Rezension: Ralph-Miklas Dobler, Bilder der Achse

Hitlers Empfang in Italien 1938 und die mediale Inszenierung des Staatsbesuches in Fotobüchern

Cover: Ralph-Miklas Dobler, Bilder der Achse. Hitlers Empfang in Italien 1938 und die mediale Inszenierung des Staatsbesuches in Fotobüchern, Deutscher Kunstverlag Berlin/München 2015 © mit freundlicher Genehmigung

Cover: Ralph-Miklas Dobler, Bilder der Achse. Hitlers Empfang in Italien 1938 und die mediale Inszenierung des Staatsbesuches in Fotobüchern, Deutscher Kunstverlag Berlin/München 2015 © mit freundlicher Genehmigung

In den Jahren 2004 bis 2013 hat der Kunsthistoriker Ralph-Miklas Dobler als wissenschaftlicher Assistent an der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom an dem Forschungsprojekt „Hitler in Rom 1938“ gearbeitet;[1] bereits seine Dissertation[2] hatte er dort als Stipendiat und Mitglied der Forschungsgruppe „Strategien frühneuzeitlicher Repräsentation“ 2001 bis 2003 erarbeitet. An der Universität Bonn ist er 2013 mit der jetzt veröffentlichten Arbeit habilitiert worden, seither lehrt er als Privatdozent an verschiedenen Universitäten (Danksagung, S. 407).

Die kunsthistorische Studie beruht auf den einschlägigen Akten im Staatsarchiv in Rom, im dortigen Außenministerium und im Consiglio dei Ministri; die Akten des faschistischen Governatorato di Roma waren ebenso wie die in Neapel nicht zugänglich (was nicht am Verfasser, sondern an den italienischen „Umständen“ liegt), dagegen aber die Akten des Stadtarchivs in Florenz, deutsche Archive wurden nicht befragt. Die Konzentration auf italienische Quellen schlägt sich unter anderem in den zahlreichen italienischsprachigen Zitaten nieder, die von Dobler (leider) nicht ins Deutsche übersetzt oder paraphrasiert werden. Hauptquellen waren die fotografischen Dokumentationen der visuellen Inszenierungen des Staatsbesuchs sowie die erhaltenen Bauwerke, Dekorationen, Entwürfe, Gemälde und Skulpturen in Italien, dazu als weitere Quellen die in Italien und in Deutschland veröffentlichten amtlichen oder halbamtlichen Fotobücher über den Staatsbesuch,[3] deren Bilder die Inszenierungen und Abläufe nicht nur festgehalten und überliefert haben, sondern für die zumindest in Teilbereichen der Besuch auch inszeniert worden war.

Entstanden ist eine hochwissenschaftliche Forschungsarbeit über die Inszenierung des Staatsbesuchs und seine (halb)amtliche Dokumentation, die damals nicht nur propagandistische Ziele, sondern auch direkte politische Absichten verfolgte, nämlich die politisch-ideologische Bindung beider Staaten durch diese Bilder zu befestigen.

Über den Staatsbesuch und vor allem über seine Inszenierung liegen weder von deutscher noch von italienischer Seite detaillierte Forschungsarbeiten vor,[4] selbst über die Entstehung der sog. Achse Berlin-Rom und die Italienpolitik des Deutschen Reichs gibt es relativ wenig Literatur. Dobler stützt sich in seiner Skizzierung der historischen Zusammenhänge auf die schon ältere Studie von Jens Petersen von 1973.[5]

Ohne das historische Umfeld ist die aufwändige Inszenierung des Staatsbesuchs nicht zu verstehen, denn die Inszenierung selbst war die eigentliche politische Aktion und Botschaft des Staatsbesuchs, auf ihm – wie auch schon auf dem Besuch Mussolinis in Deutschland im Jahr zuvor – wurden weder Verträge unterzeichnet noch fanden überhaupt politische Verhandlungen statt (das deutsch-italienische Kulturabkommen vom 23. November 1938 und der sog. Stahlpakt vom 22. Mai 1939 sind späteren Datums). Die Tage des Staatsbesuchs vom 3. bis 9. Mai 1938 galten der Demonstration des Selbstverständnisses und des aktuellen Zustands des italienischen Staates gegenüber dem nach dem sog. Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März des Jahres zum unmittelbaren Nachbarn gewordenen „Dritten Reich“; sie nahmen politische Verträge vorweg und wurden inszeniert in Hinblick auf die Wahrnehmung durch Dritte, d.h. die anderen europäischen Staaten und vor allem die je eigene Bevölkerung.

