Historische Fotobestände aus Südamerika im Archiv für Geographie (Leipzig)

Das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) verfügt über ein in Deutschland einmaliges Archiv zur Geschichte der Geographie. 1902 als „Archiv für Forschungsreisende“ vom Geologen Alphons Stübel (1835-1904) gegründet, befinden sich heute fast 200 Nachlässe von Geographen und Forschungsreisenden sowie Akten von zentralen Fachverbänden, Vereinen und Redaktionen im Archiv für Geographie. Zu den bekanntesten Nachlassbildnern zählen Friedrich Ratzel (1844-1904), Hans Meyer (1858-1929), Albrecht Penck (1858-1945), Erich von Drygalski (1865-1949), Walter Christaller (1893-1969) oder Wolfgang Hartke (1908-1997). Neben den Schriftbeständen verfügt das Archiv über eine große Sammlung historischer Bilddokumente, darunter ca. 150.000 Fotografien.

Wie das gesamte Archiv gehen auch die Anfänge der Bildersammlung auf Stübel zurück. Von 1868 bis 1877 hielt er sich in Südamerika auf, um vornehmlich vulkanologischen Forschungen in den Anden nachzugehen. Auf seinen Reisen sammelte und kaufte er Bücher, Karten, Fotografien und Artefakte, ließ Landschaftsgemälde anfertigen und zeichnete selbst Landschaftspanoramen. Die mitgebrachten Dinge bildeten den Grundstock eines länderkundlichen Museums, das 1896 in Leipzig eröffnet wurde. Die ca. 1600 Fotografien der „Collection Alphons Stübel“ sind heute eine im In- und Ausland nachgefragte Sammlung zur Fotogeschichte Südamerikas. Innerhalb mehrerer Erschließungsprojekte wurden inzwischen mehr als 900 dieser Fotografien digitalisiert, formal und inhaltlich erschlossen und im Online-Katalog der Geographischen Zentralbibliothek publiziert.

In einem ersten Kooperationsprojekt zwischen dem IfL und dem Instituto Moreira Salles (Rio de Janeiro) wurden die Brasilienbilder aus der Collection Alphons Stübel 2004/2005 digitalisiert und erschlossen. Inzwischen kann man diese Fotos auch in der Datenbank Brasiliana Fotográfica recherchieren. In einem zweiten Kooperationsprojekt konnten die Fotobestände aus Ecuador des Leipziger Archivs mit Unterstützung einer Stiftung in Quito 2010/2011 erschlossen werden.[1] Auch diese Bilder – neben den Fotos aus der Collection Stübel vor allem Fotografien von einer Forschungsreise Hans Meyers 1903 – werden inzwischen im Partnerland im Rahmen des Portals Archivo Nacional de Fotografía präsentiert.

Das dritte Projekt mit südamerikanischen Fotografien wurde von März bis Dezember 2016 im IfL durchgeführt. Auf Initiative der Deutschen Botschaft in La Paz und mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes konnten 2500 Fotografien aus Bolivien digitalisiert, erschlossen und katalogisiert werden. Die bearbeiteten Fotos stammen im Wesentlichen aus vier Sammlungen: Alphons Stübel, Rudolf Hauthal, Oskar Schmieder und Carl Troll.

Wie schon in den beiden vorhergegangenen Projekten stammen die ältesten und wertvollsten Fotografien aus der Collection Stübel. Leider sind nur selten Fotografen genannt, darunter für Bolivien bekannte Namen wie Eugène Courret (1841-um 1900), Ricardo Villaalba oder Villroy L. Richardson (1827-1903). Die Bilder zeigen einige Motive aus den größten Städten des Landes (La Paz, Sucre, Potosí oder Oruro), Landschaftsaufnahmen fehlen hingegen fast vollständig. Dies mag am damaligen Entwicklungsstand der Fotografie und dem mangelnden Angebot gelegen haben, hatte aber auch mit der Einstellung Stübels zur Fotografie zu tun.[2] Bei Landschaften hielt Stübel die Fotografie für wenig geeignet, weil sie zu sehr individualisiere und nicht das Charakteristische zeige. Daher bevorzugte er hier graphische und künstlerische Visualisierungen. Überliefert sind von ihm selbst gezeichnete großformatige Panoramen der ecuadorianischen Anden. Den Ecuadorianer Rafael Troya (1845-1920) leitete er an, nach seinen Vorgaben unterwegs zu malen.

