„… dann muss etwas an der Sache dran sein“

Interview mit Harald Schmitt im Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin im Mai 2014

 

 

Harald Schmitt

Harald Schmitt

Harald Schmitt (*1948) ist einer der bekanntesten deutschen Fotografen des späten 20. Jahrhunderts. Nachdem er sich in den 1970er-Jahren vor allem für die Fotoagentur Sven Simon betätigte,[1] war er seit 1977 festangestellter Fotoreporter des Magazins „stern“, für das er bis 1983 in der DDR arbeitete. Danach fotografierte er weltweit für „stern“-Fotoreportagen. Während seiner Laufbahn erhielt er sechs „World Press Photo Awards“.[2]

In einem Interview mit zwei Studierenden des Public History-Masters der Freien Universität Berlin am 27. Mai 2014 sprach Harald Schmitt über seine Zeit in Ost-Berlin, seine prägendsten Erlebnisse und den Wandel der Fotografie. Das Interview führten Philipp Holt und Anna Schmidt.

 

 

Philipp Holt: Wir haben das Interview in mehrere Kategorien unterteilt. Uns als Geschichtsstudenten interessiert natürlich vor allem Ihre Zeit in der DDR. Wir haben aber auch ein paar Fragen zur Fotografie allgemein und ebenso zu Ihrer Karriere. Wir dachten, wir steigen am besten in der Zeit von 1977 bis 1983 ein, in der Sie für den „stern“ in Ost-Berlin waren. Uns ist aufgefallen, dass die meisten Bilder, die Sie gemacht haben, in Schwarz-Weiß waren. War das eine Entscheidung, die Sie getroffen haben, oder kam die Vorgabe vom „stern“?

 

Harald Schmitt: Eine Farbgeschichte musste vorher von der Chefredaktion angesagt werden. „Das Stück wollen wir in Farbe drucken“. Farbe wurde extra produziert und brauchte Wochen Vorlauf. Ich habe oft mit zwei Kameras fotografiert um manches Sujet in s/w und in Farbe zu haben. Aussuchen konnte ich dann später.

 

Anna Schmidt: Kann man sagen, welche Geschichten das waren? Was das Besondere an diesen Geschichten war?

 

H.S.: Ja. Das waren dann natürlich keine aktuellen Geschichten. Das war z.B. der Spreewald, also elegische Geschichten, vor allem über die Landschaft und die Menschen.

 

P.H.: Wir haben im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung „Farbe für die Republik“ besucht. Dort waren Farbfotos aus der DDR von den zwei Fotografen Martin Schmidt und Kurt Schwarzer ausgestellt. In dem Zusammenhang haben wir diskutiert, welchen anderen Effekt Farbfotografie hat.

 

H.S.: Farbe ist versöhnlicher, nicht? Farbe ist eigentlich angenehmer.

 

P.H.: Wir haben auch mit der Kuratorin Carola Jüllig gesprochen.[3] Sie meinte, dass unser Bild von der DDR schwarz-weiß sei.

 

H.S.: Ja, da hat sie recht.

 

A.S.: Aber würden Sie sagen, dass nicht spezifisch das Bild der DDR, sondern generell das Bild dieser Zeit schwarz-weiß war?

 

H.S.: Es war eigentlich alles Schwarz-Weiß. Es sei denn, man machte eine − es hieß dann immer −„große Farbe“. Dann brauchte man auch mehr Zeit, um daran zu arbeiten. Man muss dabei mehr auf das Licht achten.

 

P.H.: Wann hat sich das geändert? Ab wann war Farbfotografie die Norm?

 

H.S.: So ab 1983/84. Da gibt es ein gutes Beispiel. Mihaly Moldvay und ich haben den Zusammenbruch der Tschechoslowakei fotografiert. Unsere Bilder sind im „stern“ leider nicht erschienen, weil wir in Schwarz-Weiß fotografierten. Dann hieß es in der Chefredaktion, es sehe dort ja aus wie in der DDR, weil die Anmutung genauso war. Die Fotoredaktion hat Bilder von Fremdfotografen in Farbe besorgt, die wir ja nicht hatten. Eine Zeit lang haben wir beides gleichzeitig gemacht. Wir hatten immer zwei Kameras umgehängt: eine für Farbe, eine für Schwarz-Weiß. Das hat sich aber nicht so bewährt, weil man das „wichtigste“ Foto immer mit der „falschen“ Kamera gemacht hat. Also wenn man gerade Farbe fotografiert, denkt man, verdammt, das wäre in Schwarz-Weiß besser gewesen und umgekehrt. Irgendwann hieß es dann: entweder Farbe oder Schwarz-Weiß.

