Was macht den Menschen aus?

„The Family of Man“ im Château Clervaux, Luxemburg

 

Fotografie von Alfred Eisenstaedt aus der Ausstellung „The Family of Man“, die nun restauriert und dauerhaft in Luxemburg zu sehen ist.

Fotografie von Alfred Eisenstaedt aus der Ausstellung  „The Family of Man“, die nun restauriert und dauerhaft in Luxemburg zu sehen ist.

Das Eintauchen in die besondere Welt der „Family of Man“ beginnt für den Besucher bereits bei der Anreise: Erscheint der großformatige Hinweis am Abzweig der Schnellstraße noch als gewöhnliches Hinweisschild, führt die weitere Fahrt über immer verschlungenere Kurven schließlich zu einer Anhöhe, die einen beeindruckenden Blick über das im Tal liegende Städtchen Clervaux eröffnet. Dominant auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich leicht erhöht das schneeweiße Schloss, das im Juli 2013 nach längerer Renovierung die Wiedereröffnung der permanenten Ausstellung „The Family of Man“ feierte.

Die Geschichte des Schlosses reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, und trotz seiner nahezu vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg vermittelt es von außen noch immer den Eindruck einer mittelalterlichen Burg. Innen beherbergt es seit 1994 die „Family of Man“, eine Ausstellung, die 1955 im Museum of Modern Art in New York Premiere feierte und in den folgenden sieben Jahren durch die ganze Welt reiste und in 150 Museen gezeigt wurde. Edward Steichen selbst, damaliger Leiter der Fotoabteilung des MoMA und Kurator der Ausstellung sowie gebürtiger Luxemburger, hatte sich für die permanente Installation im Château Clervaux ausgesprochen.

In 35 Themenfeldern, die Bereiche wie Kindheit, Jugend, Familie, Arbeit und Freizeit, aber auch Armut, Krieg, Trauer und Tod umfassen, werden insgesamt 503 Fotografien präsentiert, eine Auswahl aus vier Millionen Bildern, die seinerzeit gesichtet wurden und neben Sammlungen der großen Magazine wie „Life“ oder „Magnum“ auch private Fotografien und Aufnahmen von Hobbyfotografen umfassen.

Steichens Anliegen war es, in der Nachkriegsära und der Zeit des Kalten Kriegs mittels Fotografien „dem Menschen die Menschheit zu erklären“, wie es im begleitenden Audiokommentar zur Ausstellung formuliert wird. Besonders geeignet hierzu ist seiner Meinung nach die Fotografie, da sie „Ideen Gestalt annehmen lässt und so als Spiegel der universellen Elemente und Emotionen in der Alltäglichkeit des Lebens fungiert“ – oder, wie es der amerikanische Dichter und Schwager Steichens, Carl Sandburg, in der Einleitung des Ausstellungskatalogs zum Ausdruck bringt, als „epischer Kanon der Menschlichkeit“.

Dieses Anliegen ist bereits beim Betreten der Ausstellung mehr als augenscheinlich. Begleitet von Fotografien von Liebespaaren und Hochzeitsszenen dominiert der sogenannte Schwangerschaftstempel den ersten Ausstellungsraum. Bereits hier wird deutlich, dass Steichen ein seinerzeit innovatives Inszenierungskonzept verfolgte, das neben der „klassischen“ Aufhängung an Wänden auch andere Präsentationsformen wie etwa die Anordnung von Geburts- und Stillszenen in einem fast intim anmutenden Rondell oder die Installation von großformatigen Bildern in der Raummitte oder auch die Nutzung der Decke wählte.

 

Ausstellungsraum mit „Schwangerschaftstempel“

Ausstellungsraum mit „Schwangerschaftstempel“

 

 

Die Decke als Präsentationsfläche

Die Decke als Präsentationsfläche

 

Die Fotografien scheinen den Besucher von allen Seiten zu umringen, und so gelingt eine Kollage, wie sie sich Steichen gewünscht hat: Man könnte den Eindruck gewinnen, durch ein privates Fotoalbum zu wandeln.

Diesem Anliegen trägt das Inszenierungskonzept in Clervaux Rechnung. Während der Restaurierung der Fotografien wurde parallel auch das gesamte Schloss grundrenoviert; herausgekommen ist eine beeindruckende Stimmigkeit, die den Spagat zwischen der von Edward Steichen auch räumlich ganz dezidiert konzipierten Ausstellung im MoMA und den Gegebenheiten im Château Clervaux schafft. Durch die ausschließliche Verwendung von Grautönen sowie Weiß und Schwarz tritt die Umgebung nicht nur angenehm hinter die Fotografien zurück, sie unterstützt sie auch in ihrer Aussagekraft.

 

Nach innen gewölbter Durchgang mit Beerdigungsszenen

Nach innen gewölbter Durchgang mit Beerdigungsszenen

 

Zugleich gelingt auf diese Weise die Einbettung von Fotografien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die alten Gemäuer des Schlosses. Könnte man hier zunächst einen starken Kontrast vermuten, löst sich dieser indes auf und fungiert vielmehr als reizvolle Gesamtkulisse.

In gewisser Weise verhält es sich mit den gezeigten Bildern ähnlich: Die Bildauswahl kann bei der eingangs genannten Masse an Ausgangsmaterial nur selektiv sein – und sie ist es in ganz besonderer Weise, wie die Kritiker Steichens anmerken. Der von Edward Steichen verfolgte „milde Humanismus“ hebt vor allem auf die (vermeintliche) Universalität des Menschen ab (daher werden beispielsweise auch bewusst keine Hinweise zum Entstehungskontext der Fotografien wie Ort- und Zeitangaben gegeben), zeigt aber vor allem ein durch westliche Konventionen und Vorstellungen geprägtes Bild. Zwar wird dieses Bild an verschiedenen Stellen kontrastiert – der Kontrast wird allerdings nur gerade so stark hervorgehoben, dass er letztlich der Unterstützung des Anliegens Steichens dient.

Ob Befürworter oder Kritiker dieses Ansatzes – der 2003 in die UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommenen Ausstellung wird zu Recht seit vielen Jahren eine große Aufmerksamkeit gewidmet, eröffnet sie doch interessante Einblicke in unser fotografisches Erbe und besticht durch ihre gelungene Inszenierung.

 

Die Ausstellung ist permanent im Château Clervaux (Luxemburg) zu sehen und von Mittwoch bis Sonntag sowie an Feiertagen von 12:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet (vom 2. Januar bis zum 28. Februar ist das Museum im Zuge des jährlichen Urlaubs geschlossen).

 

Die Zitate entstammen den Audiokommentaren zur Ausstellung.

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