Fashion Moments – Symposium Modefotografie

Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, 11. Juli 2015

Foto: Felix Lammers © mit freundlicher Genehmigung

Foto: Felix Lammers © mit freundlicher Genehmigung

Anlässlich von drei aktuellen Sonderausstellungen[1] der Staatlichen Museen zu Berlin zum Thema Modefotografie lud die Kunstbibliothek am 11. Juli 2015 zum Symposium „FashionMoments“ in das Kulturforum ein. Im Rahmen der Berlin Fashion Week und konzipiert von Adelheid Rasche, Leiterin der Sammlung Modebild – Lipperheidesche Kostümbibliothek (Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin), wurde ein Überblick über historische wie praktische Aspekte gegeben. Im Zentrum der Vorträge und Podiumsgespräche stand die gegenwärtige und historische Modefotografie in ihren vielfältigen Erscheinungsformen.

Zur Begrüßung hob Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, hervor, dass Mode sich nicht nur in Textilien ausdrücke, sondern es vielmehr fruchtbar sei, Mode als ein kommunikatives System zu begreifen, denn Mode spreche in Bildern. Adelheid Rasche verwies auf den fixierten Modeaugenblick, der einen besonderen Einblick in Gesellschaften ermögliche. Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin verfüge mit der Sammlung Modebilder über die umfassendste Museumssammlung weltweit für Modebilder der Neuzeit. Sie betonte die Fülle von neuen Bildern, die durch die Digitalisierung täglich entstehen. Mit dieser seit Jahren zunehmenden Zahl sei aber auch die fachliche Auseinandersetzung mit Modefotografie in der Wissenschaft intensiviert worden.

Unter der Prämisse, dass Überraschungen und ein permanenter Wandel dem Phänomen Mode und auch der Modefotografie eigen seien, gestaltete Ulrich Rüter (Hamburg) seinen Vortrag zur Geschichte der Modefotografie unter dem Titel, „Surprise! Change! Shock!“ Mit einem historischen Parforceritt, beginnend mit Baron de Meyer, der mit seinen Fotografien die Damen der Gesellschaft in ihren modischen Bekleidungen in luxuriösen Idealbildern festhielt, verstand es Rüter, gleich mehrere Aspekte abzudecken. Mit der Grundthese, die Mode brauche das Bild, erst so werde sie zum „VorBild“, zeigte er den Wandel modischer Frauenrollen anhand einzelner Fotografen auf. Edward Steichens Frauen waren etwa, im Gegensatz zu de Meyers, in Kleider gehüllt, die auch nachgekauft werden konnten. In den 1930er-Jahren sei so die „Eigenständigkeit und Eleganz für alle“ propagiert worden. Fotografen wie George Hoyningen-Huene und auch Horst P. Horst bedienten sich eher kühler, grafisch klar komponierter Bildsprache und nutzten Arrangements aus Linien und Flächen, um elegante Kleidung als „everyday lifestyle“ zu inszenieren.

Mit den Skandalerfahrungen des jungen Fotografen Guy Bourdin Anfang der 1950er-Jahre beschrieb Rüter die Arbeit eines Modefotografen im redaktionellen Kontext. Bourdin, der die gedruckte Seite, die mediale Rahmung, bei seiner Arbeit stets mitdachte, schockierte die Leser 1955 mit seinen ersten Modefotografien für die „Vogue“ in den Schlachthöfen von Les Halles. Die Strecke nannte sich „Chapeaux-Choc“, und es folgten jede Menge Abonnement-Kündigungen. Bourdin revolutionierte die Modefotografie in Magazinen wie in der Werbung, vor allem seine Kampagnen für das französische Schuh-Label Charles Jourdan gelten als Meilensteine. Das Thema zeitgenössischer Tabus und redaktioneller Politik vertiefte Rüter am Beispiel von Alexey Brodovitch, Art Director von „Harper’s Bazaar“. Während der Zweite Weltkrieg auch in der Modefotografie eine Zäsur hinterließ, feierten Brodovitch und Alexander Liberman als Artdirectoren in den USA große Erfolge. Ersterer band zahlreiche Fotografen wie Richard Avedon fest an das Magazin und sorgte mit seiner Auswahl für neue Impulse.

