Zur visuellen Produktion von „Flucht“ und „Asyl“ in Pressefotografien der Bundesrepublik

 

Migration als Phänomen wird in spezifischen zeitlichen und räumlichen Zusammenhängen durch vielfältige Akteure, Bedingungen und Regeln produziert.[1] Staatliche und nicht staatliche Akteure, darunter auch Hilfsorganisationen oder Massenmedien greifen mit diversen Kategorisierungen, Deutungsmustern, Praktiken und Verfahren auf Menschen in Bewegung zu und ermöglichen, begrenzen oder verhindern ihre Mobilität.[2] Migrant_innen begegnen und gestalten diese Zugriffe ihrerseits mit diversen Strategien, bedingt durch individuelle und strukturelle Rahmenbedingungen.[3] Der Blick von Gesellschaft auf Migration und in diesem Zuge gleichsam auf sich selbst ist ebenfalls Ergebnis eines Aushandlungs- und Herstellungsprozesses.[4]

Pressefotografien als Teil der Massenmedien spielen hier eine zentrale Rolle. Im Rahmen eines überwiegend national strukturierten Mediendispositivs geben sie Migration in strukturierter Weise zu sehen.[5] Menschen werden über die Sichtbarkeit bestimmter Situationen, Bildformeln, Gebärden und anderer Attribute als Migrant_innen wie auch als nicht Migrant_innen etwa als Teil einer „Aufnahmegesellschaft“ markiert und zueinander positioniert. Zudem werden durch Pressefotografien Migrationsphänomene voneinander differenziert und in Debattenzusammenhänge eingebunden. Über ihr affektives Potenzial beeinflussen sie Deutungsmuster und werden von Akteur_innen als Ressource herangezogen, um ethisch-moralische Standpunkte zu kommunizieren und Handlungsbedarfe zu legitimieren. Die Bilder dienen als Rahmen, innerhalb dessen sich Botschaften auf dem Fundament eines geteilten Wissens kommunizieren lassen, und sind gleichsam von Migrationsregimen und den in ihnen wirkenden Machtverhältnissen durchzogen.[6]

Kurzum, kulturelle Bildrepertoires fungieren als „Bildschirm“, über den Migration sichtbar wird, und intervenieren in Prozesse von Identitäts- und Differenzkonstruktionen.[7] Diese Konstruktionen gerinnen zu Wissen, gehen ein in Haltungen, Handlungen und sind so Bestandteil der Produktion sozialer Wirklichkeit. Umso relevanter ist es, visuelle Strategien als Operationen der Macht zu begreifen und auf ihre Bedingungen und ihr Wirken hin zu befragen.

Das seit 2015 laufende Dissertationsprojekt „Zur visuellen Produktion von ‚Flucht‘ und ‚Asyl‘ in Pressefotografien der Bundesrepublik“ beschäftigt sich im ausgeführten Zusammenhang mit Pressefotografien, die in Debatten um „Flucht“ und „Asyl“ seit den 1950er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre in der Bundesrepublik in fünf überregionalen Tages- und Wochenzeitungen veröffentlicht wurden („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Stern“, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“ – zudem partiell die „Zeit“ und die „tageszeitung“). Der Korpus besteht aus 1800 veröffentlichten Fotografien, den dazugehörigen Zeitungsartikeln und Bildunterschriften. Durch eine systematische Auswertung der Gruner- und Jahr-Datenbank, die selbst keine Bilder, aber Artikel verzeichnet, und einer von den hier erzielten Treffern geleiteten Auswertung der Zeitungen als Printversion liegt der Arbeit eine dichte, teilweise eine Vollerhebung zu Grunde. Zudem wird ein zweiter Korpus aus dem Bestand des Schwarz-Weiß-Archivs der Deutschen Presseagentur (dpa) herangezogen, in dem sowohl publizierte als auch nicht publizierte Aufnahmen abgelegt sind.

Fotografien, auch wenn sie im alltäglichen Gebrauch immer wieder so verstanden werden, sind keine Abbilder der Wirklichkeit. Vielmehr geht ihrer Publikation in der Presse ein mehrschichtiger Auswahlprozesses voran. Der Blick für das Sichtbare und seine Grenzen beziehungsweise Ränder kann anhand eines Vergleichs zu nicht veröffentlichten Aufnahmen geschärft werden.

Die zentrale Fragestellung der Arbeit ist, wie internationale Fluchtphänomene in der Presseberichterstattung der Bundesrepublik in unterschiedlichen, zeitlich aufeinander folgenden wie auch parallel gelagerten Debattenzusammenhängen visualisiert wurden. Über welche Motive und Bildformeln werden Gesellschaft und Migration entlang der Differenzkategorien race, gender, class und age angeordnet und positioniert? Wessen Migrationsprozess wird über welche Bildformeln wie thematisiert? An welche ikonografischen Traditionen schließen die verwendeten Bildformeln an (zum Beispiel christliche Ikonografie und koloniale Bildtraditionen). Welche Identitäts- und Differenzkategorien werden in diesem Zuge (re-)produziert oder transformiert? Welche Stereotypen sorgen für Festschreibungen und wie sind sie zusammenzudenken mit der Konstruktion des „echten“ und „unechten“ Flüchtlings bzw. der als legitim und illegitim bewerteten Flucht?

