Zu Gast bei Yva

Auftaktveranstaltung des Projekts „Visual History“ im Berliner Hotel Bogota

Die Arbeitsräume von Fotografin Yva befanden sich in der vierten und fünften Etage des Hauses in der Schlüterstr. 45 in Berlin (heute das Hotel Bogota). Foto: Barbara Schledorn ©

Die Arbeitsräume von Fotografin Yva befanden sich in der vierten und fünften Etage des Hauses in der Schlüterstr. 45 in Berlin (heute das Hotel Bogota). (Foto mit freundlicher Genehmigung von Barbara Schledorn ©)

Dass Geschichte nicht in Geschichten, sondern in Bilder zerfalle – eine Feststellung Walter Benjamins –, ist unter Geschichtswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern mittlerweile eine verbreitete Auffassung. Die historische und soziale Relevanz von Bildern, ihre Entstehungs-, Verbreitungs- und Wahrnehmungsbedingungen und nicht zuletzt ihre Bedeutung für die historische Forschung haben Bilder zu einem beliebten Arbeitsmaterial werden lassen. Noch nicht abschließend geklärt ist allerdings die Frage, wie visuelle Materialien in Forschung und Lehre nutzbar gemacht werden können, denn Historiker werden bisher nicht speziell dafür ausgebildet, mit Bildern als Medium zu arbeiten. In diesem Zusammenhang möchte das Online-Portal www.visual-history.de zu einem bedeutenden Arbeitsmittel und Forum für die historische Bildforschung werden. Die Plattform ist Teil des SAW-Verbundprojekts „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“, bei dem das Georg-Eckert-Institut Verbundpartner ist und in dessen Rahmen am GEI derzeit eine Dissertation zu Ikonographien des Sozialismus entsteht.

Unter dem Titel „Das visuelle Zeitalter. Zeithistorische Perspektiven“ luden die Projekt-Mitarbeiter am 21. Juni zu einer feierlichen Auftaktveranstaltung ein. Im Berliner Hotel Bogota diskutierten am Abend Dr. Eike Pantzer, der Leiter des Stern-Bildarchivs, und die beiden Fotografen Ludwig Rauch und Harald Schmitt über fotografische Motivfindung, Bildauswahlprozesse, Veröffentlichungspraxen und den Wendepunkt von analoger zu digitaler Fotografie. „Wie evaluiert man eigentlich Bilder?“, fragte die Historikerin Dr. Annette Schuhmann, die die Gesprächsrunde moderierte, und berührte dabei den Kernpunkt des Themas.

 

ZZF-Historikerin Annette Schuhmann im Gespräch mit den Fotografen Harald Schmitt (links), Ludwig Rauch (rechts) und dem Leiter des Stern-Bildarchivs, Dr. Eike Pantzer (in der Mitte), Foto: Barbara Schledorn ©

ZZF-Historikerin Annette Schuhmann im Gespräch mit den Fotografen Harald Schmitt (links), Ludwig Rauch (rechts) und dem Leiter des Stern-Bildarchivs, Dr. Eike Pantzer (in der Mitte). (Foto mit freundlicher Genehmigung von Barbara Schledorn ©)

Welchen Wert misst man Fotografien bei, und wie geht der Historiker/die Historikerin methodisch mit der viel besprochenen Polysemie – der Vieldeutigkeit – um? Das Online-Portal soll auf eben jene Unsicherheiten reagieren und als Nachschlagewerk für die historische Bildforschung Standards und Regeln im Umgang mit visuellem Material formulieren.

Auf www.visual-history.de werden künftig Bilder in ihren Funktionen als Quelle und Forschungsgegenstand gebündelt, unterschiedliche Zugänge zum Medium Bild eröffnet und Methoden, Motive, Medien, Akteure und Kontexte beleuchtet. Gleichzeitig wird die Plattform praktische Hinweise zu Recherche, Veröffentlichung, Digitalisierung und zu Bildrechten liefern. Eine Mediathek wird Raum für Bildbestände bieten, die kommerziell nicht zugänglich, aber für die Forschung von Interesse sind. Seit ihrer Entstehung lebt die Bildwissenschaft vom transdisziplinären Austausch. Die Plattform soll daher auch ein Forum für die historische Bildforschung sein und Informationen über aktuelle Debatten aus unterschiedlichen Fachrichtungen einbinden.

Die Veranstaltung diente zugleich der Einsetzung des wissenschaftlichen Beirats für das Forschungsprojekt, der von einer Gruppe auf dem Gebiet der Visual History hervorragend ausgewiesener Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gebildet wird.

 

Annette Vowinckel, ZZF-Historikerin und Koordinatorin des SAW-Projekts „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“ stellt die Projektpartner vor, Foto: Barbara Schledorn ©

Annette Vowinckel, ZZF-Historikerin und Koordinatorin des SAW-Projekts „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“ stellt die Projektpartner vor. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Barbara Schledorn ©)

Diese „A-Mannschaft der Fotogeschichte“, wie Annette Vowinckel, die Koordinatorin des Projekts, den Beirat bezeichnete, setzt sich zusammen aus Michael Wildt, dem Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus, von der HU Berlin; Cornelia Brink, Professorin im Bereich Interdisziplinäre Anthropologie an der Universität Freiburg; Anton Holzer, Fotohistoriker und Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“; Jens Bove, Leiter der deutschen Fotothek in Dresden, Ulrike Pilarczyk, Professorin für Erziehungswissenschaft an der TU Braunschweig; Herta Wolf, Professorin für Geschichte und Theorie der Fotografie an der Universität Köln; Gerhard Paul, Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg und Matthias Bruhn, dem Leiter der Abteilung „Das technische Bild“ am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik in Berlin.

Die Expertengruppe tritt einmal pro Jahr zusammen und wird dem Projekt und seinen Mitarbeitern auch darüber hinaus beratend zur Seite stehen.

Die Plattform www.visual-history.de wird sukzessive mit wissenschaftlichen Artikeln, praktischen Handreichungen und aktuellen Forschungsinformationen angereichert.

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