Ulrich Rüter bezog auch die Verbindung zwischen Modellen und Fotografen in seinen Vortrag mit ein und kam zu dem Ergebnis, dass die Riege der Supermodelle schon in den 1950er- und 60er-Jahren von Bedeutung gewesen sei und keinesfalls eine Neuerung der 1980er-Jahre darstelle. Anhand der Arbeit von Helmut Newton, der früh seine Auftragssets auch zur Produktion eigener Fotos nutzte, ging er auf die zeitweilig freizügigeren 1980er-Jahre ein. Newton habe nicht nur an das veröffentlichte Bild gedacht, sondern gleichzeitig für das eigene Archiv provokantere Bildversionen produziert.

Im Folgenden unterstrich Rüter den stetigen Wandel der Modefotografie anhand von Trends und Gegentrends. Auf Newton sei eine neue Sehnsucht nach Kühle gefolgt, die etwa in den Bildern von Peter Lindbergh und dessen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zum Tragen gekommen sei. Lindbergh zitiere die Fotografie der 1920er-Jahre; seine Bilder seien geprägt durch starke Kontraste und cineastische Anekdoten. Ein Gegentrend hierzu sei der in den 1990er-Jahren aufkommende Grunge- und Heroin-Chic gewesen, verkörpert besonders durch das Modell Kate Moss. Die Sichtbarkeit der aktuellen Mode verschwinde zunehmend hinter einem persönlichen Stil. Das „Schock”-Potenzial der 2000er-Jahre sei, so Rüter, dabei weiter von einer persönlichen, extremen Lifestyle-Haltung ausgegangen, besonders deutlich in der Thierry Mugler „Zombie-Chic“-Kampagne 2011. Jedes schockierende Bild sei dabei schnell in den Bildkanon eingegliedert worden.

Stark machte sich Ulrich Rüter für eine Differenzierung zwischen den Kategorien „Quote“, dem künstlerischen Zitat eines Vorbilds, und der qualitativ dagegen stark abfallenden „Copy“. Eine gute Modefotografie sei dabei immer ein Dokument von gesellschaftlichen Normen und des zeitgenössischen Bildes der Frau bzw. des Mannes, wobei wiederum die Ikonen der Modefotografie aufgrund der Natur der Mode zeitgemäß und zeitlos zugleich wirken müssten. Modefotografie stoße aber ebenso an Grenzen, wenn sie heute mit Politik und Gesellschaftskritik vereint ambivalente Lesarten trage. Für Diskussionen sorgte zum Beispiel Steven Meisel in der italienischen „Vogue“ mit provokanten Fotoserien unter den Titeln SEX oder Make Love Not War. So ergebe sich ein Balanceakt zwischen Kunst und tatsächlicher gesellschaftlicher Diskurskraft. Am Beispiel der Pressefotografien von Taslima Akhter, auf denen eingestürzte Schneiderwerkstätten in Bangladesch und tote Arbeiter in den Trümmern zu sehen sind, skizzierte Rüter seine These, dass Bilder, in Onlinemagazinen und Druckausgaben publiziert, mit ihrem realen „Schock“ das Bild der heutigen Modeindustrie neben den inszenierten, künstlerischen Aufnahmen prägen würden.