 

A.S.: Sie haben im Seminar[4] erwähnt, dass Sie nicht gerne mit Blitz fotografieren.

 

H.S.: Weil es die Stimmung kaputt macht. Es herrscht ja eine bestimmte Stimmung im Raum, eine Lichtstimmung. Und mit Blitz fährt man da rein, und danach sieht alles gleich aus. Ich finde es schöner, wenn man die Atmosphäre, die in einem Raum herrscht, noch mit rüberbringt. Das sagt ja auch viel aus. Der Blitz macht alles gleich.

 

A.S.: Hatten Sie denn Kontakt zu anderen Fotografen aus der DDR?

 

H.S.: Ja, viel. Zu eigentlich allen bekannteren Fotografen, die z.B. für die „Sibylle“[5] gearbeitet haben oder als Lehrer bekannt waren wie Arno Fischer.

 

P.H.: Haben Sie große Unterschiede feststellen können, wie deren Arbeitsalltag aussah im Vergleich zu Ihrem?

 

H.S.: Sie haben davon profitiert, dass wir uns kannten. Zum Beispiel wäre der Kalender für die DDR-Fluggesellschaft „Interflug“ nie erschienen, wenn der Fotograf Ludwig Schirmer nicht mit mir befreundet gewesen wäre. Ich habe seine Dias mit nach West-Berlin genommen. Sie wurden dort entwickelt und vergrößert. Anschließend habe ich sie wieder zurück gebracht, und es wurde ein schöner Interflug-Jahreskalender daraus. Ich habe aber auch von den dortigen Fotografen profitiert, weil sie ein unglaubliches Fachwissen hatten. Sie wussten jeden Background der berühmten Fotografen und der Technik aus Frankreich oder Amerika. Sie kannten sich aus, was gerade angesagt war in ihrem Bereich. Bei Arno Fischer saßen viele berühmte Fotografen auf seiner Couch am Schiffbauerdamm. Natürlich waren US-Amerikaner oder Russen ebenfalls daran interessiert, wie es sich als Fotograf im Osten leben lässt.

 

A.S.: Gab es viele Journalisten aus dem Westen, die eine ständige Akkreditierung oder ein Visum wie Sie für die DDR hatten?

 

H.S.: Es gab zur gleichen Zeit vielleicht zehn. Und als Fotograf war ich der Einzige. Später kam noch Rudi Meisel dazu[6]. Aber in den ersten Jahren war ich der Einzige, der akkreditiert war.

 

A.S.: Hatten Sie damals auch Anfragen von anderen Zeitschriften?

 

H.S.: Nein, das ging nicht, weil ich beim „stern“ angestellt war. Ich habe auch mal für das Kunstmagazin „art“ fotografiert, sie gehören zum gleichen Verlag. Selbst das wurde uns irgendwann untersagt. Für „Geo“ habe ich auch mal etwas gemacht. Die „stern“-Chefredaktion hat das mit der Begründung „Wenn der ’stern‘ schon dein Gehalt bezahlt, dann kannst du auch nicht für ‚Geo‘ arbeiten“ unterbunden, obwohl das Heft im gleichen Haus erscheint.

 

P.H.: Woher haben andere Zeitschriften die Bilder aus der DDR bekommen?

 

H.S.: Wenn eine „stern“-Geschichte erschienen ist, dann wurde sie weltweit angeboten. „Time“, „Newsweek“, „Epoca“ und so weiter. Die haben oft die ganze Reportage gekauft. So gingen die Bilder ins Ausland.

 

A.S.: Wie kamen die Fotos von Ost-Berlin nach Hamburg?

