„He even looks evil …“

Das Porträt des SS-Oberscharführers Erich Muhsfeldt auf dem facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau

Neue Wege in der Geschichtsvermittlung

Am 1. Januar 1945 erschoss Erich Muhsfeldt,[1] Kommandoführer der Krematorien in Auschwitz, 200 polnische Gefangene im Lager Auschwitz II. 489 Personen klickten den „Gefällt-mir“-Button unter dieser Information an, die das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau am 1. Januar 2011 auf seinem facebook-Profil veröffentlichte – samt Porträt des Täters.[2] Die historische Fotografie des SS-Oberscharführers löste eine Flut von Kommentaren aus, 176 insgesamt, in denen die Nutzer/innen und ein Mitarbeiter der Gedenkstätte sich vor allem über die Person Muhsfeldts und über die Persönlichkeit von NS-Tätern im Allgemeinen austauschten.

Screenshot facebook-Profil

Screenshot: facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vom 1. Januar 2011, © Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Auf den ersten Blick mag es befremdlich erscheinen, auf facebook die Abbildung eines NS-Täters zu veröffentlichen und sich über so ernsthafte Themen wie Nationalsozialismus und Holocaust zu „unterhalten“. Begreift man das Profil jedoch als ein Produkt von Geschichtskultur, bietet sich die Chance, eine neue Form der Auseinandersetzung mit Geschichte zu untersuchen, die erstens im virtuellen Raum stattfindet und zweitens einen partizipatorischen Ansatz verfolgt. Dies erscheint umso dringlicher, da Gerhard Paul dem Internet bereits vor etlichen Jahren prophezeite, langfristig das „wichtigste visuelle Medium der Geschichtsvermittlung und der Erinnerungskultur“ zu werden.[3]

Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau veröffentlicht auf der Pinnwand seines facebook-Profils regelmäßig historische Fotografien. Diese stehen auch später noch in dem Fotoalbum „Fragments of History/Skrawki historii“ zur Verfügung.[4] Stets mit einem einführenden Text in mehreren Sprachen versehen, lösen diese – abhängig vom Bildinhalt – meist zahlreiche Reaktionen bei den Nutzer/innen aus: Die Bilder können mit dem „Gefällt-mir“-Button markiert, geteilt oder kommentiert werden.[5]

Obwohl immer mehr Bildungseinrichtungen über ein facebook-Profil verfügen, ist diese Art der Präsentation von Geschichte und der Kommunikation mit den Rezipient/innen bisher kaum als Form der Geschichtsvermittlung wahrgenommen beziehungsweise beschrieben worden. Zwar gibt es etliche Publikationen zu Geschichte im Internet, diese beschäftigen sich jedoch größtenteils mit Angeboten, die nicht auf Partizipation ausgelegt sind – was auch daran liegen mag, dass das partizipative Potenzial des Internets bis jetzt in diesem Bereich noch wenig genutzt wird.[6]

Im Folgenden soll nun nach speziellen Eigenschaften dieser Art der Geschichtsvermittlung und -rezeption im virtuellen Raum gefragt werden, gerade in Hinblick auf die Bedeutung des Visuellen: Welche Besonderheiten bringt eine Beschäftigung mit historischen Fotografien im Internet mit sich, die von den Rezipient/innen aktiv mitgestaltet werden kann? In welcher Weise präsentiert die Gedenkstätte die historischen Fotografien, und wie agiert sie als Administratorin des Profils auf facebook? Exemplarisch werden hier die Beiträge der Nutzer/innen zu dem Porträt von Erich Muhsfeldt untersucht.