 

Abb. 2: Indianerin von Potosí, Fotografie 1876, 85 x 54 mm (Sign. SAm086-0210). Fotograf: unbekannt. Quelle: Collection Alphons Stübel / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL), Lizenz: gemeinfrei

Abb. 1: Indianischer Musikant in Festtracht in Copacabama, Fotografie 1876, 227 x 162 mm (Sign. SAm086-0243). Fotograf: unbekannt. Quelle: Collection Alphons Stübel / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL), Lizenz: gemeinfrei

 

Die Fotografie nutzte Stübel vor allem für die Darstellung von Personen. In Ateliers aufgenommene Einzel- und Gruppenporträts (Abb. 1 u. 2) bilden den Kern der Collection, sie sind der wertvollste und am häufigsten nachgefragte Teil der Leipziger Sammlung.[3] Die Porträts dienten Stübel später dazu, die lateinamerikanische Gesellschaft in ihrer Hierarchie, ihrer „rassischen“ Stratifizierung und in ihren sozialen Strukturen dem europäischen Publikum zu präsentieren. Neben Vertretern der europäischen Oberschicht und „Mischrassen“ sind es vor allem Indigene, die abgebildet sind, häufig in typischer Tracht und einen bestimmten Berufsstand repräsentierend. Neben den Porträts verdienen die Fotografien von den Ausgrabungsstätten am Titicacasee (Tiahuanaco (Abb. 3), Isla del Sol), die Stübel 1876 als einer der Ersten wissenschaftlich untersuchte, hervorgehoben zu werden.

Abb. 3: Bildsäule „La China“ in Tiahuanaco, Fotograf: Georg von Grumbkow 1876, 168 x 227 mm (Sign. SAm088-0120). Quelle: Collection Alphons Stübel / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL), Lizenz: gemeinfrei

Zeitlich auf Stübel folgt Rudolf Hauthal (1854-1928). Er hatte seit 1890 in Argentinien gelebt, wo er seit 1898 eine Professur für Geologie an der Universität La Plata bekleidete. 1905 unternahm er im Auftrag des Vereins für Erdkunde zu Leipzig eine Expedition nach Peru und Bolivien. Die Reise finanzierte Hans Meyer (1858-1929), der 1903 eine Forschungsreise in die Anden Ecuadors unternommen hatte. Hauthal sollte Meyers glaziologische Untersuchungen im Hochgebirge fortsetzen und ergänzen. Nach seiner Rückkehr hielt Hauthal am 24. Oktober 1906 einen Vortrag vor den Vereinsmitgliedern, der Reisebericht erschien 1911 in der Schriftenreihe des Leipziger Vereins.[4] Die 400 Fotografien Hauthals aus Bolivien stammen ausschließlich von seiner Reise 1905. Hauthals Bilder zeigen beeindruckende Motive aus dem Hochgebirge, ihre Inhalte sind aber darüber hinaus durchaus breit angelegt. Goldbergbau (Abb. 4) und Kautschukgewinnung und -verarbeitung spielen eine große Rolle, Personenporträts und Siedlungsmotive (Abb. 5) ergänzen den Bestand. 30 Jahre nach Stübel hielt sich Hauthal am Titicacasee auf und besuchte Tiahuanaco. Die umfangreiche Sammlung Hauthal, die insgesamt rund 1500 Bilder aus Südamerika umfasst, kam 1907 durch Vermittlung Hans Meyers in den Bestand des Archivs.

 

Abb. 4: Goldmine im Chuquiaguillo-Tal, Fotograf: Rudolf Hauthal 1905, 118 x 166 mm (Sign. SAm088-0331). Quelle: Sammlung Hauthal / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL), Lizenz: gemeinfrei

Abb. 5: Hauptplatz von Oruro, Fotografie Rudolf Hauthal 1905, 80 x 109 mm (Sign. SAm088-0249). Quelle: Sammlung Hauthal / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL), Lizenz: gemeinfrei

 

Abb. 6: Gasse in der indianischen Oberstadt von Potosí, Fotograf: Oskar Schmieder 1925, 78 x 110 mm (Sign. AlbSAm012-082). Quelle: Sammlung Schmieder / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) © mit freundlicher Genehmigung

Die dritte Fotosammlung stammt von Oskar Schmieder (1891-1980) aus den Jahren 1924 und 1925. Der Geograph Schmieder hatte von 1920 bis 1925 eine Professur für Mineralogie an der argentinischen Universidad Nacional de Córdoba. Während dieser Zeit unternahm er zahlreiche Forschungsreisen in Südamerika, darunter von Dezember 1924 bis Februar 1925 in den Süden Boliviens, wo die hier relevanten Fotografien entstanden.[5] Die Motive sind breit gestreut, reichen von Naturlandschaften bis zu Stadtbildern (Abb. 6), von der landwirtschaftlichen Produktion bis zu Porträtaufnahmen. Besonderes Interesse brachte er der inkazeitlichen Befestigungsanlage Condor Huasi (Abb. 7) entgegen, über die er nach seiner Reise mehrfach publizierte. Die Fotografien kamen vermutlich nach 1930, als Schmieder nach Deutschland zurückkehrte und eine Professur in Kiel antrat, ins Archiv. Weiteres Bildmaterial befand sich im Nachlass, den das Archiv 2013 übernahm.