Dobler gliedert seine Darstellung in sechs sehr unterschiedlich umfangreiche Kapitel.[6] Zuerst referiert er den spärlichen Forschungsstand und skizziert das politische Verhältnis zwischen Hitler und Mussolini in den Jahren von 1922 bis 1938. Den umfangreichen ersten Hauptteil (Kapitel III) seiner Darstellung, Hitlers Empfang in Italien 1938, unterteilt Dobler in acht Abschnitte, die zuerst die unmittelbare Vorgeschichte des Besuchs, d.h. den Staatsbesuch Mussolinis in Deutschland vom 25. bis 29. September 1937, danach den Staatsbesuch Hitlers im Überblick und weiter die einzelnen Stationen und Facetten der Inszenierung des Besuchs behandeln. Im ähnlich umfangreichen zweiten Hauptteil (Kapitel IV) werden zunächst die acht Fotobücher über den Besuch einzeln vorgestellt und anschließend (Kapitel V) im Vergleich auf ihre Funktion und deren Erfüllung hin untersucht. Ein letztes kurzes Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bietet einen spekulativen Blick auf die direkten Auswirkungen des Besuchs in kunsthistorischer und politischer Perspektive. 2176 (durchgezählte) Fußnoten, insgesamt 237 fotografische Abbildungen, von denen 144 Besuch und Inszenierung illustrieren, während 92 Bilder den vorgestellten Fotobüchern zugeordnet werden, dazu mehr als 500 Eintragungen im Literaturverzeichnis (Zitate aus Akten werden nur in den Fußnoten belegt), über 100 Lemmata im Personenregister und ähnlich viele im Ortsregister bilden zusammen den eindrucksvollen wissenschaftlichen Apparat des Bandes. Er besticht zudem durch einen die Lektüre erleichternden zweispaltigen Druck, Großformat und durch die durchgängig schwarz-weißen Abbildungen in unterschiedlichen Formaten und qualitativ guten Wiedergaben, die aber als aus den Fotobüchern übernommene Abbildungen natürlich nicht besser ausfallen können als ihre Vorlagen.

Dass der Ablauf des achttägigen Staatsbesuchs erstmals in allen seinen Details in einer kunsthistorischen Forschungsarbeit rekonstruiert wird, wird man der vornehmlich visuell-propagandistischen Zielsetzung dieses Besuchs zuschreiben dürfen: Über die schiere Faktizität des Besuchs hinausgehend waren keine politischen Verhandlungen oder Beschlüsse vorgesehen, auch verlief der Besuch ohne bemerkenswerte Zwischenfälle, wenn man von der offen zur Schau gestellten Abneigung Hitlers gegenüber dem Staatsoberhaupt, König Vittorio Emanuele III di Savoia, und einige protokollarische Fehleinschätzungen (Hitlers Kleidung betreffend) in der deutschen Delegation absieht, die u.a. zur Entlassung des deutschen Protokollchefs führten (S. 64 und 73), in den Bildbänden aber übergangen und nicht abgebildet werden. Ablauf und Stationen des Besuchs entsprachen im Wesentlichen dem Besuch Mussolinis in Deutschland, nur waren sie ausgedehnter und akzentuierter (allerdings fehlte ein dem Besuch Mussolinis in der tätigen „Waffenschmiede des Reichs“ in Essen vergleichbarer Termin). Thematisch ist auffällig, wie sehr neben die Präsentation des modernen Militärs allein die antike römische Geschichte in den Blickpunkt gestellt wurde, nicht das barocke oder gar das kirchliche Rom. Der Abstecher nach Neapel galt einem Manöver der italienischen Marine, die den Herrschaftsanspruch über das Mittelmeer verdeutlichen sollte; den Schlusspunkt setzten – ohne monarchisches Protokoll – beim Besuch von Florenz Kunst und Kultur der italienischen Renaissance.