 

Visuelle Geschichtsvermittlung im virtuellen Raum

Das Schwarz-Weiß-Porträt Erich Muhsfeldts auf dem facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau bildet Kopf und Oberkörper vor einfarbigem hellem Hintergrund ab. Der SS-Oberscharführer trägt eine schlichte, bis zum Hals zugeknöpfte Jacke, an die unterhalb des Kragens ein Schild mit seinem Namen geheftet ist. Er blickt direkt in die Kamera. Diese Konstellation lässt vermuten, dass die Aufnahme nach Kriegsende in Gefangenschaft entstand. In dem Text, der die Fotografie auf dem facebook-Profil begleitet, gibt es keine Angaben zum Kontext der Entstehung des Bildes, dafür aber zum Werdegang des NS-Täters: Er war in den Lagern Auschwitz und Majdanek, bevor er im April 1945 in das Konzentrationslager Flossenbürg versetzt wurde. Dort war er an der Evakuierung des Lagers beteiligt, während der er Dutzende von Häftlingen erschoss. Muhsfeldt wurde im Jahr 1947 vom Obersten Gerichtshof in Krakau zum Tod durch den Strang verurteilt und im Januar 1948 gehängt. Anlass der Veröffentlichung seines Porträts am 1. Januar 2011 auf dem facebook-Profil der Gedenkstätte ist ein historischer Rückblick auf den 1. Januar 1945, an dem Muhsfeldt in seiner Funktion als Leiter der Krematorien die polnischen Gefangenen erschoss.

Aus bildhistorischer Sicht wäre es wünschenswert zu erfahren, wer das Foto wann und aus welchem Grund gemacht hat. Eine Suche nach dem Bild im Internet ergibt, dass die Aufnahme im Jahr 1947 entstand, also wahrscheinlich im Rahmen des Prozesses vor dem Obersten Gerichtshof in Krakau, und zu den Documents of the Polish-Soviet Commission for the Investigation of German Crimes in Majdanek gehört.[7] Über die Kommentar-Funktion auf facebook hätte die Gedenkstätte diese Information veröffentlichen und so eine Voraussetzung für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Abbildung schaffen können.

Nun ist davon auszugehen, dass der Mitarbeiter der Gedenkstätte, der die Fotografie auf die Pinnwand stellte, über das Wissen eines historisch-kritischen Umgangs mit Fotografien verfügt. Vielleicht aber geht es auf dem facebook-Profil gar nicht in erster Linie darum. Die Nutzer/innen hätten problemlos nach Details zur Entstehung des Porträts fragen können, machten von dieser Möglichkeit aber keinen Gebrauch. Die Untersuchung ihrer Kommentare lässt darauf schließen, dass sie auf einer sehr emotionalen Ebene auf den Bildinhalt reagierten. Das ist kein Spezifikum einer historischen Fotografie auf einem facebook-Profil. Fotografien im Allgemeinen und solche des Holocaust im Besonderen setzen ein hohes Maß an Emotionen frei.[8] Ein Nutzer zum Beispiel empfand „Abscheu“ angesichts der Taten Muhsfeldts.[9] Von „Hass“ ist in zwei anderen Beiträgen zu lesen.[10] Weitere Kommentare lassen Wut auf den Täter und Fassungslosigkeit angesichts seiner Taten erkennen. Mit Beiträgen wie diesen scheinen die Nutzer/innen ihre Emotionen bewusst öffentlich ausdrücken zu wollen. Womöglich suchen sie eine emotionale Entlastung, die angesichts des ernsten Themas notwendig sein kann.

Der Vorteil des facebook-Profils ist, dass die Nutzer/innen mit ihren Eindrücken nicht alleine sind. Sie können ihren Gefühlen in den Kommentaren Ausdruck verleihen und erhalten darauf unter Umständen Reaktionen, sei es von anderen Nutzer/innen oder vonseiten der Gedenkstätte. Die Besucher/innen des Profils bestätigen sich also über die Kommentare gegenseitig in ihren Emotionen. Sie vergewissern sich ihrer Teilhabe an einem emotionalen Kollektiv und bilden eine virtuelle Wertegemeinschaft. Allerdings birgt das auch die Gefahr, dass Emotionen die Überhand gewinnen und die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Fotografie in den Hintergrund gerät. Ein Bild im Netz verleitet allzu schnell dazu, den „Gefällt-mir“-Button anzuklicken oder einen formelhaften Kommentar zu hinterlassen, ohne im Detail zu wissen, worum es eigentlich geht. Dient ein Beitrag nur dazu, sich selbst besser zu fühlen, indem man sich auf die „richtige Seite“ stellt, wird er der Abbildung keinesfalls gerecht.  Umso wichtiger ist es, als Administrator/in eines Profils Anreize für eine intensive Beschäftigung mit einer Fotografie zu geben.

