehtagen für die Dokumentation werden eine sehr persönliche Spurensuche und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

Die Geschichte einer Überlebenden, die sich im März 1945 auf einem der Todesmärsche von Auschwitz befand und der es gelang, bis nach Lübeck zu flüchten, hatte Katya Krausova schon einmal gehört. Die Gruppe der Flüchtlinge hatte ihr Vater, Martin Kraus, angeführt. Ein Augenblick, „in dem sich die Fäden der Geschichte plötzlich kreuzen und man jemanden trifft, der Zeuge eines Teils deines eigenen Lebens ist“, erklärt Katya Krausova.[5]

Im September 2008 finden Dojc und Krausova in Michalovce, einem kleinen Ort nahe der Grenze zur Ukraine, in einem anderen Gebäude Hunderte von alten Büchern. Es ist purer Zufall, als Katya Krausova plötzlich ein Buch in den Händen hält, das den Stempel „Jakab Deutsch“ trägt – es ist aus dem Besitz von Dojc‘ Großvater, der Schneider in Michalovce gewesen war, bevor er deportiert wurde. „I found something which I did not even know I was looking for. […] This is the one book which really belongs to me. I can truly say that finding this book completes my journey”,[6] reflektiert Dojc diesen Moment.

 

Yuri Dojc, Gebetsbücher, Michalovce 2008

Fotograf: Yuri Dojc, Gebetsbücher, Michalovce 2008, © mit freundlicher Genehmigung

Yuri Dojc ist kein Historiker, dennoch bieten seine Bilder einen Zugang zur Geschichte auf einer hoch emotionalen Ebene. Man ist gleichermaßen berührt von der Schönheit der Objekte und der Traurigkeit, die sie ausstrahlen. Es entsteht fast von allein der Wunsch, diesen Geschichten nachzugehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Spuren der jüdischen Bevölkerung in der Region, die heute die Slowakei ist, lassen sich bis ins 2. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen. Belegt sind sie seit dem 11. Jahrhundert. Vor allem während der Zeit der Habsburgermonarchie Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich eine lebendige jüdische Kultur. Um Bratislava wurden die ersten Synagogen sowie jüdische Schulen und Kultureinrichtungen gebaut. Mit dem Toleranzedikt Joseph II. erhielten die Juden im Habsburger Reich 1782 Religions- und Bürgerfreiheit. Die 1867 errichtete Österreich-Ungarische Monarchie, die bestrebt war, Minderheiten in ihrem Reich zu assimilieren, förderte die Entfaltung der jüdischen Gemeinschaften im Handel, im Finanzwesen und in der Industrie, was zu einer Öffnung des Judentums beitrug und zu einem Erstarken des Reformjudentums führte. Eine weitere Blütezeit erlebte das slowakische Judentum nach der Gründung der Tschechoslowakei. Es etablierte sich eine jüdische Partei, und Juden übernahmen zunehmend Positionen in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Im Jahr 1939 fand dies ein jähes Ende. In der infolge des Münchner Abkommens ausgerufenen Slowakischen Republik wurden rasch antijüdische Gesetze erlassen.[7] Im März 1942 fanden die ersten Deportationen aus der Slowakei nach Auschwitz und Lublin statt. Bis Oktober 1942 waren von ungefähr 89.000 slowakischen Juden 57.628 Personen deportiert worden.[8]

Yuri Dojc gelingt es mit seinen Fotos, aus diesen nüchternen Zahlen das Schicksal der slowakischen Juden in die Gegenwart zu holen und somit Erinnerungen zu wecken. Und nicht nur das. Indem er jedes Buch, jedes Objekt wie jenen Menschen behandelt, dem es einst gehörte, lässt er die Dinge deren Geschichten erzählen. Die Ex libris der Bücher geben den Opfern des Nationalsozialismus ein Stück ihrer Identität wieder. Die Bücher schaffen eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dojc‘ Bilder geben Auskunft über das, was sich kaum in Worte fassen lässt. In ihrer fragilen Schönheit erzählen sie von der Zerstörung der jüdischen Kultur in der Slowakei. „Dadurch werden sie zu einer authentischen Quelle: Die Kunst dient als Medium für Erinnerung und Dokumentation.“[9]

Dass diese Ausstellung erstmals in Deutschland zu sehen ist, ist das Verdienst der Staatsbibliothek zu Berlin und des Medienunternehmens Bertelsmann. Allerdings wird die Bibliothek ihrem eigenen Anspruch, inmitten des bibliothekarischen Betriebs eine Fotoausstellung von größter Eindringlichkeit zu präsentieren,[10] nicht gerecht. Um sich auf die Bilder einzulassen, braucht es ein ruhigeres Umfeld, ohne das beständige Hintergrundrauschen des Bibliotheksalltags.