 

H.S.: Mit dem Flugzeug. Das war ja noch in der Zeit, als wir nicht digital fotografierten. Ich habe die Filme ins West-Berliner Büro gebracht. Dort hat ein Bote sie abgeholt und nach Hamburg geliefert, wo sie entwickelt wurden. Ich bekam immer einen Kontaktabzug zugeschickt. So konnte ich sagen, dass z.B. 79 237 Negativ 12 gut zu einem bestimmten Thema passen würde, dann wurde dieses Foto vergrößert. Das hat den Vorteil, dass die Bilder, die ich gemacht habe, alle sehr gut von mir beschriftet wurden. Ich glaube, das ist das A und O, das macht kaum ein Fotograf. Manchmal habe ich über mich selbst lachen müssen, wie penibel ich dabei war.

Meine erste Farbgeschichte war über Kreuzberg in West-Berlin. Ich habe einen alten Mann fotografiert, der in der Moschee betete. Bei der Präsentation in Hamburg fragte mich Gill,[7] was der denn dort mache. Ich sagte, das sei ein alter Mann, der in der Moschee betet. Er sagte: „Das sehe ich auch. Wissen Sie, wer  für seinen Unterhalt aufkommt? Zahlt das die Bundesregierung, zahlt das Berlin, schleppen seine Kinder ihn durch? Wovon lebt er? Der wird doch nicht den ganzen Tag beten.“ „Das weiß ich nicht.“ Und er meinte: „Das verstehe ich nicht, dass Sie nicht nachgefragt haben.“ Seither war mir klar, dass es nicht um Blende XY geht, sondern, dass man über genügend Hintergrundwissen verfügen muss, und nicht nur auf den Auslöser drückt. Darin sehe ich den Unterschied zwischen Fotograf und Fotoreporter. Die Vorbereitung ist wichtig. Wir Fotografen zählten zur Reporter-Riege.

 

P.H.: 1983 wurde Ihr Visum in der DDR nicht mehr verlängert. Wissen Sie genau, warum?[8]

 

H.S.: Das ist eine lange Geschichte. Hauptsächlich ging es um die Hitler-Tagebücher, die im „stern“ erschienen sind. Die sollten angeblich aus der DDR kommen. Ich wurde nach Hamburg beordert. Dort hieß es, ich hätte bis zum Nachmittag Zeit, um festzustellen, ob das, was Gerd Heidemann sagt, der Wahrheit entspräche, und wie er an diese Tagebücher gekommen sei. Er hatte behauptet, dass der Leiter des kleinen Heimatmuseums in Börnersdorf bei Löbau[9] diese Tagebücher besitze. Sein Bruder sei ein „hohes Tier“ bei der Staatssicherheit, und wenn herauskäme, von wem er, Heidemann, die Bücher bekommen habe, dann würde die Stasi als Vergeltung seine Kinder umbringen. Ich bin also von Hamburg mit dem Auto nach Löbau gefahren. Es gab dort nur ein Arbeitermuseum, das am ersten Mittwoch des Monats von 16-17 Uhr geöffnet hatte. Irgendwie stimmte alles nicht. Ich habe dann die Schwester von Konrad Kujau, dem Fälscher der Tagebücher, gefunden. Er nannte sich damals Fischer. Sie war die Frau des Heizers aus diesem Museum. Ich habe beide unter Druck gesetzt und ihnen gesagt, dass der Fernseher, der dort stehe, doch letztendlich vom „stern“ bezahlt worden sei und sie nicht ihren Bruder decken könne. Doch sie hat alles abgestritten und damit gedroht, die Polizei zu rufen. Ich habe ihr gesagt, dass sie es doch sei, die etwas verberge. Hinterher hat die Familie das der Staatssicherheit gemeldet. Ihren Bruder habe ich ebenfalls besucht, bei dieser Familie lief das ähnlich ab. Die haben natürlich in ihrer Aussage so getan, als ob sie von nichts wüssten. Aber sie wussten genau Bescheid, was ihr „West“-Bruder, also Kujau, für ein Typ war. Dass sie sich an die Stasi gewandt hatten, schon aus Eigenschutz, war schließlich ein Grund für meine Abberufung.

Dann berichteten wir noch von einem sogenannten Attentat auf Erich Honecker.