Die Inanspruchnahme der römischen Antike für die faschistische Selbstdarstellung wird von Dobler in einem historischen Kapitel über den faschistischen Denkmalkult, der sich in tiefgreifenden städtebaulichen Eingriffen in die historisch gewachsene Stadt manifestierte, näher ausgeführt. Die Pläne waren 1938 zwar noch nicht vollständig verwirklicht, die geschaffene städtebauliche Realität verdeutlichte aber bereits den faschistischen Deutungs-anspruch über die Antike: Sie wurde für die Begründung der eigenen imperialen Ansprüche instrumentalisiert und geriet zur monumentalen Kulisse, blieb in ihrer Einmaligkeit aber dennoch präsent. Ephemere Dekorationen, die direkt auf die Ablaufphasen des Besuchs ausgerichtet waren, verstärkten die während des Staatsbesuchs durch die antiken Monumente und durch militärische und paramilitärische Manöver vorgeführten Machtdemonstrationen zusätzlich: Licht- und Nebeleffekte, Fahnen und Banner nach nationalsozialistischem Vorbild (die die unfertige oder störende Randbebauung verdeckten, den Blick auf das Ziel ausrichteten und zudem durch die in etwa gleichgewichtigen Anteile an Hoheitszeichen Italiens und des Deutschen Reichs die Verbundenheit beider Staaten symbolisierten), dazu Pylone, Pfeiler, Fahnentürme und Triumphpforten, die zumeist ebenfalls nationalsozialistischen Vorbildern folgten, ebenso wie der Verzicht auf kleinteilige Ausschmückungen durch Porträts und Büsten.

Vor allem aber sollte die theatralische Inszenierung der nächtlichen Auftritte Hitlers und Mussolinis die Teilnehmer und Zuschauer des Staatsbesuchs beeindrucken. Die zuschauenden und jubelnden Menschenmassen wurden absichtsvoll arrangiert, sie wurden als offene, ungeordnete, grenzenlose Masse vorgeführt (im Kontrast zu den durchorganisierten, geschlossenen Auftritten der Nationalsozialisten), daneben aber auch in einzelnen figurativen Vorführungen: Die offene Masse sollte die freiwillige Unterordnung unter den Herrscher, unter den mythischen Helden betonen, ihre volle Wirkung konnte sie allerdings erst in der bildlichen Vermittlung zeigen, auf die hin sie auch inszeniert wurde. Dass der Staatsbesuch Hitlers in Teilen einem Triumphzug gleichkam, war im Rückgriff auf antike Triumphzüge z.B. im Empfang schon vor den Stadttoren und in der Führung durch ephemere Tore intendiert, auch wurden Bezüge auf den Einzug Kaiser Karls V. von 1536 in die Stadt sichtbar, für den Papst Paul III. Farnese damals eine neue Straße durch das antike Ruinenfeld hatte schlagen lassen, um ihn dort zu empfangen und anschließend weiter durch die Stadt zur Engelsburg und zur Peterskirche zu führen (was für Hitler natürlich ausfiel). Die Beflaggung der Stadt folgte jedoch aktuellem, nationalsozialistischem Vorbild, wie an dem noch schmucklosen Empfang von Hitler 1934 in Venedig, am ebenfalls noch schmucklosen Einzug Hitlers in Österreich und in Wien im März 1938 und an der nachfolgenden Ausstaffierung Wiens mit Fahnen für die Volksabstimmung im April desselben Jahres deutlich wird. Hitler sah sich jetzt als Mussolini gleichberechtigter Imperator, nicht mehr als Bewunderer wie 1934; der triumphale Einzug in Rom galt Hitler, Mussolini und dem König allerdings gleichermaßen.

Die ideologische Ankoppelung des italienischen Faschismus an die römische Antike wird noch einmal durch den Besuch der Mostra Augustea della Romanità offensichtlich, die 1937 zum 2000-jährigen Geburtstag des Kaisers Augustus eröffnet worden war. Ihrer Vorstellung widmet Dobler ein eigenes Kapitel, in dem er detailliert auf die architektonische Verarbeitung antiker Vorbilder in der neu gestalteten (ephemeren) Fassade des Ausstellungspalastes und vor allem auf die intendierte Gleichsetzung resp. Wiederaufnahme des Augusteischen Imperiums im faschistischen Imperium, in das Christentum resp. Papstkirche eingeordnet wurden, eingeht, ein Thema, das besonders in der Ausgestaltung der Ausstellung bemerkbar wurde. Hitler und seine Delegation dürften im Display der Ausstellung Ähnlichkeiten mit nationalsozialistischen Leistungsschauen, vor allem mit der Ausstellung zur Vollendung des Vierjahresplans 1937 Gebt mir vier Jahre Zeit gesehen haben und das Konzept der „Romanità“ als Entsprechung zur deutschen Reichsidee begriffen haben. Die zeitgleich wiedereröffnete Mostra della Rivoluzione Fascista wurde Hitler nicht gezeigt, wahrscheinlich, weil sie Mussolini und auch den Ersten Weltkrieg zu sehr in den Vordergrund stellte, desgleichen auch nicht das Augustusmausoleum, dessen Gestaltung und Einrahmung durch faschistische Neubauten noch unfertig waren und das mit seinen spärlichen antiken Resten nicht die zunächst erhoffte monumentale Wirkung erfüllte.

