August 1916: „Alles zusammengeschossen“

Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918

„Die Zeitungen schreiben ja nicht sehr viel von hier. Es ist nämlich ein furchtbarer Kampf“, berichtet der Soldat Walter Kleinfeldt am 4. August 1916 in einem Feldpostbrief von der Westfront an seine Familie. In dem Band „Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918“ stellen Irene Ziehe und Ulrich Hägele eine eindringliche Sammlung von Fotografien, Tagebuchausschnitten, Briefexzerpten und biografischem Beiwerk aus dem Leben des jungen Soldaten Walter Kleinfeldt zusammen. Der Fotografiehistoriker Anton Holzer nennt diese Komponenten im Vorwort des Bandes das „private Gepäck“[1] der Soldaten, denen er ein großes Maß an Anschaulichkeit des „Leben[s] und Sterben[s] an der Front“[2] zuspricht.

Drei deutsche Soldaten beim Skat im Schützengraben. Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 71, © Waxmann Verlag

Drei deutsche Soldaten beim Skat spielen im Schützengraben.
Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 71, © Waxmann Verlag

Und tatsächlich gelingt es den Herausgebern, aus Kleinfeldts „Gepäck“ eine dichte Beschreibung des Frontalltags zu weben. Der Band widmet sich im ersten Teil zunächst der Lebensgeschichte des Soldaten Kleinfeldt, der mit 15 Jahren die Gelegenheit ergreift, die Schule zu verlassen, und sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Nach seiner Grundausbildung in Ulm landet Kleinfeldt im November 1915 an der Westfront. Die neuen und verstörenden Eindrücke hält er nun zunächst in Briefen und in seinem Tagebuch fest, bittet jedoch seine Mutter recht schnell um die Zusendung einer Plattenkamera, die im Januar 1916 bei ihm eintrifft. Bis zum Ende des Kriegs fertigt Kleinfeldt mindestens 149 Aufnahmen an, von denen heute noch etwa 130 erhalten sind. Die Herausgeber arbeiten bereits in der biografischen Erzählung Verweise auf einige von Kleinfelds Aufnahmen ein, die jedoch leider erst im hinteren Fototeil des Bandes zu finden sind. Um das Frontleben des Soldaten Kleinfeldts nachzuvollziehen, lässt sich ein gewisses Hin- und Herblättern kaum vermeiden.

 

Drei Soldaten transportieren einen weiteren Soldaten auf einer Behelfstrage. Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt: Fotos von der Front 1915-1918, S. 172 © Waxmann Verlag

Drei Soldaten transportieren einen weiteren Soldaten auf einer Behelfstrage.
Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt: Fotos von der Front 1915-1918, S. 172 © Waxmann Verlag

Deutsche Sanitäter bei Verwundeten. Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 174, © Waxmann Verlag

Deutsche Sanitäter bei Verwundeten.
Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 174, © Waxmann Verlag

 

 
Auch ein kurzer Exkurs der Herausgeber zur Geschichte der Kriegsfotografie ist im Band enthalten und stellt Kleinfeldts Fotografien in den Kontext der historischen Entwicklung der bebilderten Kriegsberichterstattung, angefangen mit dem Krimkrieg. Hier werden zwei Kategorien der Frontfotografie aufgemacht, von denen Kleinfeldt beide bedient: zum einen die objektbezogene, die den verletzten Körper des Soldaten bewusst auslässt und stattdessen zerschossene Landschaften, zurückgebliebene Gewehre, verbrannte gespenstische Bäume auf freiem Feld und Grabkreuze zeigt. Auf der anderen Seite stehen die Fotografien, die Gewalt und Zerstörung unmittelbar nachvollziehbar machen, wie Bilder von Gefallenen und Verwundeten, die Kleinfeldt fast schon pragmatisch und unmittelbar einzufangen weiß – so unter anderem in der Aufnahme eines Sanitäters, der mit leeren Augen über einen sterbenden Soldaten hinweg blickt, während im Hintergrund noch eine Rotkreuzflagge weht.

Anschließend an die biografischen Ausführungen, die mit einigen Fotografien aus Kleinfeldts Leben illustriert sind,  geht der Band in die 134 Bilder starke Sammlung der Frontfotografien über. Gänzlich ohne Herausgebernotizen sind diese Bilder, soweit passend, nur von Zitaten aus Kleinfeldts Feldpostbriefen und seinem Tagebuch kommentiert und betitelt. Lediglich thematisch sind die Bilder in drei Kategorien eingeteilt. Zunächst werden die Fotografien aus dem Themengebiet „Kriegsalltag im Schützengraben“ gezeigt. Der zweite Teil widmet sich Kleinfeldts Aufnahmen von Kriegsgerätschaften und der umliegenden Landschaft, während der letzte Teil von Tod und Zerstörung handelt.

„Nach dem Sturm“. Leichen auf dem Schlachtfeld. Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 168, © Waxmann Verlag

„Nach dem Sturm“. Leichen auf dem Schlachtfeld.
Aus dem Buch von Ulrich Hägele: Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, S. 168, © Waxmann Verlag

Der Fotoband vermag eine außerordentliche Sammlung von Zeugnissen des Ersten Weltkriegs auf sinnvolle Art und Weise mit Hintergrundinformationen verbinden. Dank der Vielfalt von Kleinfeldts Aufnahmen können viele Aspekte des Frontalltags junger Soldaten veranschaulicht werden. Vor allem die gekonnte Zusammenstellung der Abschnitte aus Kleinfeldts schriftlichen und visuellen Zeugnissen macht den Band zu einer eindrucksvollen Gesamtdokumentation einer persönlichen und doch übertragbaren Fronterfahrung.

 

Ulrich Hägele/Irene Ziehe, Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, Waxmann Verlag Münster/New York 2014

Der Band ist zweisprachig auf Deutsch und Französisch verfasst.

Nominiert für den Deutschen Fotobuchpreis 2015

Die Bilder von Walter Kleinfeldt werden vom 27. September bis 13. Dezember 2015 im Schönbuch-Museum in Dettenhausen ausgestellt.

 

[1] Anton Holzer, Vorwort. Augenzeuge des Krieges, in: Ulrich Hägele/Irene Ziehe, Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915-1918, Münster, New York, 2014, S. 9.

[2] Ebd.

 

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