 

P.H.: Durch Paul Eßling.[10]

 

H.S.: Genau. Dass jemand auf das Staatsoberhaupt schießt, durfte es im Sozialismus nicht geben. Undenkbar. Der schreibende Kollege Dieter Bub musste daraufhin das Land verlassen, innerhalb von 48 Stunden. Hätte man mich ebenfalls ausgewiesen, hätte dies die Schließung des Büros bedeutet, obwohl so etwas nach KSZE-Richtlinien eigentlich nicht möglich gewesen wäre. So gab es nur einen Fotografen, aber keinen Texter des „stern“ in der DDR. Die DDR-Behörden wollten keinen neuen Kollegen akkreditieren, solange ich noch in der DDR tätig war. Also wurde ich von Hamburg abberufen und ein neues Team konnte sich akkreditieren. Sehr geschickt von den Behörden. Deshalbstimmt es nicht ganz, dass mein Visum nicht verlängert wurde, vielmehr wurde ich auf Druck abgezogen.

 

P.H.: Zu dem sogenannten Attentat selbst: Waren Sie dabei? Haben Sie es gesehen?

 

H.S.: Der schreibende Kollege hatte einen Hinweis bekommen, dass in Klosterfelde angeblich jemand auf Honecker geschossen habe. Die Staatssicherheit hätte denjenigen dann an Ort und Stelle erschossen. Es soll sich um einen Ofensetzer aus Berlin handeln. Wir haben uns gedacht: Wenn in unseren Informationen das Wort Ofensetzer fällt, dann muss etwas an der Sache dran sein. Das war schon ziemlich präzise, zumal wir auch das genaue Datum wussten. Ich glaube, es war der 31. Dezember. Also haben wir uns einen Mietwagen genommen. Unsere Autos hatten blaue Nummernschilder anstatt der üblichen Weißen. Jeder Polizist hätte sofort an der Nummer gesehen: Journalist, Westdeutschland − an der Nummernkonstellation QA für die Bundesrepublik und an der Zahl 57 für Journalist. Wir sind nach Klosterfelde gefahren und zum Friedhof gegangen, um zu schauen, wer da am 31. Dezember gestorben ist. Eine alte Frau sagte uns, dass hier ja einiges los gewesen sei. Der Mann, den wir suchen, wäre sofort verbrannt worden. Da war uns klar, dass an der Geschichte etwas stimmen musste. Wir gingen in eine Kneipe. Dort haben uns Besucher erzählt, wie der Täter tot auf der Straße gelegen habe, bis jemand sagte, man solle den Toten endlich zudecken, da die Kinder zeitnah aus der Schule kommen würden. Wir haben auch erfahren, wo die Familie des Täters lebte, und sie besucht, um dann unsere Geschichte zu schreiben. Der damalige Sicherheitschef von Honecker hat 2014 ein Buch geschrieben, das habe ich vor zwei Wochen gelesen. Darin schreibt er, dass Paul Eßling sich selbst gerichtet habe. Wir haben geschrieben, dass die Staatssicherheit ihn erschossen hätte[11]. So hatte man es uns damals geschildert.

 

A.S.: Nun zur Fotografie zurück. Als wir im DHM die Ausstellung „Farbe für die Republik“ besucht haben, kam eine Diskussion auf. Die Kuratorin behauptete, dass die Fotos, die da gezeigt werden, keine Kunst seien.

P.H.: Es gab die Aussage, dass die Fotografen ihre Bilder nicht als Kunstobjekte, sondern einfach als Handwerk verstanden hätten. Uns interessiert jetzt, wie Sie zu Ihrer Arbeit stehen.

 

H.S.: Ich habe das immer auch als Handwerk verstanden. Aber wenn ich sehe, was so alles unter dem Mantel Kunst ausgestellt wird, frage ich mich oft, was denn daran Kunst sein soll. Ich sage es mal so: Ein gutes Reportagefoto zu machen ist schon eine Kunst. Wenn man versucht, in drei Fotos oder fünf − je nachdem, wie viele Bilder veröffentlicht werden − ein komplexes Thema zusammenzufassen und in einem Bild möglichst viel zu erzählen, dann ist das schon sehr, sehr schwer. Und das ist, glaube ich, nicht nur Handwerk. Die meisten Reporter sagen: Das, was wir machen, ist Handwerk, das ist keine Kunst. Aber ich glaube und unterstelle mal, dass man das bewusst sagt, aber Anderes denkt.