Das Porträt Erich Muhsfeldts jedenfalls scheinen viele Besucher/innen des facebook-Profils genauer betrachtet zu haben. Mangelnde Diskussionsfreudigkeit kann man ihnen nicht vorwerfen, denn die Fotografie löste rege Debatten aus. Es war ein konkretes Thema, das die Gesprächsinhalte dominierte: die Charakterisierung des Täters. Für viele Nutzer/innen stellte Muhsfeldt eine Personifizierung des „Bösen“ dar. Er wurde häufig mit dem Begriff „evil“ in Verbindung gebracht oder als „monster“, „bastard“ und „demon“ bezeichnet. Weitere Umschreibungen waren zum Beispiel „man without a soul“, „loathsome creature“, „puny disgusting creature“, „anything but a human being“, „despicable mass murderer“, „freak“, „face de rat“, „true animal” und „son of the devil”. Die Äußerung, „he even looks evil …“, bezog sich direkt auf das Aussehen Mushfeldts.[11] Ein weiterer Nutzer glaubte, in das Gesicht eines Dämons zu blicken.[12] Der Kommentar „satan look“ ging in die gleiche Richtung.[13] Und dass alle NS-Verbrecher wie „psychos“ aussehen, schrieb Nutzer Lamar Canty.[14]

Die äußere Erscheinung Muhsfeldts wirkt in der Tat etwas unheimlich. Bei intensiver Betrachtung des Porträts finden sich jedoch Indizien, die diesen Eindruck erklären. Hilfreich dabei ist, dass die digitalisierte Fotografie auf dem eigenen Bildschirm vergrößert werden kann und so Details besser sichtbar werden. Zunächst fällt die fahle Gesichtsfarbe des Abgebildeten auf, die durch die Beleuchtung beim Fotografieren und den hellen Hintergrund entstanden oder verstärkt worden sein kann. Muhsfeldts dunkle Haare sind streng nach hinten gekämmt, sehen strähnig aus und geben tiefe Stirnfalten frei. Die Wangen wirken eingefallen. Auf der linken Seite des Kinns fällt eine dunkle Stelle auf, die von einer Wunde herrühren könnte.[15] Bei den Nutzer/innen waren es vor allem Muhsfeldts Augen, die Aufmerksamkeit erregten. Nutzerin Maertis Malkotzis bemerkte zum Beispiel: „look these eyes. the eyes speaking.“[16] In „the eyes of evil“ glaubte Sunshine State Of-Mind zu sehen.[17] Angela Ling meinte, „lots of demons in his eyes“ zu erkennen.[18] „The evil in his eyes tells the whole horrible story!“, bemerkte Judy Bormann.[19]