Relativ kurz geht Dobler auf die letzte Station des Staatsbesuchs ein, in Florenz erwarteten Hitler ein Fahnenmeer, historische Monumente und geschmückte Fassaden, Besuche von Gemäldegalerien und Schaustellungen folkloristischer Spiele. In die Tradition deutscher Italienbesuche gestellt, präsentierten sie dem „Kunstkenner“ Hitler eine nationale Idee von Italien, eine von Papst und Königtum unabhängige kulturhistorische Imagination der Vergangenheit.

Dem zweiten Hauptteil des Bandes, der Vorstellung und Interpretation der zeitgenössischen Fotobücher über den Staatsbesuch, stellt Dobler nur eine recht kurz geratene Einführung in die Medien Fotografie und Fotobuch voran. Authentizität und Manipulation werden als Pole zeitgenössischer Darbietung und Rezeption von Fotografien und Fotobüchern hervorgehoben. Die fotografische Inszenierung galt der Wahrnehmung und der Interpretation der Ereignisse zugleich, sie zielte sowohl auf Dokumentation als auch auf Sinnstiftung. „Ihr historischer Quellenwert ist daher mindestens ebenso wichtig wie derjenige von Verträgen und Abkommen“ (S. 238).

Im Anschluss stellt Dobler acht Fotobücher ausführlich vor,[7] beschreibt ihren Inhalt und Aufbau und belegt seine Interpretationen durch die Wiedergabe einzelner Abbildungen. Natürlich vermisst man als Leser die vollständigen oder auch nur repräsentativen Reproduktionen der Bilderbücher; so muss man Beschreibungen und Bewertungen weitgehend ungeprüft übernehmen, da zumindest die italienischen Publikationen den Lesern in Deutschland schwer oder gar unerreichbar sein dürften.

Das Fotobuch „Hitler in Italien“ (Nr. 1) von Hitlers Verehrer und „Hofberichterstatter“ Heinrich Hoffmann[8] sieht Dobler in seiner recht sachlichen und das Besuchsprogramm relativ ablaufgetreu wiedergebenden Bildfolge konzentriert auf die Person Adolf Hitler, der das italienische Volk für sich eingenommen habe und als Kunstkenner sich mit der Italienreise einen langgehegten Traum erfüllte, Mussolini ist stets präsent, der König spielt praktisch keine Rolle, die militärische Stärke Italiens wird gewürdigt, eine politische Propagierung der Achse Berlin-Rom ist nicht zu erkennen. Dem für ein Massenpublikum produzierten Fotobuch von Hoffmann, das innerhalb einer Serie von Hitler-Porträts platziert wurde, steht als Kontrast auf italienischer Seite das offizielle, aufwändig produzierte Kunstdruckbuch „Hitler in Italia“ (Nr. 2) des Ministero della Cultura Popolare gegenüber. In fotografischen Inszenierungen und Kommentierungen durch literarische und politische Zitate werden die Selbstdarstellung des italienischen Faschismus und sein Bezug auf die römische Antike hervorgehoben, Hitler ist der sich beeindruckt zeigende Gast, Mussolini der siegreiche Gastgeber.