Es gibt natürlich auch Kunstfotos, die große Klasse sind. Das ist schon eine andere Dimension. Heute werden Fotos mit einem Wert von über einer Million Euro gehandelt. Aber die sind wirklich exzeptionell, das hat auch seine Berechtigung.

 

A.S.: Ich habe gelesen, dass Sie nur beim „World Press Photo Award“ teilgenommen haben und bei keinem anderen Fotowettbewerb. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere daran?

 

H.S.: Das ist das Schwierigste. Eine Konkurrenz aus mindestens 100 Ländern, es gibt ungefähr 100.000 eingeschickte Bilder. Und wenn man sich da durchsetzt und einen Preis bekommt, dann heißt das schon was. Man kann mit Glück vielleicht einmal gewinnen, man kann mit Glück zweimal gewinnen. Aber mehrfach gewinnen, das ist dann nicht nur Glück. Es gibt, glaube ich, eine Fotografin, die sieben Preise hat. Mit sechs Preisen gibt es dann schon ein paar, ich weiß nicht, wie viele. Das ist schon sehr schwer erreichbar. Früher gab es, wenn die Bilder erst in der Endauswahl gescheitert sind, wenn man sozusagen den vierten, fünften Platz erreicht hat, noch eine Urkunde, leider seit Jahren nicht mehr. Darüber freut man sich natürlich auch. So wusste man, dass man nur knapp gescheitert war. Andere Wettbewerbe haben mich nie interessiert. „World Press“ ist so etwas wie der Film-Oscar für Fotografen.

 

P.H.: Wir haben jetzt viel über die Vergangenheit geredet. Wie hat sich, Ihrer Einschätzung nach, die professionelle Fotografie durch die weite Verbreitung der privaten, technisch sehr versierten Fotografie verändert? Mittlerweile sind gute Kameras für jeden erschwinglich.

 

H.S.: Vor allen Dingen glaubt heute jeder, er könne fotografieren. Früher war das ein Beruf, und heute ist es so leicht geworden: Jeder macht seine Fotos mit einem Handy. Die Kameras sind so gut, selbst die billigen Kompaktkameras für 300 Euro machen tolle Bilder. Man drückt drauf und fertig. Ein Foto hat keinen Wert mehr, wird nicht mehr mit Respekt behandelt. Ganz schrecklich sind diese Selfies, die jetzt jeder von sich selbst macht. Das ist halt Mode, dagegen kann man nichts machen. Mir tut das weh, denn ein gutes Foto zu machen, bedeutet Arbeit. Da steckt richtig viel Selbst mit drin, was man, wer sich damit nicht beschäftigt, weiß das gar nicht. Der denkt, ein Fotoreporter fährt irgendwo hin, knipst ein bisschen herum und hat ein paar Bildchen geknipst. Es ist aber schon viel mehr. Man ist froh, wenn man jeden Tag ein druckbares Bild fotografieren kann, und man ist froh, wenn man am Jahresende zwei, drei Bilder hat, die über den Tag hinaus Bestand haben. Alles andere fällt durch den Rost.

 

A.S.: Haben Sie denn ein besonderes Lieblingsbild? Oder mehrere?

 

Kokoschka küsst Zuckmayer (1976)

Alte Freunde: Oskar Kokoschka küsst Carl Zuckmayer – Abzug mit Kokoschkas Widmung (1976)
© Harald Schmitt, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung. Abdruck in: Harald Schmitt: Auf den Punkt – 33 Jahre als Fotoreporter für den „stern“, Addison-Wesley Verlag München 2011, S. 81

H.S.: Das von Kokoschka und Zuckmayer, das ist, glaube ich, mein Lieblingsbild. Weil das so eine Nähe hat: diese Begegnung der beiden alten Männer. Ich habe auch Carl Zuckmayer kurz vor seinem Tod noch einmal getroffen und ein Porträt von ihm gemacht. Als er es erhielt, schrieb er, dass dies das großartigste Altersporträt von ihm sei, das es gäbe. Die Begegnung der beiden Alten war für mich sehr bewegend.