Abb. 7: Condor Huasi, Fotograf: Oskar Schmieder 1924, Albumblatt (Sign. Am012-014-017). Quelle: Sammlung Schmieder / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) © mit freundlicher Genehmigung

Die zeitlich jüngste und umfangreichste Fotosammlung zu Bolivien stammt von Carl Troll (1899-1975). Troll, promovierter Botaniker, begab sich nach seiner Habilitation in Geographie auf einen längeren Forschungsaufenthalt nach Südamerika. Von 1926 bis 1929 hielt er sich vor allem im Andenraum auf und unternahm physisch-geographische Untersuchungen.[6] Während dieser Zeit begleitete er als Wissenschaftler 1928 die Expedition des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins in die Cordillera Real (Abb. 8 u. 9). Sie stand unter der alpinistischen Leitung von Hans Pfann (1873-1958), neben weiteren Bergsteigern (Alfred Horeschowsky, Hugo Hörtnagl und Erwin Hein) gehörte der Geologe Friedrich Ahlfeld (1892-1982) der Expeditionsgruppe an.[7] Trolls Fotografien zeigen das ganze landes- und völkerkundliche Spektrum an Motiven, es dominieren aber eindeutig Naturlandschaften aus dem Gebirgsraum. Auch sein besonderes Interesse an der Vegetation spiegelt sich in den Fotografien. Seine Fotosammlung kam in den 1930er-Jahren ins Leipziger Archiv, als der damalige Direktor des Länderkunde-Museums, Rudolf Reinhard (1876-1946), den Fotobestand systematisch ergänzte mit dem Ziel, ein zentrales Bildarchiv für geographische Expeditionsfotografie zu schaffen.

 

Abb. 8: Blick vom Cooco-Kessel auf Illampú und Ancohuma, Fotograf: Carl Troll 1926/27, 70 x 109 mm (Sign. SAm085-Dia0103). Quelle: Sammlung Troll / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) © mit freundlicher Genehmigung

Abb. 9: Ausgangslager für den ersten Besteigungsversuch des Illampú, Fotograf: Carl Troll 1926/27, 89 x 119 mm (Sign. SAm090-0098). Quelle: Sammlung Troll / Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) © mit freundlicher Genehmigung

 

Mit dem Bolivien-Projekt hat das Archiv für Geographie seine Strategie fortgesetzt, seine historischen Bildbestände zu digitalisieren und im Internet zu präsentieren. Die Bilder stehen frei im Katalog und können ohne Einschränkung genutzt werden. Als Quelle sollte das IfL genannt werden sowie das Archiv und die Signatur. Für eine Nachnutzung in höherwertiger Bildqualität liegen beim IfL Dateien vor, die auf Antrag genutzt werden können (Bearbeitungs- und Nutzungsgebühr).

Die hoch aufgelösten Bilddaten werden den Ursprungsländern, wo sie einen Teil des kulturellen Erbes bilden, zur Verfügung gestellt. Im Online-Katalog des IfL finden die Nutzerinnen und Nutzer momentan über 5000 Bilddokumente, zumeist Fotografien, aus Südamerika. Das Leipziger Archiv hofft auf Unterstützung, damit nach Brasilien, Ecuador und Bolivien weitere Bestände erschlossen werden können.

[1] Vgl. Heinz-Peter Brogiato, Die Collection Alphons Stübel – Fotografische Quellen als europäische Repräsentation und kulturelles Erbe Südamerikas (am Beispiel Ecuadors), in: Ingrid Kästner/Jürgen Kiefer (Hrsg.), Beschreibung, Vermessung und Visualisierung der Welt. Beiträge der Tagung vom 6. bis 8. Mai 2011 an der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt (Europäische Wissenschaftsbeziehungen; 4), Aachen 2012, S. 331-352.

[2] Am intensivsten hat sich Andreas Krase mit den Fotografien der Sammlung Stübel beschäftigt, vgl. zuletzt: Organising the World. Alphons Stübel’s and Wilhelm Reiss‘ Collection of Photographs from South American Countries 1868–1877, in: PhotoResearcher 23 (2015), S. 40-51.

[3] In Visual History hat Margrit Prussat die Porträtaufnahmen Alberto Henschels vorgestellt.

[4] R. Hauthal, Reisen in Bolivien und Peru ausgeführt im Jahre 1908, Leipzig 1911. Warum behauptet wurde, die Reise hätte 1908 stattgefunden, ist bis heute ungeklärt. Vgl. Manfred Boetzkes, „Eine der ersten Stellen in Deutschland und Europa für Südamerika.“ Rudolf Hauthals „Reisen in Bolivien und Peru“ und die Frühgeschichte der Alt-Peru-Sammlung des Roemer-Museums, Hildesheim, in: Jahrbuch der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen 43 (2006), S. 57-68.

[5] Vgl. Oskar Schmieder, The East Bolivian Andes. South of the Rio Grande or Guapay, in: University of California Publications in Geography 2 (1926), Nr. 5, S. 85-210, mit 23 Fototafeln; ders., Lebenserinnerungen und Tagebuchblätter eines Geographen, Kiel 1972, S. 113-131.

[6] Vgl. Ingeborg Monheim (Hrsg.), Carl Troll. Tagebücher der Reisen in Bolivien 1926/1927. Bearb. von Felix Monheim (Erdwissenschaftliche Forschung; 19), Stuttgart 1985.

[7] Vgl. Hans Pfann, Bericht über die Anden-Expedition des D. und Ö. Alpenvereins 1928, in: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 60 (1929), S. 5-34.

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