Archiv-Fieber – „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“ von Emanuel Mathias

Aus dem Brigadebuch-Archiv der Leipziger Baumwollspinnerei – c|o Berlin, Talents, 18. April bis 14. Juni 2015

Emanuel Mathias: Austellung „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“

Emanuel Mathias: Austellung „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“. Filmstill 2015 HD Video, 21:20 Min., mit freundlicher Genehmigung von Emanuel Mathias ©

Das Ausstellungskonzept „Talents“ ist ein Förderprogramm für junge Fotografen und Kunstkritiker. Es wird seit 2006 jährlich von c|o Berlin ausgeschrieben und vom Gründungspartner Deutsche Börse AG finanziell unterstützt. Das Thema der Ausschreibung ist jeweils vorgegeben und besitzt in der Regel einen weiten Interpretationsrahmen. Die Jury dieses Talentwettbewerbs besteht aus Kuratoren, Bildwissenschaftlern, Journalisten und Fotografen. Bewertet wird, laut Selbstbeschreibung, die Umsetzung des vorgegebenen Themas in ein „inhaltlich und ästhetisch qualitativ hochwertiges“ Werk.

Die Ausschreibung des Jahres 2013 ließ also wie gewohnt einen großen Spielraum für die Bewerber/innen. Unter dem Begriff „Memories“ sollte der Widerspruch zwischen Erinnerung und ihrer Darstellung im Medium der Fotografie, mithin also die Kluft zwischen (erinnertem) Ereignis und seiner Visualisierung künstlerisch hinterfragt werden. Ein Thema, mit dem sich die Forschungen zur „Visual History“ in Deutschland seit knapp 20 Jahren methodisch und theoretisch beschäftigen. Dabei konnten sich die Historiker/innen der misstrauischen Beobachtung durch die Kunstwissenschaftler/innen gewiss sein, die dieses Feld für sich beanspruchten. Vor allem in der Entstehungsphase der im Vergleich mit dem angloamerikanischen Raum in Deutschland recht jungen „Visual History“ wurde ihren Vertretern ein ertragreicher wissenschaftlicher Umgang mit visuellen Quellen von Seiten ihrer Nachbardisziplin kaum zugetraut.

Die Ausschreibung mit dem Thema „Memories“ gewann – neben den weiteren Preisträgern Iveta Vaivode, Marc Beckmann, Krzysztof Pijarski – der 1981 in Halle geborene Emanuel Mathias. Seine Arbeit mit dem Titel „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“ ist derzeit in den Ausstellungsräumen von c|o Berlin in der Nähe des Bahnhof Zoo zu sehen.

Mathias studierte in Leipzig Fotografie und war bis 2011 Meisterschüler bei Tina Bara. Der 33-Jährige hatte bereits vor seiner Ausstellung bei c|o einige Erfolge im hart umkämpften Feld der künstlerischen Fotografie. So erhielt er im Jahr 2011 den Marion-Ermer-Preis[1] und 2013 den SYN Award.[2] Im Jahr 2015 finanzierten ihm das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und das Goethe-Institut Jakarta eine Recherchereise nach Indonesien für sein Projekt „Entscheidung für eine angemessene Entfernung“[3], und in diesem Jahr steht er mit seinen Arbeiten auf der Longlist für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst.[4]

 

Archiv-Fieber
Das Thema „Erinnerung“ ist ein weites Feld, auf dem sich seit langem auch Historiker/innen tummeln. Die Arbeit von Emanuel Mathias zeigt, dass es sich lohnt, den Blick vom Schreibtisch zu heben, um zu entdecken, wie andere Professionen mit jenem Quellenmaterial umgehen, mit dem sich Sozial- und Alltagshistoriker in den 1990er-Jahren beschäftigt haben und aus dem sich Erinnerung heute speisen kann. Material zudem, das sich seit dem Sinken der Archiv-Fieberkurve zu Beginn der 2000er-Jahre vornehmlich in Datenbanken und in zwar kenntnisreichen, dennoch oft zäh lesbaren wissenschaftlichen Arbeiten der Zeithistoriker/innen findet.
Die Öffnung der Partei- und Staatsarchive der ehemaligen DDR war ein für die Geschichtswissenschaften einmaliger Vorgang. Vor diesem Hintergrund veränderte sich im Laufe der 1990er-Jahre der Fokus der Geschichtsschreibung sukzessive von den großen gesellschaftspolitischen Themen – etwa der Einheitsorganisationen, der Einbindung und Ausrichtung des Landes in die sowjetische Interessenssphäre – hin zu Themen einer erweiterten Sozialgeschichte, die neben den gesellschaftlichen Strukturen die Mikroebene, die Lebensweisen und Erfahrungen der Menschen in der DDR in ihre Untersuchungen einbezieht. Eingebettet in die Arbeitergeschichte Westeuropas, die ihre Glanzzeiten schon hinter sich glaubte, erfolgte ein vorläufig letztes konjunkturelles Hoch auf diesem Feld, ausgelöst durch die Überlieferungen einer betriebsförmig ausgerichteten Gesellschaft. Die Verschiebung des Fokus der DDR-Geschichtsschreibung von der Herrschaftsebene hin zum Feld sozialer Beziehungen und Handlungen einzelner Gruppen und Individuen betraf also in besonderem Maße die Erforschung des betrieblichen Lebens.