 

P.H.: Gab es noch eine andere Persönlichkeit, die Sie besonders beeindruckt hat?

A.S.: …oder ein Thema?

 

H.S.: Am stärksten berührt haben mich die dioxinverseuchten Kinder in Vietnam.[12] Wir sind mit der „Aktion Friedensdorf“ aus Düsseldorf hingeflogen. Der Leiter der Organisation hat dort die Kinder ausgesucht, die mit nach Deutschland kommen durften. Und das war das Emotionale: das Aussuchen. Ich selbst habe keine Kinder. Er durfte nur zwölf mitnehmen, vor Ort hofften ungefähr hundert mitgenommen zu werden. Die Eltern wollten, dass ihre Kinder mitkamen, damit sie in Deutschland behandelt werden könnten. Und dann musste man den Eltern sagen: „Nein, bei Ihrem Kind hat es gar keinen Sinn mehr, weil der sowieso bald stirbt!“ Das hat der Leiter entscheiden müssen, wir natürlich nicht. Aber wir standen daneben und redeten abends mit ihm. Ein Elternpaar nahm ihn zur Seite und wollten ihm Geld zustecken. Obwohl der Leiter das Kind erst nicht mitnehmen wollte, nahm er es schließlich doch noch mit nach Deutschland, weil es wirklich schwer krank, aber noch zu retten war. Das Geld hat er natürlich nicht genommen. Sollte er, weil die Eltern den Bestechungsversuch gemacht haben, das Kind leiden lassen?

 

Vietnamesisches Kind mit verkrüppelten Armen (1989)

Vietnamesisches Kind mit verkrüppelten Armen (1989)
© Harald Schmitt, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung. Abdruck in: Harald Schmitt: Auf den Punkt – 33 Jahre als Fotoreporter für den „stern“, Addison-Wesley Verlag München 2011, S. 203

Dann ist man plötzlich mit zehn Kinder im Flugzeug unterwegs. Sie sitzen in Rollstühlen und können nicht laufen, man trägt sie hinein und bei Zwischenlandungen heraus. Wir übernachteten in Bangkok, und die Kinder fuhren nachts mit Rollstühlen Rennen auf dem Hotelflur. Das war wirklich sehr bewegend. Ich glaube, das war die Geschichte, die mich am meisten berührt hat.

 

A.S.: Wenn Sie die Menschen fotografieren, fragen Sie dann vorher um Erlaubnis?

 

H.S.: Nein. Ich fotografiere erst, und dann frage ich. Erst einmal das Foto haben! Früher habe ich das anders gemacht – und öfter bereut: Einmal ging es um Sexualität in Indien. Das ist ein Thema, welches nur sehr schwer in Bilder umzusetzen ist. Ich habe dort junge Männer fotografiert. Die waren besonders schrecklich, weil sie die jungen Mädchen unter Druck setzten und sagten: „Wenn du nicht mit mir schläfst, dann trenne ich mich von dir!“ Und sobald sie das Mädchen rumgekriegt haben, verachten sie sie als Nutte. Für die Jungs ist das nur ein Spiel! Ich hatte diese Männer schon für ein Foto szenisch aufgebaut, da kam der schreibende Kollege angerannt. Wir waren am Strand. Er rief: „Da hinten küsst sich ein Paar im Wasser.“ Ich wollte es nicht glauben, so etwas hatte noch kaum einer in Indien gesehen, dass man sich in der Öffentlichkeit küsst. Es war ein jüngeres Paar, vielleicht so um die dreißig Jahre alt. Sie standen im Wasser, umarmten und küssten sich. Und ich Idiot bin da hin und habe gefragt. Der Mann hätte mich fast umgebracht. Ich vermute mal, er war nicht der Ehemann. Da habe ich mich wirklich geärgert, dass ich nicht erst drauf gedrückt und dann gefragt habe. DIe Gesichter hätte man auf dem Foto nicht erkannt, darauf hätte ich schon geachtet.

 

P.H.: Haben Sie die Rechte an Ihren Bildern?

 

H.S.: Ja, die liegen bei mir. Der „stern“ hat ein Druckrecht, die haben ja alle Reisen und mein Gehalt bezahlt. Aber die Negativrechte liegen bei mir.

