Günter Franzkowiak: Arbeit

Eine Ausstellung in Wolfsburg vom 12. April bis zum 5. Mai 2019

Gruppenportrait während der Rauchpause, Volkswagenwerk Wolfsburg 1958; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

Das Genre der Arbeiterfotografie erlebte, nachdem sie eine erste Hochphase in der Weimarer Republik erfahren hatte – in jenen Jahren oftmals mit deutlich agitatorischem, propagandistischem Hintergrund –, in der jungen Bundesrepublik eine zweite Blüte, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Warum das so war, brachte der Industriefotograf Peter Keetman rückblickend anschaulich auf den Punkt. Als er 1953 nach Wolfsburg reiste, um für drei Tage ganz ohne Auftrag, aber mit Erlaubnis der Werksleitung im Volkswagenwerk zu fotografieren, erlebte er, wie er viele Jahre später sagen sollte, die „aufregendsten Tage in meinem langen Berufsleben“ – und dies nicht ohne Grund: „Es gab keine Einschränkungen, keine Tabus. Ich war auf einmal frei, niemand befahl mir, was ich zu tun hatte. Unglaublich.“[1] Seine damals entstandenen Aufnahmen zählen heute zu den Klassikern der Industriefotografie, sie markieren Gijs van Tuyl zufolge einen „Meilenstein“ in deren Entwicklung.[2] Mit seinem Fokus auf Linienverläufe und Lichtreflexe sind es vor allem seine Detailaufnahmen bereitliegender Kotflügel, Türen, Stoßstangen, Radkappen und anderer Bauteile, in denen sich sein „abstrahierende[r] Blick […] jenseits der Alternative von Sozialreportage und Maschinen-Verklärung“ manifestiert.[3]

Aus dem gleichen Jahr stammen auch Aufnahmen des gelernten Werkzeugmachers Günter Franzkowiak, der schon Anfang der 1950er Jahre begonnen hatte, während der Arbeitszeit im Volkswagenwerk zu fotografieren – auch er arbeitete, abgesehen von einzelnen Fotografien, um die er durch Vorgesetzte gebeten wurde, ganz ohne Auftrag und nicht minder frei wie Peter Keetman. Der Autodidakt Franzkowiak setzte allerdings ganz andere Akzente, stehen bei ihm doch meist die Kollegen im Fokus – in Form von Arbeitsportraits ebenso wie Gruppenaufnahmen, aber auch als überraschende Schnappschüsse, in denen Momente des Arbeitslebens eingefangen sind. Doch manche Fotografien des Hobbyfotografen, der nie mehr sein wollte als ein solcher, korrespondieren mit denen Keetmans. Seine Aufnahme aus der Halle 10 aus dem Jahr 1959 ähnelt dem Hallenpanorama Keetmans, das dieser in Halle 4 von den Drehautomaten für Getriebe mit Kettenförderer und Ablagetischen für Werkstücke fotografierte.[4] Auch Franzkowiak suchte sich dafür einen erhöhten Standort und knipste, ohne dass seine Kollegen es mitbekamen – dies war im Übrigen eine der Vorgaben, die Keetman dann doch seitens der Betriebsleitung erfüllen musste: den Betriebsablauf nicht zu stören.[5]

Blick in die Schlosserei, hinten rechts das Zentralwerkzeuglager, Volkswagenwerk Wolfsburg 1959; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

Keetmans Panoramaaufnahme der drei parallelen Montagebänder in Halle 3, die die Karosserie-Endmontage zeigen,[6] findet eine Parallele bei Franzkowiak, der um 1960 die Endmontage des Käfers festhielt, als er, wie er im Gespräch erzählt,[7] wohl zufällig in der Nähe im Einsatz war.

Endmontage des VW Käfers, Volkswagenwerk Wolfsburg ca. 1960; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

Günter Franzkowiaks Bilder weisen auch Überschneidungen mit einzelnen jener Fotografien von James Welling auf, die dieser 1994 im Volkswagenwerk aufnahm, als er im Zuge der bevorstehenden Eröffnung des Kunstmuseums Wolfsburg damit beauftragt wurde, eine Strecke zu Wolfsburg zu fotografieren.[8] Offenbar ergeben sich manche Motive ganz von alleine. In seinem Gruppenportrait der „Mitarbeiter der Fachwerkstatt für Roboter, Halle 3“, für das sich diese extra zusammengefunden haben, setzt er sie derart in Szene, dass die Größe der Halle die Arbeiter zu dominieren scheint. Die Portraitierten stehen als Gruppe beisammen, wirken allerdings ein wenig verunsichert, angespannt.