Den Bogen von der historischen Übersicht zur aktuellen Arbeit eines Modefotografen spannte das Podiumsgespräch zwischen Gregor Hohenberg – als Modefotograf verantwortlich für zahlreiche Editorials in „Elle“, „Vanity Fair“, „GQ“, „Stern“ sowie für Cover-Aufträge des „Spiegel“, „Men’s Health“, „Pen“ und des „Zeit“-Magazins – und Adelheid Rasche. Hohenberg berichtete von seinem Arbeitsalltag, bei dem die Redakteure jeweils ein bis zwei Fotografen an ihrer Seite hätten, mit denen sie kontinuierlich Geschichten und Modestrecken entwickeln würden. Dabei reiche es nicht aus, das Bild im Kopf zu haben, Modelle, Styling, Setting und Inszenierung müssten stets mitgedacht werden. Auch müsse berücksichtigt werden, dass der Fotograf selten bei der Auswahl der Modelle beteiligt sei. Gerade namhafte Magazine würden häufig Topmodelle engagieren, um das Foto und die Kampagne aufzuwerten. Der Austausch mit befreundeten bildenden Künstlern bringe hier viel für die eigene fotografische Arbeit, etwa wenn es darum gehe, den „Faden zwischen Fotografen und Modell“ zu halten. Als Lernprozess bezeichnete Hohenberg speziell die Teamarbeit am Set. Hier seien zehn, manchmal bis zu 20 Personen, die koordiniert werden müssten. Diesen Mitarbeiterstab sinnvoll einzusetzen, sei nicht leicht. Dabei lasse er auch Zufälle und Fehler am Set zu und variiere zwischen 50 und 200 Auslösern, bis das gewünschte Bild erreicht sei. Anschließend erfolge die Sichtung der Bilder direkt am Set gemeinsam mit dem Auftraggeber. In der Werbung sei es durchaus üblich, die Rohdaten abzugeben, während in der Redaktion das bereits retuschierte Bild vom Fotografen geliefert werde.

Des Weiteren gab Adelheid Rasche Einblicke in die „Hidden Treasures“ der Sammlung Modebild. In ihrem Vortrag wurde deutlich, welch enorme Bandbreite von Monografien, Zeitschriften und Originalen der Porträt-, Ethnologie-, Tanz – und Modefotografie in den Archiven lagert. Modefotografien sind der zentrale Bestandteil der Sammlung, die auf das Ehepaar Franz und Frieda von Lipperheide zurückgeht und ihre Schenkung von 1899. Adelheid Rasche betonte die Bedeutung des wohl breitesten Bestands weltweit. Sammlungen historischer wie aktueller Magazine werden ständig ergänzt und erweitert. Auch die Tatsache, dass die auf der Website „SMB digital“ zu recherchierenden Fotografien unter einer Creative Comomons-Lizenz stehen, zeigt die benutzerfreundliche Präsentation der Quellen. Bis in die 1980er-Jahre speiste sich die Sammlung auch durch Auftragsfotografien aus den Berliner Redaktionen, die ihre Bilder nach der Saison hier abgaben. So bildete sich ein fortlaufender Bestand an aktuellen Modefotografien. Mit dem Ende der analogen Fotografie ist diese Praxis leider eingebrochen.

 

Yva, Modefotografie, Berlin ca. 1937

Foto: Yva, Frau in Mantel von Mondial (Originalabzug), Berlin um 1937. Ident. Nr. 14131714 Sammlung: Kunstbibliothek | Sammlung Modebild © Foto: Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Yva, Modefotografie, Berlin 1932

Foto: Yva, Lieselotte Behnken in Kleid von Carl Lax (Originalabzug), Berlin 1932. Ident. Nr. 14131658 Sammlung: Kunstbibliothek | Sammlung Modebild © Foto: Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Rasche zeigte auch Fotos aus der Sammlung, etwa die frühen Rennplatzbilder oder Studiofotografien von Wilhelm Willinger aus dem Jahr 1902. Der vielfältigste Originalbestand stammt aus den 1920er- und 30er-Jahren: Mehrere tausend Bilder aus Berlin, Paris, New York lagern hier; ihre Grunderschließung ist fast abgeschlossen. Dieser Bestand repräsentiere, so Rasche, die zweite Garde der internationalen Modefotografie, die im kollektiven Gedächtnis in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Aber auch Bilder der bekannten Berliner Fotografin Yva finden sich hier. Etliche Presseprints, Museumsdrucke und Reprints aus den 1970er-und 80er-Jahren sind dagegen noch nicht durchgängig gesichtet und katalogisiert. Zahlreiche kleine Werkgruppen und größere Schenkungen warten auf ihre Bergung. Adelheid Rasche benannte mit der Digitalisierung der vorhandenen Bestände die Herausforderung, die auch mit Hilfe von Drittmitteln gemeistert werden soll. Allein schon die Menge an verfügbaren und angebotenen Bildern im digitalen Zeitalter stellt die Verantwortlichen heute vor ganz neue Entscheidungen. Für die Zukunft gibt es drei Schwerpunkte der Sammlungstätigkeit: Porträts von Modedesignern, Bilder von Mode in ungewöhnlicher Weise und Fotografen mit starker individueller Bildsprache.