Angesichts solcher Kommentare hätte man als Administrator/in des Profils darauf hinweisen können, dass unter Muhsfeldts linkem Auge eine dunkle Schattierung zu erkennen ist, die von einem Schlag oder von einer Verletzung stammen könnte und die linke Augenpartie dunkler erscheinen lässt als die rechte. Zumindest Nutzer John MacLeod fiel das auf: „I would say his left eye saw a little pre-trial justice.“[20] Er ging damit direkt auf den vorherigen Beitrag ein, in dem Nutzerin Ivete Biral auf den bereits zitierten Kommentar „he even looks evil …“ antwortete: „@Martin Rowley: look at his eyes. He looks like an insane man.“[21] John MacLeod durchbrach die bisherigen problematischen Beschreibungen Muhsfeldts als dämonisches und animalisches Wesen, indem er eine rationale Erklärung für dessen unheimliches Aussehen anführte. Damit betrieb er – vermutlich ohne es zu wissen – eine didaktisch kluge Intervention. Tatsächlich meldete sich Nutzerin Ivete Biral noch einmal zu Wort und gab zu: „something wrong with his left eye, correct.“[22] Ob die Anmerkung John MacLeods sie wirklich dazu bewegte, ihre Wahrnehmung Muhsfeldts zu überdenken, kann anhand dieser Aussage allerdings nicht festgestellt werden. Auch folgten weitere Kommentare anderer Nutzer/innen, die Muhsfeldts Augen einen dämonischen Ausdruck zuschrieben. „His eyes […] as for terror film […]“, schrieb Nutzer Ernesto Rey beispielsweise.[23] Das mag daran liegen, dass Muhsfeldts Augen etwas schräg stehen. Die Iris haben eine schwarze Umrandung. Besonders auffällig sind die Pupillen, die seltsam geweitet erscheinen. Muhsfeldts Augen wirken aufgrund dieser Merkmale zwar tatsächlich ein wenig wie die eines Wesens aus einem Horrorfilm, für die großen Pupillen zum Beispiel lassen sich jedoch sicherlich plausible Ursachen finden, etwa die Lichtverhältnisse beim Fotografieren. Fest steht jedenfalls, dass es plausible Gründe für Muhsfeldts erschreckendes Aussehen gibt. Sieht man sich das Porträt unter Berücksichtigung der aufgedeckten Details noch einmal an, erweckt der NS-Täter keinen wirklich dämonischen Eindruck mehr, sondern wirkt eher krank und eingeschüchtert.

Die Veröffentlichung der Fotografie auf dem facebook-Profil hätte der Gedenkstätte die Möglichkeit geboten, gemeinsam mit den Nutzer/innen eine detaillierte Bildbeschreibung zu erarbeiten und sich mit ihnen über die eigenen Eindrücke auszutauschen. Hinweise vonseiten der Einrichtung hätten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bildinhalt fördern können. Die bisher zitierten Kommentare erwecken dagegen größtenteils den Eindruck, als hätten die Nutzer/innen von der physischen Erscheinung Muhsfeldts auf dessen Charakter geschlossen. Gerade deshalb wäre es wichtig gewesen, auf den Kontext der Aufnahme einzugehen. Erich Muhsfeldt war im Jahr 1947 schon länger in Gefangenschaft und hatte bereits den Flossenbürg-Hauptprozess hinter sich, in dem er von einem US-Militärgericht zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Danach wurde er an Polen ausgeliefert. Als Betrachter/in weiß man nicht, wie Muhsfeldt vor der Gefangennahme aussah. Es ist ziemlich wahrscheinlich und anhand des Porträts teilweise auch offensichtlich, dass die Gefangenschaft Spuren hinterließ. Laut Filipp Müller, einem Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz, war Muhsfeldt „ein bieder und harmlos aussehender Mann von zierlicher Gestalt“.[24] Hätten die Nutzer/innen sich möglicherweise gefragt, wie ein so gewöhnlich wirkender Mann solch grausame Verbrechen begehen könne, wenn sie eine Abbildung Muhsfedts vor der Gefangenschaft gesehen hätten? Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, historische Fotografien nicht nur zur Illustration zu nutzen, sondern sie auch auf einer Internetplattform wie facebook als Quelle zu behandeln. Ohne einen entsprechenden kritischen Umgang kann es leicht zu problematischen Interpretationen kommen. Das bedeutet, dass man sich als Administrator/in eines Profils kontinuierlich in die Gespräche einmischen sollte.

