70 Jahre Kriegsende: Eine beachtenswerte Fotoausstellung in Paris zum „Volksaufstand“ von 1944

Ausstellungsplakat Musée Carnavalet 2014

Ausstellungsplakat Musée Carnavalet 2014 © Musée Carnavalet

Bereits drei Monate nach der Befreiung von Paris öffnete am 10. November 1944 unter dem Titel „Libération de Paris“ die erste Ausstellung über die Tage des Aufstands ihre Tore. Dieses Ereignis im Musée Carnavalet – dem Museum der Pariser Stadtgeschichte – nahm 70 Jahre später eine Ausstellung zum Anlass, am selben Ort eine Darstellung der etwas anderen Art unter dem Titel „Paris Libéré, Paris Photographié, Paris Exposé“ zu präsentieren. Bemerkenswert an der Ausstellung, die vom 11. Juni 2014 bis zum 8. Februar 2015 zu sehen war, und dem sie begleitenden dreisprachigen Katalog (französisch, englisch und deutsch) ist der reflektierte Umgang mit der Fotografie, die gleichermaßen als Medium der historischen Dokumentation wie der Geschichtspolitik und der Erinnerungskonstruktion behandelt wird. Ausstellung und Katalog zeigen beispielhaft, wie sich der Umgang mit der Fotografie in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Anliegen der Ausstellungsmacher von 2014/15 war es, nicht nur die Ereignisse von 1944 Revue passieren zu lassen, sondern in historisierender Perspektive zugleich die Entstehung und Machart der fotografischen Dokumentation von 1944 zu beleuchten. Dabei gingen sie von folgenden Fragen aus, die die Kuratorin der Ausstellung und Fotografieexpertin Catherine Tambrun so beschrieben hat: „Die neue Ausstellung versucht, unter Berücksichtigung von Aspekten, die 1944 völlig unkommentiert geblieben waren, die Konstruktion einer historischen Darstellung zu analysieren. Wie entsteht ein Fundus an Bildern, wenn die Anwesenheit eines Fotografen am Ort der Ereignisse rein zufällig ist? In welchem Verhältnis steht das, was zu sehen ist, zu dem, was nicht zu sehen ist? Welche Glaubwürdigkeit kann man den Bildlegenden beimessen, über die wir verfügen? Was sollen wir von Fotos halten, von denen nur Ausschnitte verwendet oder die gefälscht wurden? Von ihrer thematischen Anordnung? Von ihrer Abfolge?“ Die Ausstellung von 2014/15 verknüpfte also auf geradezu wegweisende Art die aktuelle mit der historischen Ausstellung von 1944 und befragte sie zu ihrer geschichts- und erinnerungspolitischen Bedeutung.

Bereits das Plakat der Ausstellung von 1944, die innerhalb von sieben Wochen von 35.000 Menschen besucht wurde, ließ die geschichtspolitische Absicht erkennen. Das Blatt zeigte eine Montage von zwei Fotografien: einer von ihrem Hintergrund freigestellten Aufnahme von René Zuber, die einen bewaffneten Kämpfer mit FFI-Armbinde auf einer aus Sandsäcken aufgeschichteten Barrikade festhält, und einer Aufnahme der Zwillingstürme von Notre Dame im Hintergrund. Auf diese Weise erhielt der in die Traditionslinie der französischen Revolutionsgeschichte gestellte Volksaufstand gleichsam den Segen der Kirche.

Konzipiert und organisiert war die Ausstellung von François Boucher, einem ehemaligen Widerstandskämpfer. Unmittelbar nach der Befreiung hatte er am 7. September 1944 damit begonnen, Bilder aus diesen Tagen zu sammeln. Zu diesem Zweck hatte er Behörden, Fotoagenturen und Privatpersonen kontaktiert und 1500 Fotografien zusammengetragen, aus denen er die eindrucksvollsten für die Ausstellung auswählte. Unter diesen befanden sich Aufnahmen so bekannter Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau, Brassaï alias Gyula Halász, Roger Schall sowie von sechs „Life“-Fotografen – unter ihnen Robert Capa und Chim alias David Seymour –, die mit den alliierten Truppen am 25. August Paris erreicht und die Befreiung in mehr als 1300 Aufnahmen dokumentiert hatten. Bevorzugt hatte Boucher jene Bilder ausgewählt, die mitten aus einem Geschehen stammten und die Betrachter virtuell in dieses involvierten: unscharfe Fotografien vom Barrikadenbau und den Straßenkämpfen mit den deutschen Besatzern, Aufnahmen aus Verstecken heraus, bei denen der Fotograf den Schützen über die Schulter schaut, Aufnahmen von Angehörigen der Garde républicaine bei der Verteidigung des Hôtel de Ville usf. Gruppiert waren die Schautafeln nach Themen und Orten wie „Paris unter der Besatzung“, „Der Einzug der Alliierten“, „Das rechte Seine-Ufer“, „Die Parade“ usf.