Dennoch weckt die Ausstellung das Interesse, sich mehr mit dem Projekt von Dojc und Krausova zu beschäftigen. Je mehr ich im Zuge der Recherche für diesen Beitrag in die Vergangenheit eintauche, mich mit den Künstlern, der Geschichte hinter dem Projekt und den Bildern auseinandersetze, desto mehr Bedeutung erlangen sie für mich.

Wenn es gelingt, die Unruhe der Umgebung auszublenden und die Aufmerksamkeit auf die Bilder zu richten, wird man ihrer ungeheuren Faszination gewahr. „As a photographer first you are looking at the aesthetics. Then, when you are opening some of the books and you find there are names in it, you realize those were real people who perished probably in one of the camps and chances that they are alive are zero”,[11] beschreibt Yuri Dojc seine eigenen Empfindungen. Ähnlich geht es dem Betrachter: Er sieht zuerst die Schönheit der Objekte und kann die Emotionen, die damit einhergehen, nicht zuordnen. Erst mit den Hintergrundinformationen erschließen sich die Bilder hinter den Bildern.

 

Yuri Dojc, Synagoge, Košice 2006

Fotograf: Yuri Dojc, Synagoge, Košice 2006, © mit freundlicher Genehmigung

Die Ausstellung wurde 2008 erstmals im slowakischen Nationalmuseum gezeigt. Im Januar war sie als Teil der Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945 im UN-Hauptgebäude in New York zu sehen.

Anlässlich der Ausstellung in Berlin ist ein zweisprachiger Begleitband (dt./engl.) erschienen: Yuri Dojc/Katya Krausova: Last Folio. A Photographic Memory. Ein fotografisches Gedächtnis, München, London, New York: Prestel, 2015. EUR 39,95

Über den Fotografen Yuri Dojc.

Die Website zum Projekt.

 

[1] Eugen Bárkány/L’udovít Dojč, Židovské náboženské obce na Slovensku, Bratislava 1991.

[2] The Weekly Special: „Last Folio. A Photographic Journey with Yuri Dojc”, 18.5.2011, Bloomington, Indiana, https://youtu.be/MyZ_noCn9WI.

[3] Last Folio (Ausschnitt), Dokumentation, 2015, Vereinigtes Königreich, Slowakei, Regie: Katya Krausova, Yuri Dojc, http://lastfolio2.squarespace.com/film/.

[4] Bertelsmann, Der Film zum Projekt „Last Folio“: Eine Einführung https://youtu.be/HC12D53mUxY.

[5] Yuri Dojc/Katya Krausova, Last Folio. A Photographic Memory. Ein fotografisches Gedächtnis, München 2015, S. 012.

[6] Last Folio (Ausschnitt), Dokumentation, 2015, Vereinigtes Königreich, Slowakei, Regie: Katya Krausova, Yuri Dojc. http://lastfolio2.squarespace.com/film/.

[7] Yuri Dojc/Katya Krausova, Last Folio. Textures of Jewish life in Slovakia, Bloomingtion, Indiana 2011, S. 118-121.

[8] Vgl. Barbara Hutzelmann, Der Holocaust in der Slowakei 1938 bis 1945 (Arbeitstitel), 13. Münchener Bohemisten-Treffen, 20.3.2009, Exposé Nr. 27, http://www.collegium-carolinum.de/fileadmin/Veranstaltungen/Veranstaltungen_Texte_Archiv/BT_Expos%C3%A9s_Archiv/BT2009/2009-27-Hutzelmann.pdf.

[9] Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei. 24. April-27. Juni 2015. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Potsdamer Straße 33. Eine Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin mit freundlicher Unterstützung von Bertelsmann. Red.: Alissa Nordmeier, Bertelsmann, Berlin 2015, S. 19.

[10] Vgl. ebd., S. 17.

[11] The Weekly Special: “Last Folio. A Photographic Journey with Yuri Dojc”, 18. Mai 2011, Bloomington, Indiana. https://youtu.be/MyZ_noCn9WI.

Ein Kommentar “Was bleibt – „Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei“

  1. Avatar Berry Middel

    Dear dr. Berthold

    For several years I worked in Kosice and on my evening walks I passed the Synagogue of which you presented its interior. I saw only the outside, with a plaquette with names of victims of the holocaust. I tried to imagine how this damaged building would be inside, but there was no possibility to enter it. Thank you for filling this gap in my memories related to Kosice, Bardajov, Levoca and many other places in which you still experience jewish life that vanished.

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