Das wird anhand weiterer Passagen deutlich. Ein Mitarbeiter der Gedenkstätte meldete sich auf den Kommentar „he even looks evil …“ zu Wort: „I forgot to mention that Muhsfeldt before the war was a baker, a sailor and a factory worker.“[25] Die Erwähnung der früheren Berufe Muhsfeldts rückt den Täter als Menschen in den Vordergrund. Der Hinweis kann das Bewusstsein dafür wecken, dass NS-Täter eben keine Wesen aus einer anderen Welt waren, keine Teufel, Dämonen oder Geisteskranke, sondern ganz „normale“ Menschen. Noch ausführlicher ging der Mitarbeiter der Gedenkstätte auf diese Thematik in seiner Antwort auf den Kommentar „Look into the face of a demon“ ein:[26] „The biggest problem I have when I watch that picture is to acknowledge that he was a person, a human being. I know he had a wife and that his son was killed during the war in an airride bombing. He was a criminal, he did things that are even difficult to comprehend. But it’s scary that people can actually do such things, they can become such inhuman. It’s too easy to give those nicknames „demon, monster … “ That creates this barrier between „us“ and „them“. I know we feel better ourselves, yet … It’s a huge problem when you start thinking about it in more general terms – why do people become perpetrators, what are their choices, how easy is to redefine your moral standards so that you actually believe you are doing good … It’s so difficult.“[27]

Der Mitarbeiter der Gedenkstätte wies auf die Gefahr hin, die Erklärung für die Taten in einer grundsätzlichen Bösartigkeit der Täter zu suchen. Er nutzte dabei seinen zweifelsohne vorhandenen Wissensvorsprung nicht, um die Nutzer/innen von oben herab zu belehren. Vielmehr gab er zunächst zu, dass es auch ihm schwerfalle, Muhsfeldt als menschliches Wesen zu betrachten. Mit dem Hinweis auf Muhsfeldts Familie griff er dann das Bild des Täters als Menschen auf, das er bereits mit der Erwähnung von dessen früheren Berufen gezeichnet hatte. Ebenso wichtig schien dem Gedenkstättenmitarbeiter am Ende die Frage nach individuellen Entscheidungsmöglichkeiten von Tätern zu sein. Mit diesen Anmerkungen schuf er Anreize zu einer Auseinandersetzung mit dem Täter Erich Muhsfeldt als Individuum und entwarf Ansätze eines differenzierten Täterbildes.

Ob dieses Vorgehen bei den Nutzer/innen tatsächlich Reflexionsprozesse in Gang gesetzt hat, kann nicht bewiesen werden. Dazu müsste man die Besucher/innen des Profils befragen. Vor allem müsste man wissen, ob sie die entsprechenden Kommentare überhaupt gelesen haben, bevor sie ihren eigenen Beitrag verfassten. Es gibt auch nach dem Einwand des Gedenkstättenmitarbeiters viele Kommentare, die Muhsfeldt dem Reich des Bösen zuordnen. Zumindest kann aber festgehalten werden, dass kritische Anmerkungen wie die des Gedenkstättenmitarbeiters das Potenzial haben, die Unterhaltung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Eine Nutzerin schrieb zum Beispiel: „You wonder how a person can stand themselves when they help murder so many people? What do they see when they look in the mirror?“[28] Zum einen verwandte sie das Wort „person“ und nicht etwa Begriffe wie „demon“ oder „monster“. Zum anderen stellte sie die legitime Frage, wie jemand derartige Taten vor sich selbst verantworten könne. Ähnlich äußerte sich eine weitere Nutzerin: „I still do not understand how ‚normal‘ people can become such monsters. At what point do you go from being a baker, factory worker or whatever, to believing that behaving like that is all right? It is something I hope never to truly understand […].“[29] Auch wenn hier das Wort „monster“ verwendet wurde, schließen die ersten beiden Sätze die Erkenntnis ein, dass die Täter nicht als „evil“ auf die Welt gekommen seien, sondern dass es ganz „normale“ Menschen waren, die zu Massenmördern wurden. Wenn die Nutzerin anschließend allerdings schreibt, dass sie die Motive der Täter gar nicht verstehen möchte, dann verwechselt sie verstehen mit verzeihen. Die Auseinandersetzung mit den Tätern soll ja nicht dazu führen, ihre Verbrechen zu entschuldigen, sondern dazu, ihr Verhalten zu erklären.

