Eine neue Institution für den „Gambler“

 

Seit Anfang 2013 verdichteten sich Spekulationen über die mögliche Ausgestaltung und den zukünftigen Ort einer nach Robert Capa benannten neuen fotografischen Institution in Budapest. Konkreter wurden die Pläne im Mai dieses Jahres, als die Regierung mit einem im Magyar Közlöny, dem ungarischen Bundesgesetzblatt, veröffentlichten Beschluss das Robert Capa-Zentrum für zeitgenössische Fotografie (RCZ) ins Leben rief sowie das Budget für 2013 mit insgesamt 155 Mio. Forint festsetzte. Die Idee für die Gründung einer Institution, die sich mit den ungarischen Fototraditionen auseinandersetzt, zugleich aber auch die zeitgenössische Fotografie berücksichtigt, entstand vor mehreren Jahren.

Das International Center of Photography wurde 1974 auf die Initiative des Fotografen Cornell Capa hin gegründet. Das New Yorker Institut soll als Vorbild für die Ausrichtung des Capa-Zentrums in Budapest dienen. Foto: Wikimedia, Jim.henderson, public domain

Das International Center of Photography wurde 1974 auf die Initiative des Fotografen Cornell Capa hin gegründet. Das New Yorker Institut soll als Vorbild für die Ausrichtung des Capa-Zentrums in Budapest dienen.

Als der ungarische Staat 2008 für 300 Mio. Forint knapp 1000 Aufnahmen des weltberühmten Kriegsfotografen vom International Center of Photography in New York erstand, wurde im Kaufvertrag der Wunsch nach Einrichtung eines Capa-Zentrums in der ungarischen Hauptstadt festgehalten.

Gegenstand des Kaufs war eine Zusammenstellung von Capa-Fotos durch Richard Whelan sowie Roberts Bruder, Cornell Capa, die Mitte der 1990er-Jahre drei Abzugsserien mit identischen Motiven erstellten. Die Sammlung sollte das Lebenswerk des 1954 verstorbenen Kriegsfotografen ausgewogen präsentieren. Die erste Serie der Abzüge befindet sich im ICP, die zweite kann man in Tokio besichtigen, und die dritte machte den Inhalt der im Januar 2009 in Budapest eingetroffenen Kisten aus. Doch nachdem die Bilder in Budapest ausgepackt waren, wurde es still um das geplante Hungarian Center of Photography, so der Name, unter dem das Projekt zunächst verfolgt wurde. Stattdessen überantwortete man den Capa-Nachlass dem Ungarischen Nationalmuseum. Um die Fotos dem Publikum zeitnah präsentieren zu können, wurden größere Schauen in Budapest sowie in 13 weiteren Städten organisiert. Ein Konzept für die langfristige Nutzung der Sammlung fehlte jedoch.

Das Ungarische Nationalmuseum um 1900 auf einer Aufnahme des Fotografen Frigyes Schoch. Noch bis zum 12. Januar 2014 zeigt das Museum die Ausstellung „Robert Capa / Der Spieler“. FOTO:FORTEPAN / Schoch Frigyes

Das Ungarische Nationalmuseum um 1900 auf einer Aufnahme des Fotografen Frigyes Schoch. Noch bis zum 12. Januar 2014 zeigt das Museum die Ausstellung „Robert Capa / Der Spieler“. Foto: FORTEPAN, © Schoch Frigyes, CC BY-NC-SA 3.0

 

Nun kommt wieder Bewegung in das Vorhaben. Im Rahmen einer Pressekonferenz verkündeten János Halász, der für Kultur zuständige Staatssekretär des Ministeriums für Humanressourcen, und Orsolya Kőrösi, Direktorin des Budapester Fotografiemuseums  Mai Manó-Haus und – schon vor der Gründung ernannte – Leiterin des Robert Capa-Zentrums, am 29. August 2013 die Einrichtung der neuen Institution. Deren Selbstverständnis umschrieben sie als „visuelles, zeitgenössisches Veranstaltungszentrum“. Die Ausrichtung des RCZ drehe sich laut Direktorin Kőrösi um die vier Hauptachsen „Qualität“, „zeitgenössisch“, „Treffpunkt“ sowie „Dienstleistung“. Die Einrichtung soll sich als Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Schulungsort für Profis und Laien etablieren, sich um die Erforschung der Fotografie bemühen und als Botschafter der ungarischen Fotokunst im In- und Ausland agieren. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem der weitere Ausbau von internationalen Beziehungen. Den Problemen der Fotokonservierung nimmt sich das Zentrum in Form einer eigenen Restaurationswerkstatt ebenfalls an. Zu guter Letzt sollte der neu gegründete Fotopreis erwähnt werden, der im Dezember 2013 zum ersten Mal verliehen wird.

Im Fall des aus New York erworbenen Capa-Nachlasses entschieden sich die Beteiligten für eine pragmatische Lösung: Weil die Aufbewahrungsbedingungen im Ungarischen Nationalmuseum günstiger sind, bleiben die Aufnahmen auch weiterhin dort im Archiv. Das Zentrum wird aber in Zukunft über die Rechte an den Fotos verfügen können.

Auf die rasche Gründung des RCZ, das für 2014 mit Mitteln in Höhe von 198 Mio. Forint ausgestattet ist, reagierten die Akteure der ungarischen Kulturlandschaft nicht nur mit Begeisterung. Offen blieb bislang, wie das Verhältnis zwischen dem RCZ und dem 2018 zu eröffnenden Ungarischen Fotomuseum aussehen soll. Im Rahmen des großangelegten Neuarrangements von verschiedenen Sammlungen zwischen 2014 und 2020 unter dem Projektnamen „Museumsviertel“ sollen die Bestände des Fotomuseums in Kecskemét nach Budapest in das Ungarische Fotomuseum überführt werden.

Weitere Fragen während der Pressekonferenz bezogen sich auf den Ort des RCZ in der ungarischen Museumslandschaft: Welche Funktion kann in Zukunft das Mai Manó-Haus erfüllen, dessen Leitung weiterhin Orsolya Kőrösi innehaben wird?

Weshalb verdrängt das Capa-Zentrum durch die Übernahme seiner Räume das 1912 gegründete Ernst-Museum, einen Ort der bildenden Kunst? Kőrösi betonte, dass das Zentrum in erster Linie der Presse- und Dokumentarfotografie verpflichtet sei, während sich das Ungarische Fotomuseum ab 2018 auf die künstlerische Fotografie konzentrieren werde. Die Aufgabe des Mai Manó-Hauses sehe sie darin, der Fotografie einen „intimen Ort“ zur Verfügung zu stellen.

Trotz der Unklarheiten steht eines fest: Für die ungarische Fotografie tut sich eine gewaltige Chance auf. Die Verwendung von Capas Namen betont den Wunsch der Beteiligten nach der Anschlussfähigkeit des Zentrums an die ausländischen Institutionen und den Anspruch, einen gut sichtbaren Ort für die Auseinandersetzung mit der fotografischen Tradition schaffen zu wollen. Das genaue Konzept, aber auch die Rolle des Capa-Zentrums in der Budapester Museumslandschaft wird sich in den nächsten Jahren jedoch weiter konkretisieren müssen.

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