Rezension: Ré Soupault, Katakomben der Seele

Ré Soupault: Friedland 1950 © 2016 Nachlaß Ré Soupault/VG Bild-Kunst mit freundlicher Genehmigung

Kinder umringen eine junge Frau. Sie trägt eine weiße Schürze und ist offensichtlich ihre Betreuerin. Keines von ihnen lächelt. Staunend, neugierig, mit offenen Mündern und aus großen Augen blicken sie in Richtung der Kamera. Im Hintergrund ist eine Holzbaracke zu erkennen. Die Aufnahme entstand 1950 im Durchgangslager Friedland in Niedersachsen, und sie zeigt wahrscheinlich einige Vollwaisen, die ihre Eltern auf der Flucht aus dem Osten verloren haben, inmitten ihrer „Fürsorgeschwester“, so die damalige Bezeichnung.

Die berührende Aufnahme stammt von der damals 49-jährigen Ré Soupault. Sie ist Teil einer Reportage über die Flüchtlingslager in Westdeutschland, die die Journalistin und Übersetzerin auf eigene Initiative besuchte. Die 1901 in Pommern geborene Soupault hatte eine eigene Heimatverlust- und Fluchterfahrung: 1928 war sie nach Paris ausgewandert, später mit ihrem französischen Ehemann nach Tunesien übergesiedelt. Als die Wehrmacht 1942 auf Tunis vorrückte, konnten die beiden im letzten Moment aus der Stadt fliehen.

Das bislang unveröffentlichte Manuskript von Soupaults Reportage „über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem“ aus dem Jahr 1950, an deren Abdruck damals weder US-amerikanische noch französische und schweizerische Zeitungen interessiert waren, und die zugehörigen Fotoaufnahmen sind nun erstmals in einem sehr ansprechend gestalteten Band im Heidelberger Verlag Das Wunderhorn publiziert worden. Herausgeber ist Manfred Metzner, der Nachlassverwalter der 1996 in Versailles verstorbenen Soupault, deren Bilder zuletzt in der Ausstellung „Das Auge der Avantgarde“ im Zeppelin Museum Friedrichshafen gezeigt wurden (siehe die Besprechung auf Visual History).

 

Ré Soupault: Buchhof am Starnberger See, 1950 © 2016 Nachlaß Ré Soupault/VG Bild-Kunst mit freundlicher Genehmigung

Ré Soupault widmet sich in ihrer einfühlsamen Reportage insbesondere dem Schicksal elternloser Kinder und dem großen Problem der Perspektivlosigkeit unter den jugendlichen Flüchtlingen aus dem Osten. Auf dem Coverbild des Buches sind zwei Jungen in einer Werkstatt zu sehen, einer von ihnen hält in der ölverschmierten Hand einen Schraubenschlüssel. Aufnahmeort ist die Metallwerkstatt im „Jugendselbsthilfewerk“ Buchhof am Starnberger See, eine von den Jugendlichen selbstverwaltete Einrichtung, die im Rahmen des „Jugendaufbauwerkes“ das Ziel hatte, den Eltern- und Heimatlosen Wohnort, Ausbildung und Perspektive zu bieten. Die Leser erfahren in Soupaults faktenreicher Darstellung, dass 1950 allein in Bayern 645.000 jugendliche Flüchtlinge lebten, von denen viele auf Lehrstellensuche waren: Den mehr als 160.000 Suchenden standen aber weniger als 13.000 Ausbildungsplätze gegenüber.

Die Visual History der Vertriebenen wird heute vor allem durch die Aufnahmen der langen und beladenen Flüchtlingstrecks aus dem Osten dominiert.[1] Soupaults Fotografien erzählen diese Geschichte weiter. Sie geben dem Betrachter eine Innenperspektive der Lager, in denen viele der Heimatlosen zunächst über Jahre leben mussten. Die Aufnahmen nehmen Menschen in den Fokus, in deren oft leeren Blicken an der Kamera vorbei sich Verlust und Zukunftssorgen ablesen lassen: „In den Augen dieser Menschen ist jeder Hoffnungsschimmer erloschen.“ (S. 12)

Soupaults Reportage ist zugleich von ungeahnter, manchmal erschreckender Aktualität, wenn sie etwa über die jugendlichen Flüchtlinge schreibt: „Sie müssen vor völliger Entwurzelung gerettet werden, damit sie nicht der Raub eines gefährlichen Radikalismus werden, der ansteckend wirkt.“ (S. 16) Und doch erzählt Soupault von einer vergangenen Zeit, in der in einem noch jungen, nahezu zerstörten Land zwölf Millionen Heimatlose lebten. Sie erzählt aber auch von der hohen personellen Kontinuität, von ehemaligen SS-Leuten, die nach dem Krieg als Polizeibeamte in den Flüchtlingslagern arbeiteten. Und sie erzählt von einer von Krieg und Diktatur verheerten Gesellschaft, in der einst jeder vierte Deutsche ein Flüchtling war.

 

Cover: Ré Soupault, Katakomben der Seele. Eine Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950, hg. v. Manfred Metzner, Heidelberg Verlag Das Wunderhorn 2016

Cover: Ré Soupault, Katakomben der Seele. Eine Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950, hg. v. Manfred Metzner, Verlag Das Wunderhorn 2016

 

Ré Soupault, Katakomben der Seele. Eine Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950, hg. v. Manfred Metzner, Erstpublikation aus dem Nachlass, 64 Seiten, Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn 2016, 17,80 €

 

 

 

[1] Gerhard Paul, Der Flüchtlingstreck. Bilder von Flucht und Vertreibung als europäische lieux de mémoire, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Band I: 1900-1949, Göttingen 2009, S. 666-673

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