Der Verwendungskontext der Fotografien (Bildunterschrift, Artikel und weitere Debatte) bestimmt im Zusammenspiel mit der Bildtradition und formal-ästhetischen Elementen die situative Bedeutung und Funktion einer Fotografie.[8] Daher ist das komplexe Verhältnis der Bilder zum Diskurs zentraler Bestandteil der Analyse.[9] Kombiniert werden somit Ansätze der kritischen Kunstgeschichte, Visual Cultural Studies und Visual History mit Perspektiven der interdisziplinären Migrationsforschung. Über den betrachteten Zeitraum lassen sich differenzierbare Modi der visuellen Produktion nachvollziehen, welche die Debatten um „Flucht“ und „Asyl“ jeweils dominierten und Konzepte von Fluchtphänomenen, aber auch der bundesdeutschen Gesellschaft relational zur jeweiligen Fluchtkonstruktion hervorbrachten.

Ein Beispiel kann die Operationalisierung dieser analytischen Perspektive verdeutlichen: So waren etwa 1978 in der Berichterstattung zwei unterschiedliche Motive dominant. Am 29. August 1978 gelangte in „Der Welt“ das Motiv einer männlich dominierten Gruppe vor der Ausländerbehörde in der Puttkamerstraße in Berlin zur Veröffentlichung (Abb. 1). Die Artikelüberschrift lautet „Berlin erwartet im August neuen Rekord an Asylanträgen“ und die Bildunterschrift „Vor der Ausländerbehörde […] stehen die Orientalen nach Sozialhilfe Schlange.“

Abb. 1: „Asylbewerber vor der Ausländerbehörde in der Puttkamer Strasse.“ 18. August 1978 Berlin (West). Foto: Klaus Mehner, Quelle: Bundesstiftung Aufarbeitung, Bild 78_0818_POL_Asyltour_08 © Klaus Mehner

Im Dezember 1978 wurde dagegen die Ankunft der sogenannten Vietnam-Flüchtlinge am Flughafen in Hannover über ein Motiv zu sehen gegeben, das diese als einen Akt der Fürsorge rahmt (Abb. 2).

„Rot-Kreuz-Schwestern betreuen auf dem Flughafen
Hannover-Langenhagen die ankommenden Flüchtlinge.“ 3. Dezember 1978 Hannover. Foto: Werner Schilling, Quelle: picture alliance / dpa ©

Ohne an dieser Stelle ins Detail zu gehen, lassen sich die Effekte dieser visuellen Rahmungen von „Asyl“ als einmal von männlichen Massen ausgelöste Krise in der Bundesrepublik und kontrastiv die „Vietnam-Flüchtlinge“ als subordinierte Gerettete beschreiben. Welche Rolle spielt hier die Verschränkung der Kategorien race und gender? Welche Selbstbilder von Gesellschaft werden transportiert, erfüllt oder erscheinen gefährdet? Und wie stehen diese Konstruktionen zueinander im Verhältnis? Rekonstruiert werden Kontinuitäten und Diskontinuitäten im kulturellen Bildrepertoire exemplarisch anhand der Visualisierungsstrategien um die „Ungarn-Flüchtlinge“, „Vietnam-Flüchtlinge‘, die „Asyldebatten“ und die „Bosnien-Flüchtlinge“.

Ziel der Arbeit ist es, die visuelle Produktion von „Flucht“ und „Asyl“ in der Presse der Bundesrepublik als historischen Prozess zu rekonstruieren und die Herausbildung von Bildrepertoires in ihren narrativen Implikationen, Bedeutungsebenen und Funktionen nachzuvollziehen. Sowohl lange Linien visueller Produktion als auch das Wirken der Bilder in zeitlich spezifischen Verwendungszusammenhängen werden sichtbar gemacht. So wird ein Analysemodus am Material entwickelt und erprobt, der Zugänge zu Bildern in Debatten über Migration schafft und gleichzeitig Inhalte visueller Narrativierung von Fluchtmigration aufzeigt.

 

[1] Jochen Oltmer, Einleitung: Staat im Prozess der Aushandlung von Migration, in: ders. (Hrsg.), Handbuch Staat und Migration seit dem 17. Jahrhundert, Berlin/Boston 2016, S. 1-42, hier S. 20.

[2] Ebd., S. 23.

[3] Ebd.

[4] Christoph Rass/Melanie Ulz, Migrationsforschung und Film. Interdisziplinäre Perspektiven, in: dies. (Hrsg.), Migration und Film, IMIS-Beiträge, H. 46 (2015), Osnabrück 2015, S. 7-20.

[5] Stuart Hall, Die strukturierte Vermittlung von Ereignissen, in: ders., Ideologie, Kultur, Neue Rechte, Rassismus. Ausgewählte Schriften 1, Hamburg 1989, S. 126-149, hier S. 126; Benedict R. Anderson, Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Mit einem Nachw. von Thomas Mergel, Frankfurt a.M.²2005, S. 41-42.

[6] Rass/Ulz, Migrationsforschung und Film, S. 9.

[7]Kaja Silverman, Dem Blickregime begegnen, in: Christian Kravagna (Hrsg.), Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur, Berlin 1997, S. 41-64, hier S. 42; Rass/Ulz, Migrationsforschung und Film, S. 9f.

[8] Christoph Hamann, Visual History und Geschichtsdidaktik. Beiträge zur Bildkompetenz in der historisch-politischen Bildung, Berlin 2007, S. 67.

[9] Michel Foucault, Worte und Bilder, in: ders., Schriften zur Medientheorie, Berlin 2013, S. 29-32, hier S. 30f.

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