Kürzer beschreibt Dobler den weiteren italienischen Geschenkband „Bozzetti di addobbo dell’urbe per la visita del Führer“ (Nr. 3), der Aquarell-Skizzen der eindrucksvollsten ephemeren Dekorationen aus der potenziellen Perspektive des Staatsgastes und dazu aufwändige Lichtdrucke römischer Straßen und Gebäude ohne solche Dekorationen enthält, idealisierte Eindrücke des vorbereiteten Besuchs resp. der ewigen Stadt; einen ähnlichen Band über Florenz streift Dobler nur kurz. Ein für den italienischen Markt vorab produzierter Band „Italia e Germania, maggio 16“ (Nr. 4) mit Aufsätzen und Bildtafeln bestätigt für Dobler, dass Ablauf und fotografische Darstellung des Repräsentationsapparats und der einzelnen Programmpunkte bereits eingeübten Schemata entsprechen. Die Herausgabe des Bandes erscheint als Vorübung für die vorgesehene Dokumentation des Staatsbesuchs, wie sie danach der Belegband „Il Führer in Italia“ (Nr. 5) der italienischen Nachrichtenagentur Stefani mit Zeitungstexten und -bildern in einer viersprachigen Ausgabe für den Massenmarkt anbietet. Text und Bild ergänzen sich hier, die Bilder zeigen häufiger Totale, sie dokumentieren die Arbeit der Nachrichtenagentur in der Wiedergabe von Kamerawagen und -aufbauten, die in den anderen Bildbänden nicht zu sehen sind, aber hier umso deutlicher zeigen, wie sehr der Staatsbesuch als Medienereignis inszeniert worden war. Als zweiter deutscher Bildband über den Staatsbesuch verwendet der Band „Der Schlüssel zum Frieden“ (Nr. 6) von Heinrich Hansen im Unterschied zu dem von Heinrich Hoffmann keine eigenen Fotografien, sondern kombiniert abwechslungsreich in einer Art von Materialkollage (Archiv-)Fotografien von Kunstwerken, Agenturbilder deutscher Fotografen vom Staatsbesuch, Porträts, Druckgrafiken und Zeichnungen mit Reproduktionen aus Zeitungen und Zeitschriften; er betont stärker die politische Botschaft des Staatsbesuchs, die propagierte Achse Berlin-Rom.

Ein weiterer Band von Heinrich Hansen „Hitler, Mussolini“ (Nr. 7) zeigt in einer wegen der echten Fotografien nur kleinen Auflage insgesamt 100 stereoskopische Fotografien (alle von Heinrich Hoffmann) ohne Einzelbeschreibungen im Anschluss an zwei einleitende Aufsätze: Die Stereoskopien zeigen reizvolle Bildmotive und -szenen, die sich für eine Raumbildwiedergabe besonders dann eignen, wenn sie den Betrachter in die Szene hineinziehen. Der Band erschien innerhalb einer Buchreihe mit stereoskopischen Bildern;[9] ihm stand auf italienischer Seite nichts Vergleichbares gegenüber. Dort wurde 1942, vier Jahre nach dem Staatsbesuch und vor dem Hintergrund erster italienischer Niederlagen im Zweiten Weltkrieg, ein für die Achse Berlin-Rom argumentierender, zweisprachiger Band „Due popoli, una guerra“ (Nr. 8) vorgelegt, in dem historische und aktuelle Zitate zur Verbundenheit von Deutschland und Italien mit der umfangreichsten Fotodokumentation des Staatsbesuchs von 1938 in einen lockeren Zusammenhang gestellt werden. Entsprechend betonen die Fotografien von jubelnden Massen, geschlossenen Militärformationen und abstrakten Waffenschauen, die wiederholt neben Symbole für Herrschaft und Beherrschung gestellt werden, die Verbundenheit beider Staaten unter nun deutscher Vorherrschaft.

Zusammenfassend stellt Dobler noch einmal die gemeinsamen und variierenden Aufträge und Funktionen der Bildbände einander gegenüber: Gemeinsam war ihnen allen der Auftrag, Harmonie und Eintracht zwischen den Achsenmächten darzustellen und zu bekräftigen, „das Bündnis war zumindest in der intendierten Wahrnehmung des Ereignisses zur unleugbaren Realität geworden“ (S. 367). Während des Staatsbesuchs führte Mussolini seinem Gast die Grundlagen des faschistischen Selbstverständnisses anschaulich vor Augen. Römische Antike und florentinische Renaissance, romanità und latinità, waren zwei Konzepte kultureller Identität, die, militaristisch und expansionistisch aufgeladen, Hitler zutiefst beeindruckten, Papstkirche und Monarchie wurden so weit wie möglich ausgeblendet, Adolf Hitler war die Norm, an der sich die Selbstdarstellung des Faschismus während des Besuchs orientierte. In der Nachwirkung des Staatsbesuchs auf Hitler kann Dobler Auswirkungen auf die Planung der Reichshauptstadt Germania erkennen, indem die Eindrücke von Kuppeln und Plätzen in noch extremer gesteigertem Gigantismus umgesetzt wurden, und auf die Planung des sog. Führermuseums in Linz, das florentinischen Vorbildern nachkommen und sie übertrumpfen sollte. Der abschließenden These Doblers, dass die Eindrücke vom Staatsbesuch in Italien Hitler in seiner militärischen Expansionspolitik bestätigten und zusätzlich befeuerten (S. 378-379), wird man wenig entgegenhalten wollen.