Optisch fokussierte die Ausstellung auf General de Gaulle. Sein Porträt empfing die Besucher schon am Eingang. Zugleich stand es auch am Ende der Ausstellung. Bereits beim Eintritt wurde der Besucher von einer von einem Bühnenbildner entworfenen Inszenierung empfangen, die aus einer einem Triptychon ähnlichen dreiteiligen Bilderwand bestand, auf der die wichtigsten Akteure der Befreiung vorgestellt wurden. Durch Positionierung und Bildgröße hervorgehoben, stach im Zentrum des Mittelteils eine Fotografie de Gaulles hervor. Dieser erschien als derjenige, der die Fäden in der Hand hielt und den Akteuren ihre Rollen zuwies. Gerahmt wurde das Triptychon durch eine im Vordergrund aus Pflastersteinen und Maschinengewehren angedeutete Barrikade und zwei Pylonen in den Farben Frankreichs am Rande.

Neben de Gaulle setzte die Ausstellung dem Volk von Paris ein Denkmal. Auch wenn Boucher die entscheidende Rolle der Amerikaner bei der Befreiung von Paris nicht unterschlug, entsprach die Ausstellung doch ganz dem von de Gaulle in seiner Rede vor dem Hôtel de Ville ausgerufenen Satz: „Befreites Paris! Befreit aus eigener Kraft, befreit durch sein Volk mit der Hilfe der Armeen Frankreichs.“ Auf den Fotografien sind daher vornehmlich bewaffnete Kämpfer, z.T. in Uniform und mit der Armbinde der FFI, z.T. aber auch Zivilisten, mitunter gar Kinder zu sehen.

Neben der Herausstellung de Gaulles und des Volkes von Paris hatte sich Boucher bemüht, den Aufstand in die französische Nationalgeschichte einzuordnen. Ort des Befreiungskampfes war daher wie in den Tagen der Revolution von 1789 und jenen der Commune von 1871 die Barrikade. In ihren Aufnahmen wurde der Symbolcharakter des Volksaufstands besonders deutlich. Militärstrategisch waren diese jedoch weitgehend bedeutungslos gewesen; manchmal hatten sie sogar die Kämpfer der FFI und die vorrückenden Panzer von General Leclerc behindert. Immer wieder fallen in den Aufnahmen von 1944 zudem nationale Symbole wie die Trikolore, vor allem aber das alte Lothringerkreuz, das Zweibalkenkreuz, auf den Helmen der Aufständischen, auf ihren Schützenpanzern und Armbinden als Symbol der französischen Exilregierung und der freien französischen Kräfte auf.

Mit der Ausstellung wollte Boucher seinen Zeitgenossen nicht nur einen Überblick über die vielfältigen Ereignisse des Aufstands geben, vielmehr schien es ihm darum zu gehen, diesen auch ein bestimmtes Geschichtsbild der Befreiung zu vermitteln. Wie Catherine Tambrun in ihrer reflektierten Einführung „Kann man Geschichte ausstellen?“ völlig zu Recht notiert, zielte die Ausstellung von Anbeginn darauf ab, selbst Geschichte zu „schreiben“.

Die Jubiläums-Ausstellung von 2014/15 bemühte sich daher, die Ausstellung von 1944 historisierend zu rekonstruieren und zu dekonstruieren. Zu diesem Zweck übernahm sie etwa ein Drittel der Bilder von 1944, kennzeichnete diese und versah sie mit neuen Bildlegenden. Anders als die Ausstellung von 1944 legte man größeres Gewicht auf Fragen der Ikonografie und Ästhetik. Ausführlich geriet die Bildproduktion von 1944 zum Gegenstand, indem etwa gefragt wurde, wer die Fotografen waren und wie die Widerstandsgruppen von 1944 ihr eigenes Regime der Pressefotografie organisiert hatten. Françoise Denoyelle steuerte zu diesem Zweck neben einem lesenswerten Aufsatz über die Fotografie in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs Kurzbiografien der Fotografen bei, was 1944 noch unterblieben war. In Text und Bild ging die Jubiläumsausstellung auch auf den Aufbau und das Design der damaligen Ausstellung ein.