 

A.S.: Herr Schmitt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

[1] Sven Simon war das Synonym von Axel Springer junior.

[2] Der „World Press Photo“-Wettbewerb wird von der 1955 gegründeten „World Press Photo Foundation“ durchgeführt. Einmal im Jahr werden die besten Fotos in zehn Kategorien ausgezeichnet. Er gilt als der renommierteste Fotowettbewerb der Welt. http://www.archive.worldpressphoto.org (10.02.2015)

Ausgezeichnete Beiträge von Harald Schmitt:

1974: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/start/5/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

1976: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/start/4/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

1987: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/start/3/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

1997: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/start/2/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

1999: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/start/1/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

2001: http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/photographer_formal/Schmitt%2C%20Harald

[3]    Die Kunsthistorikerin Carola Jüllig kuratierte die Ausstellung „Farbe für die Republik. Auftragsfotografie vom Leben in der DDR“ für das Deutsche Historische Museum 2014, http://www.dhm.de/ausstellungen/farbe-fuer-die-republik.html (10.2.2015).

[4]    Harald Schmitt war vor dem Interview Gast in der Übung „Fotografie und Geschichte“ des 6. Jahrgangs des Masterstudiengangs Public History der Freien Universität Berlin.

[5]    „Sibylle“ war eine Modezeitschrift in der DDR, die von 1956 bis 1995 erschien. Besonders beliebt waren ihre Fotostrecken, die von namhaften Fotografen abgelichtet wurden.

[6]    Rudi Meisel arbeitete als Fotograf für viele Zeitungen und Zeitschriften, so etwa für den „Spiegel“ und „The Economist“. Zur Zeit der deutschen Teilung lag der Schwerpunkt seiner Fotografie auf dem Alltag in der Bundesrepublik und DDR. Heute ist er als Architektur-, Porträt- und Reportagefotograf tätig.

[7]    Rolf Gillhausen war Fotograf und Journalist. Er gründete das Magazin „Geo“ und war von 1980 bis 1984 Chefrdakteur des „stern“; siehe http://www.visual-history.de/2014/11/24/der-blattmacher-rolf-gillhausen (10.02.2015).

[8]    In der Seminarsitzung hatte Harald Schmitt bereits ausführlich von seiner Überwachung durch die Staatssicherheit berichtet. In der seit November 2013 eröffneten Ausstellung „Alltag in der DDR“ in der Kulturbrauerei Berlin sind Teile dieser Akte ausgestellt.

[9]    Börnersdorf ist ein Ortsteil der Stadt Bad Gottleuba-Berggießhübel im Bundesland Sachsen.

[10]  Paul Eßling geriet am 31. Dezember 1982 in Klosterfelde bei Wandlitz in eine Schießerei mit Polizisten aus Honeckers Wagenkolonne und kam selbst ums Leben, vermutlich durch Selbstmord. Die Geschichte wurde knapp zwei Wochen später im „stern“ veröffentlicht und als Anschlagsversuch auf Honecker gewertet (Magazin Nr. 3, 13.1.1983).

[11]  Bernd Brückner: An Honeckers Seite. Der Leibwächter des ersten Mannes, Berlin 2014. Bernd Brückner arbeitete ab 1976 als Leibwächter von Erich Honecker.

[12]  Die Geschichte erschien 1979 im „stern“.

 

Harald Schmitt (*1948)

1969 – 1972 Sportfotograf bei der Agentur Frinke in München

1972 – 1974 Politischer Fotograf bei der Agentur Sven Simon in Bonn

1974 – 1975 Star Agency in Paris und Nizza

1975 – 1977 Fotoagantur Sven Simon in Bonn

1977 – 2011 Festangestellter Fotoreporter des Magazin stern in  Hamburg

seit 2011 freischaffender Fotoreporter in Hamburg

 

 

Zitation


Philipp Holt und Anna Schmidt, „… dann muss etwas an der Sache dran sein“. Interview mit Harald Schmitt im Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin im Mai 2014, in: Visual History, 30.03.2015, https://www.visual-history.de/2015/03/30/dann-muss-etwas-an-der-sache-dran-sein/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1272
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