Mit der minutiösen Darstellung und Interpretation von Vorgeschichte und Ablauf des Staatsbesuchs und seinen fotografischen Repräsentationen gelingt Dobler zweierlei: Er zeigt, wie im Einzelnen der Besuch seinen Zweck in der Bestätigung und Verstärkung der politischen Achse Berlin-Rom erfüllte und wie dies im Medium des Fotobuchs festgehalten und noch einmal – durchaus variierend – dauerhaft propagiert wurde. Die kunsthistorische Perspektive der Darstellung intensiviert die Interpretation der dauerhaften und ephemeren Dekorationen, der Inszenierungen und Aktionen in besonderer Weise. In der Geschichtsschreibung zum Verhältnis von Faschismus und Nationalsozialismus füllt Doblers Studie eine spezifische Lücke, sie setzt darüber hinaus methodische Maßstäbe für die weitere Beschäftigung mit visueller Propaganda, nicht nur von Faschismus und Nationalsozialismus, sondern für die Bildgeschichte jeglicher Propaganda.

 

Ralph-Miklas Dobler, Bilder der Achse. Hitlers Empfang in Italien 1938 und die mediale Inszenierung des Staatsbesuches in Fotobüchern, Deutscher Kunstverlag Berlin/München 2015, 407 S., zugl.: Bonn, Univ., Habil.-Schr., 2013. – ISBN 978-3-422-07298-5 : EUR 69,90

 

Quelle: Informationsmittel (IFB): Digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft

Diese Rezension ist eine Zweitveröffentlichung und zuerst auf dem Portal IFB erschienen (http://ifb.bsz-bw.de/bsz423867741rez-2.pdf). Wir danken Wilbert Ubbens und Dr. Klaus Schreiber für die freundliche Genehmigung, den Text auf Visual History zu veröffentlichen.

 

 

[1] Vgl. den Forschungsbericht 2010 der Bibliotheca Hertziana.

[2] Ralph-Miklas Dobler, Die Juristenkapellen Rivaldi, Cerri und Antamoro: Form, Funktion und Intention römischer Familienkapellen im Sei- und Settecento, München 2009; teilw. zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 2004. Rezension.

[3] Die Filmberichte der cinegiornali, also der Wochenschauen des Istituto Luce werden zur Rekonstruktion des Empfangs zwar herangezogen, aber nicht in Hinblick auf ihre filmische Gestaltung untersucht (Einführung, S. 11). Vgl. Federica Dalla Pria; Pref. di Gustavo Corni, Dittatura e immagine: Mussolini e Hitler nei cinegiornali, Roma 2012. Der Titel fehlt im Literaturverzeichnis. Genannt ist dort dagegen eine neuere italienische Publikation zum Staatsbesuch: Maurizio Martucci, Hitler turista: viaggio in Italia, Milano 2005.

[4] Inhaltlich am nächsten steht die Studie von Wenke Nitz, die die fotografische Repräsentation von Hitler und Mussolini von 1933 bis 1944 in der deutschen und italienischen illustrierten Presse und in zwei Fotobüchern über den Staatsbesuch untersucht (nämlich den von Dobler gleichfalls, aber mit anderen Ergebnissen analysierten Fotobüchern von Heinrich Hoffmann resp. der Nachrichtenagentur Stefani, s.u.): Wenke Nitz, Führer und Duce: politische Machtinszenierungen im nationalsozialistischen Deutschland und im faschistischen Italien, Köln 2013. Nur aus dem aktuellen Anlass einer jüngsten Veröffentlichung sei der autobiografische Bericht des amtlichen „Cicerone“ von Hitler und Mussolini während des Staatsbesuchs, Ranuccio Bianchi Bandinelli (1900-1975), erwähnt, der den Besuch in ganz anderer Weise schildert und sich über Hitler mokiert: Ranuccio Bianchi Bandinelli, Hitler, Mussolini und ich: aus dem Tagebuch eines Großbürgers. Aus dem Italienischen, kommentiert und herausgegeben von Elmar Kossel, Berlin 2016. Darin S. 63-105: Begegnung mit Hitler. Dieser Teil erschien 1995 in Italien u.d.T.: Ranuccio Bianchi Bandinelli, Hitler e Mussolini: 1938, il viaggio del Führer in Italia, Roma 1995, und diese Ausgabe wird von Dobler auch im Literaturverzeichnis zitiert, aber nicht weiter ausgewertet. Die kommentierte deutsche Ausgabe von 2016 enthält dagegen eine Auswahl weiterer Texte aus den vier italienischen Ausgaben des Tagebuchs „Dal diario di un borghese“ sowie aus unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass von Ranuccio Bianchi Bandinelli (Editorische Bemerkung, S. 204).