Diese Kommentare lassen den Schluss zu, dass die Fotografie für manche Nutzer/innen offenbar Anlass ist, sich mit der Motivation von NS-Tätern zu beschäftigen. Auch die Frage, welche Personen der Täterbegriff überhaupt einschließt, ist sinnvoll. Eine Nutzerin merkt zum Beispiel an: „But we can´t never forget that almost oc[c]upied Europe cooperate with the nazis. So, a great part of the world should be in Nuremberg Trial. Needless to say the nazi that escaped here to South America, like Adolf Eichmann, Gustav Franz Wagner, Paul Stangl, and Doctor Mengele […].“[30] Der Kommentar beinhaltet eine wichtige Differenzierung, da er Kollaborateure und Zuschauer in den Täterbegriff einbezieht. Zudem verweist er darauf, dass sich viele Täter einer Bestrafung entziehen konnten und das Kriegsende keineswegs eine strikte Verbannung alles Bösen von der Welt bedeutete. Eine Nutzerin meldete sich auf diesen Beitrag folgendermaßen zu Wort: „[…] As soon as the war was over, in Germany, suddenly no one was a Nazi. Sadly many Dutch collaborated with the Germans. In fact, sad as it is, face it, most countries eagerly collaborated with the Germans in deporting Jews to the death camps.“[31] Auch diese Aussage bezieht sich nicht nur die direkt auf die in die Massenmorde Involvierten als Verantwortliche, sondern fragt nach der Unterstützung des Systems durch die Deutschen im Allgemeinen und durch andere Länder.

Insgesamt erwecken die Kommentare und die Interventionen des Gedenkstättenmitarbeiters den Eindruck, dass die Veröffentlichung der historischen Fotografie keine Quellenkritik zum Ziel hat. Vielmehr geht es offenbar darum, die Abbildung als Aufhänger für einen Gedankenaustausch zu nutzen. Dass dabei problematische Einschätzungen zu Tage treten, hat die Analyse deutlich gezeigt. Für eine Einrichtung ist es demnach unabdingbar, immer wieder aktiv in die Gespräche einzugreifen, wenn sie eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Veröffentlichungen in den sozialen Medien fördern will.[32]

 

Überlegungen zu einem sinnvollen Umgang mit historischen Fotografien auf facebook

Laut dem Urteil des Obersten Gerichtshofs in Krakau war Erich Muhsfeldt „einer der grausamsten Schinder des Majdanek Lagers, der unter anderen Mitteln der Tötung die Häftlinge auch in Kloaken zu ertränken pflegte.“[33] Es ist dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau zugutezuhalten, dass dieses grausame Detail auf dem facebook-Profil nicht erwähnt wurde. Man mag sich kaum vorstellen, welche Emotionen und Kommentare es ausgelöst hätte – angesichts der Tatsache, dass schon ein sachlich gehaltener Einführungstext und ein vergleichsweise harmloser Bildinhalt die Nutzer/innen emotional tief berührt haben.

Das Porträt des SS-Oberscharführers Erich Muhsfeldt ist klug ausgewählt: Es zeigt den Täter in Gefangenschaft und bietet damit einen unüblichen Bildinhalt, ist unsere Vorstellung von den Nationalsozialisten doch eher geprägt von Männern in Uniform, geschmückt mit Abzeichen und Orden. Das Foto birgt durch den ungewohnten Anblick das Potenzial, die Aufmerksamkeit der Profil-Besucher/innen in besonderem Maße zu erregen und sie genauer hinsehen zu lassen – eine erste Voraussetzung für eine eingehendere Beschäftigung mit der historischen Fotografie. Auch der begleitende Text kann dazu beitragen, die Verweildauer zu verlängern und Interesse für die Veröffentlichung zu wecken. Auf einer Internetplattform wie facebook, die vorrangig mit Unterhaltung verbunden wird, ist dieser Punkt nicht zu vernachlässigen. Als Administrator/in eines Profils, das der Geschichtsvermittlung dient, sollte man darüber nachdenken, wie man sich von der Flut der Bilder auf facebook absetzen könnte. Das muss nicht darin gipfeln, besonders reißerische oder grausame Fotografien auf die eigene Pinnwand zu stellen. Wie das Beispiel von Erich Muhsfeldt zeigt, reichen schon Bilder, die die üblichen Sehgewohnheiten durchbrechen.

