Bildpraxis der wissenschaftlichen Fotografie zwischen 1880 und 1920

 

Im Zuge des Promotionsprojekts soll, um dem Begriff „Bildpraxis“ gerecht zu werden, sowohl nach den Eigenschaften des wissenschaftlichen Lichtbilds und dessen Verhältnis zum abgelichteten Gegenstand gefragt werden als auch nach den Entstehungsbedingungen der Aufnahmen und dem Umgang mit diesen.

Die Kategorie der wissenschaftlichen Fotografie umschreibt einen Bereich, der sich nicht zuletzt durch die Vielzahl an wissenschaftlichen Disziplinen und den dort herrschenden Methoden als ein sehr heterogener präsentiert. Daher galt es in einem ersten Schritt, den Bereich nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch einzugrenzen. Dabei wäre eine Reduzierung auf eine wissenschaftliche Disziplin möglich gewesen wie auch auf ein übergreifendes Thema. Ausgehend von den Beständen im Archiv des Deutschen Museums, die die Grundlage für die Arbeit bilden, wurde bisher eine Fokussierung auf den Bereich der Mikrofotografie verfolgt.

Otto Lehmann: Sieben Aufnahmen zur Tropfenbildung von Flüssigkristallen, aufgenommen mit einem Projektions-Kristallisationsmikroskop, 29 x 21 cm, Silbergelatine, um 1904.

Otto Lehmann: Sieben Aufnahmen zur Tropfenbildung von Flüssigkristallen, aufgenommen mit einem Projektions-Kristallisationsmikroskop, 29 x 21 cm, Silbergelatine, um 1904.

Die Kombination aus Mikroskop und Fotoapparat fand seit den Anfängen der Fotografie vorwiegend in der Medizin, Biologie und auch Physik Verwendung und wurde in dem Untersuchungszeitraum durch Pioniere wie z.B. Robert Koch stark vorangetrieben. Bis 1920 etablierte sich das Verfahren aufgrund der sich verbessernden technischen Voraussetzungen, sodass die Mikrofotografie schließlich auch außerhalb des rein wissenschaftlichen Kontexts engagierte Anhänger fand, die sich z.B. in Vereinen zusammenschlossen. Das Festhalten des mikroskopierten Gegenstands diente dabei nicht nur zur Sichtbarmachung des für das menschliche Auge Unsichtbaren. Die erhaltenen Aufnahmen fungierten als visuelle Belege des Gesehenen, die schließlich durch die Reproduzierbarkeit an die Öffentlichkeit vermittelt werden konnten. Darüber hinaus kam die Fotografie zum Einsatz, um die Grenzen des Lichtmikroskops zu überwinden. Indem das Lichtbild nochmals mikroskopiert wurde, erhoffte man sich einen höheren Vergrößerungseffekt des ursprünglich betrachteten Objekts. Demnach werfen mikrofotografische Bilder Fragen nach dem Verhältnis zwischen Bildgegenstand und vergrößertem, fotografiertem Objekt auf, wodurch Überlegungen hinsichtlich der Ontologie dieser Bilder angestellt werden können.

Um jedoch der Fragestellung nach dem Umgang mit den Aufnahmen gerecht zu werden, bedarf es einer Quantität an Bildmaterial, die Aufschluss über die Bildpraxis um 1900 geben kann. Dabei ergibt sich die Schwierigkeit, dass die eigentlichen Bildquellen nur schwer recherchier- und auffindbar sind. Neben universitären und institutionellen Sammlungen sowie Nachlässen einzelner Wissenschaftler liefern auch Unternehmensarchive relevantes Quellenmaterial. Ausgehend vom recherchierten Material und den darüber hinaus vorhandenen Quellen wie Lehrbücher zur Mikrofotografie, wissenschaftliche Publikationen oder auch Korrespondenzen sollen folgende Fragen im Zuge der Doktorarbeit beantwortet werden: Mit welcher Intention, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen (technischen) Bedingungen wurde das Medium Fotografie im Forschungsprozess eingesetzt? Welche formalen Bedingungen mussten die Aufnahmen erfüllen und welche Prinzipien der Bildgestaltung wurden verfolgt? Welche Veränderungen erfuhren die Aufnahmen, wenn sie publiziert wurden, und welche Aufnahmen wurden aus welchem Grund dafür ausgewählt? Warum und an welcher Stelle bedienten sich die Wissenschaftler neben der Fotografie auch der Zeichnung, um die Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit zu distribuieren?

Die Arbeit verfolgt das Ziel, bereits bekannte wie auch noch unbearbeitete Bestände zu sichten, hinsichtlich der aufgeworfenen Fragen zu untersuchen und einander gegenüberzustellen, um die Entwicklung der Mikrofotografie zwischen 1880 und 1920 aufzeigen zu können.

 

Institution: Deutsches Museum (Projekt „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“)

Thema: Bildpraxis der wissenschaftlichen Fotografie zwischen 1880 und 1920

Universität: Ludwig-Maximilian-Universität München Betreuerin: Prof. Dr. Burcu Dogramaci

Laufzeit: 2013-2016

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