[5] Jens Petersen, Hitler, Mussolini: die Entstehung der Achse Berlin-Rom 1933-1936, Tübingen 1973.

[6] Das ausführliche Inhaltsverzeichnis enthält auch die Titel der analysierten Fotobücher.

[7] Die Kurztitel, denen jeweils ein Motto vorangeht, sind dürftig (nur Sachtitel, beteiligte Person oder Körperschaft und Erscheinungsjahr). Dasselbe gilt für das Verzeichnis der Fotobücher (S. 381; dort sind noch sechs weitere zeitgenössische Fotobücher genannt, von denen vier den Besuch Mussolinis in Deutschland 1937 zum Gegenstand haben) zu Beginn des Literaturverzeichnisses (S. 381-399), dessen Hauptteil aus der Liste der Sekundärliteratur besteht. Die acht im vorliegenden Band ausführlich vorgestellten Titel werden nachstehend (ohne Autopsie als Pasticcio aus den Einträgen im KVK und über diesen auch aus dem Catalogo del Servizio Bibliotecario Nazionale) genauer beschrieben, zum Nutzen des Lesers, der die Bände selbst zur Hand nehmen möchte, da die im vorliegenden Band reproduzierten, überwiegend kleinformatigen Abbildungen nur einen beschränkten Eindruck von der teilweisen Opulenz der Originale ermöglichen. Bis auf den letzten Titel sind lt. KVK Exemplare in unterschiedlicher, meist geringer Zahl in deutschen Bibliotheken nachgewiesen.
Nr. 1 (S. 238-258) Hitler in Italien / Heinrich Hoffmann. Geleitwort Otto Dietrich. 1.-50. Tsd. München: Hoffmann, 1938. 96 S. 126 Bilder; 4°. Dietrich (1897-1952) war Reichspressechef der NSDAP und damit der Vorgesetzte von Henrich Hansen (s. unter Nr. 6), und beide waren an dem unter Nr. 7 verzeichneten Buch beteiligt; Nr. 2 (S. 258-282) Hitler in Italia / a cura del Ministero della Cultura Popolare – Direzione Generale della Propaganda. Roma: Società Edictrice di „Novissima“, 1938. 60 Bl. Ill.; 4°. Text in deutscher und italienischer Sprache; Nr. 3 (S. 283-289) Bozzetti di addobbo dell’urbe per la visita del Führer  = Die Ausschmückungsentwürfe der Stadt Roms für den Besuch des Führers. Roma: Istituto Romano di Arti Grafiche, [1938]. 60 Bl.: Ill. 33 x 35 cm; Nr. 4 (S. 289-298) Italia e Germania, maggio 16. Roma: Libreria Ulpiano Editrice, [1938]. 89 [64] S.: Ill.; 32 cm; Nr. 5 (S. 299-314) Il Führer in Italia = Der Führer in Italien = Le Führer en Italie = The Führer in Italy. [Roma]: Agenzia Stefani, [1938]. 64 Bl.: Ill.; 30 x 35 cm. Im SWB ist zusätzlich folgende Ausgabe nachgewiesen: Il Führer in Italia. Ed. speciale. Milano: Agenzia Stefani, 1938. 56 Bl.; Nr. 6 (S. 314-333) Der Schlüssel zum Frieden: Führertage in Italien / Henrich Hansen. Mit einem Geleitwort von Joachim v. Ribbentrop. Berlin: Klieber, 1938. 48 Bl.: Ill.; gr. 8°. Hansen (1895-1976) war lt. GND Hauptschriftleiter und Referent des Reichspressechefs der NSDAP; Nr. 7 (S. 333-337) Hitler, Mussolini: der Staatsbesuch des Führers in Italien / Henrich Hansen. Mit einem Vorwort des Reichspressechefs Dr. Dietrich. 100 Raumbildaufnahmen von Heinrich Hoffmann. Diessen am Ammersee: Raumbild-Verlag, 1938. 48 S., [8] Bl.: zahlr. Ill. + Bild-Betrachter und 75 Raumbilder. Bilder Nr. 25-100 als Beigabe im Buch. (Das Raumbildwerk); Nr. 8 (S. 337-353) Due popoli, una guerra / a cura di Paolo Orano; documenti di Cavour, Garibali, Mazzini, Bismarck, Guglielmo I. Scritti di Mussolini, Hitler … Roma: Editrice Pinciana di U. Zuccucci, 1942. 