Auch sollte sich eine Einrichtung darüber im Klaren sein, was sie mit der Veröffentlichung einer historischen Fotografie erreichen will. Soll sie beispielsweise der Illustration eines Textes dienen oder als historische Quelle wahrgenommen und entsprechend behandelt werden? Mit Reaktionen von Nutzer/innen, die sich direkt auf das Bild beziehen, muss man in jedem Fall rechnen. Bei der Auslegung muss man nicht von vorneherein eine Richtung vorgeben. Den Gedanken der Nutzer/innen erst einmal freien Lauf zu lassen, bedeutet, sie ernst zu nehmen. Man sollte als Administrator/in nicht das Ziel haben, die Auffassungen der Nutzer/innen als „richtig“ oder „falsch“ zu kennzeichnen, sondern Anstöße zum Nachdenken zu geben und Orientierung zu schaffen. Der partizipatorische Ansatz eines facebook-Profils bedeutet, dass jeder/jede eine ganz persönliche Interpretation veröffentlichen kann. Geschichte wird so nicht als fertige Erzählung geliefert, sondern als etwas, das ausgehandelt wird. Für die Pflege eines facebook-Profils benötigt man also vor allem eines: Zeit. Will man fruchtbare Diskussionen in Gang setzen, muss man selbst immer wieder Impulse geben.

Dieser Artikel ist als Plädoyer zu verstehen, facebook-Profile als Orte der (visuellen) Geschichtsvermittlung ernst zu nehmen. Ihr Einfluss auf die Wahrnehmung und Deutung des Nationalsozialismus darf nicht unterschätzt werden. Auch wenn der Umgang mit dem Porträt von Erich Muhsfeldt verdeutlicht, dass die Veröffentlichung einer historischen Fotografie auf einem facebook-Profil etliche Schwierigkeiten bereithält, ist dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau zu seinem Mut zu gratulieren, neue Wege in der virtuellen und visuellen Geschichtsvermittlung zu gehen.

Screenshot facebook-Profil

Screenshot facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vom 2. Januar 2011, © Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

 

[1]              Es gibt auch die Schreibweise „Mußfeldt“. Die Verfasserin orientiert sich an dem Artikel zu Erich Muhsfeldt in: Ernst Klee, Auschwitz. Täter, Opfer, Gehilfen und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt a.M. 2013, S. 293.

[2]              Das Porträt Erich Muhsfeldts ist im Album „Fragments of History/Skrawki historii“ auf dem facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau zu finden [Zugriff: 2.10.2015].

[3]              Gerhard Paul, Das Jahrhundert der Bilder. Die visuelle Geschichte und der Bildkanon des kulturellen Gedächtnisses, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 14-39, hier S. 26.

[4]              Die Pinnwand des Auschwitz Memorial / Muzeum Auschwitz [Zugriff: 2.10.2015].

[5]              Eine erste Auswertung von historischen Fotografien und den zugehörigen Kommentaren auf dem facebook-Profil erfolgte im Rahmen der Masterarbeit der Verfasserin: Ina Lorenz, „Never forget“? Die Wahrnehmung von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus im virtuellen Raum, unveröffentlichte Masterarbeit mit CD-ROM, Freie Universität Berlin, Studiengang Public History, 16.10.2012. Alle ausgewerteten Kommentare wurden als Anhang auf die CD-ROM gebrannt. Die in diesem Artikel analysierten Kommentare zu dem Porträt von Erich Muhsfeldt sind ebenso in dem bereits erwähnten Album „Fragments of History/Skrawki historii“ zu finden. Die zitierten Beiträge werden in der Fußnote mit dem Namen der jeweiligen Nutzer/in und der Uhrzeit der Veröffentlichung angegeben.