Ein gänzlich anders motiviertes und schließlich inszeniertes „Archiv-Fieber“ existierte wenig später auch in der zeitgenössischen Kunst. Wie sich Mathias’ Arbeiten darin verorten, wie er die Ästhetik des Archivs nutzt, wie er Erinnerungskonstruktionen künstlerisch inszeniert, ist in dem außerordentlich spannenden und klugen Katalogtext der Medienwissenschaftlerin Sabine Weier nachzulesen.[5] Weiers Text hat kaum etwas von dem ermüdenden Kuratorengeschwurbel, das sich in Kunstkatalogen oft findet. Vielmehr gräbt sie tief in den kulturwissenschaftlichen und philosophischen Forschungslandschaften, um Mathias’ Konzept den Arbeiten etwa von Jan und Aleida Assmann zur Funktionsweise der Erinnerung oder Michel Foucaults Beschäftigung mit zeitgenössischen Archiven gegenüberzustellen.[6]

Für das Projekt „Kunst, Freiheit, Lebensfreude“ recherchierte Mathias im Archiv der Baumwollspinnerei Leipzig. In diesem Albtraum eines Archivs, weil komplett unerschlossen, stieß er schließlich auf Brigadetagebücher aus dem VEB Leipziger Baumwollspinnerei der 1960er- bis 1980er-Jahre. Die Bilder und Einträge, die Mathias in diesen Brigadetagebüchern fand, ordnete er neu an und unterlegte sie mit verschiedenen Materialien, ließ einzelne Textpassagen zum Beispiel auf Baumwolltücher sticken. Er nutzt die Überlieferungen des Archivs, um eine eigene, vielleicht einzig mögliche Form der Erinnerung zu konstruieren. Mit der Beschriftung der Bilder simuliert er die Ordnung des Archivs – eine Ordnung, die er im real existierenden Archiv der Spinnerei gar nicht vorfand, eine Ordnung allerdings, die dem Archiv an und für sich unterstellt wird.

David von Becker: Ausstellungsansicht: Kunst, Freiheit und Lebensfreude

Ausstellungsansicht „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“ von Emanuel Mathias. Foto: David von Becker © mit freundlicher Genehmigung

Dabei fanden sich die Archive der staatlichen Industriebetriebe des untergegangenen Landes, verursacht durch den eiligen Privatisierungsfuror der Treuhand, oft nur noch in den Containern der Entsorgungsfirmen, blieben ungeordnet oder gar zerfetzt in leer geräumten Industrieverwaltungen zurück. Unendlich viel Material ging so verloren. Eine Geschichte zerstörter, verwahrloster Erinnerungen böte sich hier an.

 