193 S.: überw. Ill.; 35 x 25 cm. Diese Ausgabe stellt Dobler vor (und bildet S. 339 den Umschlag [?] mit dem Erscheinungsjahr XX faschistischer Ära ab). Lt. dem italienischen Verbundkatalog (mit Besitznachweis in drei Bibliotheken) gab es angeblich bereits eine Ausgabe aus dem Jahr des Hitler-Staatsbesuchs: Due popoli, una guerra / a cura di Paolo Orano ; documenti di Cavour, Garibali, Mazzini, Bismarck, Guglielmo I. Scritti di Mussolini, Hitler … Roma: Editrice Pinciana, 1938. 193 S.: überw. Ill.; 35 x 25 cm. Vermutlich handelt es sich dabei aber um eine „Geister“-Ausgabe. Beide Ausgaben sind in deutschen Bibliotheken lt. KVK nicht nachgewiesen.
Bei der Recherche im KVK stößt man auch auf zwei italienische Filmdokumentationen zu Hitlers Staatsbesuch: 1938: Hitler in Italia / Nicola Caracciolo; Renzo De Felice. Roma: Istituto Luce, 1998. 1 Videokassette (VHS) (85 min.); 20 cm. Il viaggio del Fuhrer in Italia / regia Leonardo Tiberi. Testi e consulenza storica Piero Melograni. Ricerche d’archivio Maddalena Vianello. Montaggio Angelo Musciagna. Musiche Angelo Poggi, Giovanni Cera. Voce narrante Aurora Cancian. Roma: Istituto Luce, 2005. 1 DVD (ca. 55 min.); 12 cm. Im Literaturverzeichnis nennt Dobler zwei Publikationen von P. Melograni.
Und: damit auch nichts von den aufwändigen Recherchen im KVK verlorengehe, hier einige weitere Fundsachen zum Thema des Staatsbesuches von Hitler aus dem italienischen Verbundkatalog (ohne Gewähr für die Formalia): Viaggio del Fuhrer in Italia, maggio 1938 a. 16: uniformi / [Presidenza del Con-siglio dei Ministri]. [S. l.]: [s.n.], [1938]. 19 S.; 21 cm. In testa al frontespizio: Riservato (also vermutlich eine für den Dienstgebrauch bestimmte Publikation). Viaggio del fuhrer in Italia = Reise des Fuhrers in Italien / Ministero degli Affari Esteri. Roma: Tip. riservata del Ministero degliAffari Esteri, 1938. 195 S.: Ill.; 30 cm. Adolfo Hitler nell’Italia di Mussolini: edizione straordinaria de la Rivista illustrata del popolo d’Italia. Milano: Tip. Alfieri e Lacroix. 1938. Ill. 4°. Hitler in Italia: un giorno a Napoli; documentario dello storico avvenimento nei giudizi della stampa di tutto il mondo su quest’altra Napoli / compilatori [Domenico] Mancuso; [Giovanni] Romei; [Luciano] Jacobelli. Napoli: Tip. Amodio, 1938. 57 S., Ill.; 34 cm. Ricordo documentazione storica del viaggio del Fuhrer in Italia. Roma: I.M.P.E.R.A., 1938. [10] S.: Ill.; 25 cm. Armi ed armati italiani prima del Risorgimento: il duce al Fuhrer; Palazzo Venezia, 7.5.1938. [S. l.]: [s.n], 1938. 6 S.; 26 cm. (Testi di bibliografia fascista; 55). Viaggio del Führer in Italia, 3-9 Maggio 1938-XVI: principali periodici illustrati. [s.l.]: [s.n.]. 1938, ca. 393 S.; 2°.

[8] Zu Hoffmann vgl. ausführlich: Thomas Friedrich, Chronist der Bewegung: die Fotobuchproduktion von Heinrich Hoffmann 1919 bis 1943, in: Manfred Heiting/Roland Jaeger (Hrsg.), Autopsie: deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945, Bd. 1, Göttingen 2012, hier S. 424-439. Vgl. auch Bd. 2, Göttingen 2014. Dieses zweibändige Standardwerk fehlt im Literaturverzeichnis, weshalb hier auf die beiden Rezensionen in IFB hingewiesen sei: IFB 14-2 und IFB 15-2.

[9] Vgl. dazu Sebastian Fitzner, Das neue Deutschland plastisch monumental: die stereoskopischen Fotobücher des Raumbild-Verlags Otto Schönstein, in: Heiting/Jaeger (Hrsg.), Autopsie (wie Anm. 8), Bd. 1, S. 456-475.

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