[6]              Siehe dazu z.B. Erik Meyer, Erinnerungskultur 2.0. Zur Transformation kommemorativer Kommunikation in digitalen, interaktiven Medien, in: ders. (Hrsg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Frankfurt a.M. 2009, S. 175-206. Oder auch: Dörte Hein, Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust, Konstanz 2009.

[7]              Archive of the Majdanek State Museum in Lublin: Documents of the Polish-Soviet Commission for the Investigation of German Crimes at Majdanek, in: Wikipedia  [Zugriff: 29.9.2015].

[8]              Siehe dazu z.B. Habbo Knoch, Die Tat als Bild. Fotografien des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg 2001; Cornelia Brink, Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998.

[9]              Rolf Uphoff am 2. Januar 2011 um 12:58 Uhr.

[10]             Jim Williams am 1. Januar 2011 um 22:04 Uhr, Ivete Biral am 2. Januar 2011 um 11:50 Uhr.

[11]             Martin Rowley am 1. Januar 2011 um 14:23 Uhr.

[12]             Frank Cummins am 1. Januar 2011 um 16:27 Uhr.

[13]             Joseph C Hayden am 11. Januar 2011 um 20:12 Uhr.

[14]             Am 1. Januar 2013 um 18:29 Uhr.

[15]             Die Seitenangaben „links“ und „rechts“ beziehen sich jeweils auf die Perspektive des Fotografierten.

[16]             Am 1. Januar 2011 um 15:00 Uhr. Der Kommentar der Nutzerin ist auf dem facebook-Profil nicht mehr vorhanden. Auf der CD-ROM zur Masterarbeit befindet er sich auf S. 99.

[17]             Am 1. Januar 2011 um 17:42 Uhr. Der Kommentar der Nutzerin ist auf dem facebook-Profil nicht mehr vorhanden. Auf der CD-ROM zur Masterarbeit befindet er sich auf S. 103.

[18]             Am 1. Januar 2011 um 19:01 Uhr.

[19]             Am 19. Juli 2013 um 11:54 Uhr.

[20]             Am 1. Januar 2011 um 14:39 Uhr.

[21]             Ivete Biral am 1. Januar 2011 um 14:38 Uhr.

[22]             Am 1. Januar 2011 um 15:45 Uhr.

[23]             Am 1. Januar 2011 um 16:50.

[24]             Klee, Auschwitz, S. 293.

[25]             Am 1. Januar 2011 um 14:31 Uhr.

[26]             Frank Cummins am 1. Januar um 16:27 Uhr.

[27]             Am 1. Januar 2011 um 16:41 Uhr.

[28]             Ruby Bender am 1. Januar 2011 um 22:37.

[29]             Sarah-Helen Snow am 1. Januar 2011 um 16:58 Uhr. Der Kommentar ist unter den Beiträgen inzwischen nicht mehr zu finden. Auf der CD-ROM zur Masterarbeit befindet er sich auf S. 102.

[30]                    Ivete Biral am 2. Januar 2011 um 11:50 Uhr.

[31]                    Phoebe Dodd Vanderhorst am 2. Januar 2011 um 18.07 Uhr.

[32]             Es gibt bisher wenig Literatur zu Geschichtswissenschaft bzw. -didaktik und sozialen Medien. Eine Ausnahme ist z.B. Axel Becker, Wer hat Angst vor der digitalen Revolution? Wie die neuen Medien uns zwingen, Geschichtsunterricht neu zu denken, in: Michele Barricelli/Axel Becker/Christian Heuer (Hrsg.), Jede Gegenwart hat ihre Gründe. Geschichtsbewusstsein, historische Lebenswelt und Zukunftserwartung im frühen 21. Jahrhundert. Schwalbach/Ts 2011, S. 59-71, oder auch: Meyer, Erinnerungskultur 2.0.

[33]             Klee, Auschwitz, S. 293.

 

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