Abschließend gab es Raum zur Diskussion und für Fragen aus dem Publikum an Gregor Hohenberg, Ulrich Rüter und Adelheid Rasche. Zum Ausdruck kam das weite Themenspektrum, das sich unter dem Begriff Modefotografie sammelt. Die Definition und Einordnung, etwa der Katalogfotografie, stellte sich als vielschichtig heraus. Für Hohenberg sind Kataloge ein unterschätzter Bereich, während Ulrich Rüter die These aufstellte, dass von ihnen keine Innovation ausgehe. Adelheid Rasche konterte darauf mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Kampagne und Katalogen wie z.B. von Versandhäusern oder Luxuskataloge von Chanel oder Max Mara. Stark machte sich das Podium für einen frischen Blick auf bekannte Themen mit Hilfe der Modefotografie: ein Spiel mit der Vergangenheit, wobei sich die Originale neu entdecken lassen. Portale wie Instagram und Pinterest machen es heute wesentlich leichter, eigene Bilder zu publizieren. Trotz weiter Verbreitung lassen sie aber Fragen nach Bildqualität und Zeitlosigkeit offen. Welche Fotografien werden die Menschen in 50 Jahren ins Museum bringen?

Ein ebenso schwieriger Aspekt war die abschließende Annäherung an die Grundsatzfrage, ob Modefotografie Kunst sei. Er stelle sich selbst oft die Frage, ob er Künstler oder Dienstleister sei, so Hohenberg, der seinen Beruf aber definitiv als eine künstlerische Arbeit versteht. Kunst und Mode stünden in einem engen Austausch, daher wäre eine Grenzziehung falsch. Für Ulrich Rüter ist Kunst eine gesellschaftliche Vereinbarung. So könne eben nicht jede Modefotografie automatisch als Kunst gelten, sondern dies bleibe stets aufs Neue eine spannende Frage.

Symposium Modefotografie Juli 2015 Berlin

Symposium Modefotografie, Staatliche Museen zu Berlin Kunstbibliothek, 11. Juli 2015: v.r.n.l. Adelheid Rasche, Ulrich Rüter, Gregor Hohenberg. Foto: Miriam © Zlobinski

FashionMoments

13.00 – 13.15 Uhr     BEGRÜSSUNG  Moritz Wullen, Adelheid Rasche

13.15 – 14.00 Uhr     Ulrich Rüter:  Surprise! Change! Shock! – Zur Geschichte der Modefotografie

14.00 – 14.45 Uhr     Gregor Hohenberg und Adelheid Rasche: Making Fashion Images Today

14.45 – 15.30 Uhr     Adelheid Rasche: Hidden Treasures: Modefotografie in der Sammlung Modebild – Lipperheidesche Kostümbibliothek

15.30 – 16.00 Uhr     ABSCHLUSSDISKUSSION

16.30 – 18.00 Uhr     FÜHRUNGEN DURCH DIE AUSSTELLUNGEN

 

[1] Kunstgewerbemuseum: Ein Haus für Kunst, Mode und Design; Kulturforum: Mario Testino. In Your Face; Museum für Fotografie: Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit. Porträts, Mode, Reportagen

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