Mitarbeiter der Fachwerkstatt für Roboter, Halle 3 Wolfsburg ca. 1960; Foto: James Welling © mit freundlicher Genehmigung des Kunstmuseums Wolfsburg

Ganz anders auf Franzkowiaks Fotografie einer Gruppe Werkzeugmacher: seiner Kollegen. Mag auch der zentral positionierte Kollege etwas unsicher wirken – mit seiner rechten Hand sucht er sich etwas ungelenk auf der Werkbank abzustützen –, so transportieren die Blicke und das Lächeln der übrigen Abgelichteten doch eine ganz andere Form des Einverständnisses. In ihrer alles andere als gespielten Lässigkeit hat es den Anschein, als würden sie Franzkowiak signalisieren: „Du schon wieder! Na dann mach mal …“

Gruppenportrait der Werkzeugmacher, Volkswagenwerk Wolfsburg 1959; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

Während Welling auf der Fotografie „Arbeitsbesprechung, Halle 2“ eine Personengruppe festhält, deren Gespräch gerade zu einem Ende gekommen zu sein scheint, wirkt es bei Franzkowiak, als befinden sich Meister und Mitarbeiter im intensiven Vier-Augen-Gespräch – beide Fotografen agierten hier als unbeobachtete Beobachter, doch scheint Franzkowiak noch eine Spur näher am Geschehen zu sein. Hier möchte man nur zu gerne wissen, was wohl gerade Thema war.

 

Arbeitsbesprechung, Halle 2 (aus der Serie „Wolfsburg“), Volkswagenwerk Wolfsburg 1994; Foto: James Welling © mit freundlicher Genehmigung des Kunstmuseums Wolfsburg

Vier-Augen-Gespräch, Volkswagenwerk Wolfsburg 1957; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

 

 

 

Sowohl bei Wellings Arbeiterportrait „Mitarbeiter beim Zerlegen einer alten Produktionsanlage, Halle 2“ als auch bei Franzkowiak fliegen die Funken, doch ungeachtet dieser wie auch der anderen genannten Parallelen in der Motivwahl transportieren die Aufnahmen Franzkowiaks einen ganz eigenen, distanzlosen Zugang in die Arbeitswelt im Volkswagenwerk in den 1950er bis 1970er Jahren. Da er als Gleicher unter Gleichen fotografierte, haben seine Motive eine besondere Qualität. So sollen die aufgezeigten Parallelen die Arbeiten Franzkowiaks denn auch nicht nobilitieren, sondern für seinen spezifischen Fokus sensibilisieren.

Seine Aufnahmen sind eine Einladung zu einer Entdeckungsreise in die Arbeitswelt der frühen Bundesrepublik, die eine eigene Auseinandersetzung lohnt. Sie sind vom 12. April bis zum 5. Mai 2019 im Raum für Freunde im Kunstverein Wolfsburg und vom 29. Mai bis zum 20. Juni 2019 in der Bar Lissabon in Braunschweig zu sehen.

Schleifarbeiten in der Werkzeugmacherei, 1953 Volkswagenwerk Wolfsburg; Foto: Günter Franzkowiak © mit freundlicher Genehmigung

 

[1] Zitiert nach F.C. Gundlach, Peter Keetman – Metaphysik der Form, in: Peter Keetman, Volkswagenwerk 1953, Ausstellungskatalog, Bielefeld 2003, S. 153-155, hier S. 154. – Dieser Beitrag ist ein überarbeiteter Nachdruck; die Originalveröffentlichung findet sich in: Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte, Nr. 13, April 2019, S. 1-2, online unter https://www.yumpu.com/de/embed/view/exZ0wAmy9GOd5Dil. Wir danken Alexander Kraus für die Genehmigung.

[2] Gijs van Tuyl, Keetman und der Käfer, in: ebd., S. 8.

[3] Gundlach, Peter Keetman – Metaphysik der Form, S. 154. Der Produktionsprozess blieb dabei, wie Holger Broeker schreibt, weitgehend „ausgeblendet und hat für das Bild keinerlei Bedeutung wie auch die Teile an sich für den Laien kaum identifizierbar sind, da ihre Enden außerhalb des gewählten Ausschnitts liegen“.  Holger Broeker, Im Licht der Produktion – Produktion im Licht. Industriefotografie der Gegenwart, in: ebd., S. 165-169, hier S. 165.

[4] Vgl. Abb. S. 69 in: Keetmann, Volkswagenwerk 1952.

[5] Rolf Sachsse zufolge entsprach dies sowieso dem bildjournalistischen und industriefotografischen Ethos. Rolf Sachsse, Lichtschacht und Spreizstativ. Marginalien zur Arbeitsweise von Peter Keetman bei seinem Ausflug ins Volkswagenwerk 1953, in: ebd., S. 160f., hier S. 161.

[6] Vgl. Abb. S. 129 in: Keetmann, Volkswagenwerk 1952.

[7] Interview des Verfassers (gemeinsam mit Dirk Schlinkert) mit Günter Franzkowiak am 23. Oktober 2018.

[8] Die Arbeiten Wellings sind aktuell noch bis zum 29. September 2019 in der Jubiläumsausstellung Now is the Time im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Im Print als James Welling, Wolfsburg. Architekturfotografie – Stadtentwicklung – Industriefotografie – Automobilproduktion, Ostfildern 1994.

 

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