Vor allem aber waren die Kuratoren von 2014/15 darum bemüht, die patriotischen Narrative der Ausstellung von 1944 herauszuarbeiten und deren Blindstellen und Unterbelichtungen zu benennen. Stärker als 1944 bezog man daher Bilder der deutschen Besatzung und des Vichy-Regimes, einschließlich zeitgenössischer Propagandafotos, mit ein. Anders als 1944 thematisierte man auch den Umgang mit den vermeintlichen Kollaborateuren der Besatzung, den femmes tondues, denen man den Kopf kahlgeschoren oder mit Hakenkreuzen gebrandmarkt hatte, sowie die standrechtliche Erschießung von Milizionären des Vichy-Regimes. Exkurse wiesen auf die Ausklammerung der Frauen aus den Bildern des Aufstands und auf die ausländischen, z.T. farbigen Soldaten hin, die in der Ausstellung von 1944 aufgrund traditioneller Rollenbilder und unterschwelliger Ressentiments nicht vorkamen.

Schließlich beschäftigte sich die aktuelle Ausstellung auch mit dem Thema Bildmanipulation. So entlarvten die Macher von 2014/15 das Foto von der angeblichen Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde der deutschen Besatzung am 25. August 1944 durch General von Choltitz als einfache Bildmanipulation. Da die geschichtsträchtige Szene nicht fotografiert worden war, hatte man ein Foto aus einem anderen Zusammenhang so zurechtgeschnitten und mit einer Bildunterschrift versehen, dass es angeblich den Akt der Unterzeichnung dokumentierte.

Hart gingen die Ausstellungsmacher mit dem Geschichtsbild der Ausstellung von 1944 ins Gericht. Insgesamt gelang es ihnen auf eindrucksvolle Weise zu zeigen, dass die Befreiung von Paris und mit ihr die Ausstellung von 1944 letztlich nur Aktionen fürs Geschichtsbuch waren. Denn militärstrategisch war das Einrücken der Alliierten und mit ihnen de Gaulles Mitte August 1944 in Paris eher kontraproduktiv, da es den Vormarsch in Richtung Deutschland nur verzögerte. Ursprünglich hatte General Eisenhower nämlich geplant, die französische Metropole nördlich und südlich zu umgehen, wodurch Paris unweigerlich von selbst gefallen wäre. Stattdessen überließ man aus politischen Motiven de Gaulle und seiner französischen Division das Gefecht um Paris und den Einmarsch an der Spitze der amerikanischen Truppen. Nur auf diese Weise konnte de Gaulle seinen Machtanspruch legitimieren und eine Traditionslinie begründen, die vom Vichy-Regime und seiner Kollaboration scheinbar nicht unterbrochen war. Auf diese Weise bediente die Ausstellung von 1944 den Mythos vom unbeugsamen französischen Volk. Sie zeigte im Bild eine im Widerstand geeinte Nation, die sich nie der deutschen Besatzung ergeben hatte. Wie in einem Palimpsest überschrieb sie mit den Mitteln der Fotografie die „Schande“ von 1940 und machte diese damit vergessen. Dies aufgezeigt zu haben, ist ein Verdienst von „Paris Libéré, Paris Photographié, Paris Exposé“ und ihres umfangreichen und ausgezeichneten Katalogs.

Ausstellungskatalog

Ausstellungskatalog: Catherine Tambrun/Jean-Claude Ameisen/Axel Kahn/Françoise Denoyelle, Paris Libéré, Photographié, Exposé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris, 11 Juin 2014 – 8 Février 2015 [exposition], Paris 2014 © Musée Carnavalet

Ausstellung: Musée Carnavalet Histoire de Paris, 11 Juin 2014 8 Février 2015

Katalog: Catherine Tambrun/Jean-Claude Ameisen/Axel Kahn/Françoise Denoyelle, Paris Libéré, Photographié, Exposé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris, 11 Juin 2014-8Ffévrier 2015 [exposition], Paris 2014, 434 S., ISBN 978-2-7596-0246-9, EUR 35,-

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