Die Spuren der Brigaden

Für Zeithistoriker/innen spannend an Mathias’ Arbeit ist sein Umgang mit einem für die DDR-Forschung der 1990er-Jahre sehr zentralen Untersuchungsgegenstand: dem Betrieb, genauer den Brigaden als sozialem Handlungsraum. Betriebe in der DDR waren Quelle unterschiedlichster Ressourcen, sie eröffneten den Zugang zu sozialen und kulturellen Dienstleistungen, stellten Wohnraum und Urlaubsplätze zur Verfügung, entschieden über Karrierechancen und verteilten materielle Güter, die außerhalb des Betriebes nicht erreichbar waren. Mit den „Brigaden der sozialistischen Arbeit“ bildete sich innerhalb der Betriebe eine wichtige soziale Substruktur heraus. Der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler geht so weit, die „sozialistischen Brigaden“ als zentralen Ort der DDR-Gesellschaft zu identifizieren. Knapp 80 Prozent aller Arbeiter und Angestellten in der DDR nahmen an der Brigadebewegung teil, die 1959 per Dekret ins Leben gerufen wurde. Die Initiative zur Gründung der Brigaden ging auf sowjetische Vorbilder zurück. Brigaden hatten jedoch nicht nur die Erhöhung der Produktivität und damit die Erfüllung des Plans zu garantieren. Bedingung für den Erwerb des Titels „Brigade der sozialistischen Arbeit“ war die Verpflichtung ihrer Mitglieder zu Qualifikation und kollektiv durchgeführten Kulturveranstaltungen. Spätestens seit dem Ende der 1960er-Jahre ging die „Brigadebewegung“ also weit über die Arbeitswelt des Einzelnen hinaus und dehnte sich zunehmend auf alle Beschäftigten auch außerhalb der Industrie aus. Das hinterließ Spuren.

David von Becker: Ausstellungsansicht: Kunst, Freiheit und Lebensfreude

Ausstellungsansicht „Kunst, Freiheit und Lebensfreude“ von Emanuel Mathias. Foto: David von Becker © mit freundlicher Genehmigung

Diesen Spuren, die nun mehr und mehr verblassen, folgt Mathias mit seiner Neuanordnung von Szenen des Brigadelebens. Indem er die von den Brigaden pflichtgemäß zu führenden „Tagebücher“ in einen inszenierten Archiv-Kontext stellt, sie quasi neu auslegt, rahmt und Texte aus dem Kontext zwingt, geschieht etwas völlig Unvermutetes: Trotz oder gerade wegen der Verfremdung der Ursprungsquellen wird Erinnerung möglich, verlieren sich die üblichen Standards der Erinnerungsnarrative. Die pauschale Entwertung eines Lebens in der Diktatur wird ebenso kraftlos wie die nostalgische Überhöhung eines Mythos von Solidarität und Gemeinschaft in der Mangelwirtschaft.

Deutlich wird vielmehr jenes Leben, das sich jenseits und trotz sozialpolitischer Pazifizierung und permanenter propagandistischer Hintergrundmusik abgespielt hat. Dazu gehören die Verweigerung des sozialistischen Gemeinschaftsideals ebenso wie der Hunger nach allem, was sich außerhalb der Arbeit im Schichtsystem, im Akkord und in stickigen Räumen befand. Es ergibt sich hier weder die Möglichkeit der Verharmlosung noch die Feier sozialistischer Retroklischees. Dafür zeigt sich zum einen die anthropologische Konstante des Eigen-Sinns der Handelnden und zum anderen genügend Raum für die Beschäftigung mit der eigenen Erinnerung.

 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Juni 2015 in der c|o Berlin Galerie.

Fotos und Filmstill: mit freundlicher Genehmigung Emanuel Mathias und David von Becker, Mai 2015

Ausstellungskatalog: Emanuel Mathias/Sabine Weier, Kunst, Freiheit und Lebensfreude. Talents 32 Junge Fotografie/Kunstkritik, Berlin/Heidelberg 2014, 24,90 €

 

[1] Über den Marion-Ermer-Preis

[2] Über den SYN Award allgemein und zum Projekt von Emanuel Mathias

[3] Ein kurzer Text zu diesem Projekt auf der Website von Mathias.

[4] Der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst ist ein Kunstpreis, der seit dem Jahr 2000 alle zwei Jahre vom Verein der Freunde der Nationalgalerie in Berlin an in Deutschland lebende bildende Künstler unter 40 Jahren verliehen wird.

[5] Sabine Weier, Brüche im Kollektiv. Archiv, Gedächtnis und Fotografie, in: Emanuel Mathias/Sabine Weier, Kunst, Freiheit und Lebensfreude. Talents 32 Junge Fotografie/Kunstkritik, Berlin/Heidelberg 2014.

[6] Der, leider überteuerte, dennoch sehr schöne Katalog der Talents-Reihe enthält außerdem ein ausführliches Interview mit Emanuel Mathias, geführt von Sabine Weier.

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