Aktfotografie in der DDR

Der Fotograf Klaus Ender im Gespräch

Klaus Ender wurde 1939 in Berlin geboren. Aus politischen Gründen flieht er 1957 aus der DDR und schließt in Friedrichshafen am Bodensee eine Ausbildung als Bäcker ab. Nach eineinhalb Jahren kehrt er in die DDR zurück. Auf Rügen gründet er den Fotoclub Saßnitz. 1963 entstehen erste Aktaufnahmen. Zwei Jahre später werden Fotos von ihm in der Zeitschrift „Das Magazin“ veröffentlicht. Nach seiner Zulassung als Bildreporter ist er als Volkskorrespondent tätig und veröffentlicht im Fotokinoverlag Leipzig das Lehrbuch „Mein Modell“. 1975 wird in Potsdam seine Fotoausstellung „Akt & Landschaft“ eröffnet, in der Bilder von ihm und dem Fotografen Gerd Rattei zu sehen sind. Sie ist ein großer Erfolg und tourt durch sechs Städte in der DDR. Im Jahr 1981 reist Ender aus der DDR nach Österreich aus. Seit 1996 lebt er wieder auf Rügen, veröffentlichte über 150 Bücher und zeigt seine aktualisierte Ausstellung „Akt & Landschaft“ in verschiedenen Orten, zuletzt 2016 in Wittenberg.

Klaus Ender, „Die Woge“, 1969 © mit freundlicher Genehmigung

Christine Bartlitz: Herr Ender, Sie waren einer der ersten Aktfotografen der DDR. Wie kam es dazu?

 

Klaus Ender: Ich erlernte von 1954 bis 1957 das Bäckerhandwerk. Doch als ich den Gesellenbrief machen wollte, kam es in der Berufsschule zum Eklat. Man drohte mir, wegen „Ungehorsams“ den Abschluss zu verwehren, da ich mich im Sport geweigert hatte, Schützengräben auszuheben. Ich beging daraufhin Republikflucht und machte in Friedrichshafen am Bodensee meinen Gesellenbrief. Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit kam ich an einem Fotoladen vorbei, der phantastische Bilder ausgestellt hatte. Ich war so beeindruckt, dass ich mir auf Raten vom ersten Gesellenlohn einen Fotoapparat kaufte.

Ohne auch nur zu ahnen, wie es weitergehen sollte, kehrte ich aufgrund meines starken Heimwehs in die DDR zurück. 1960 wurde ich Mitglied des Kulturbunds und begann mich autodidaktisch zu schulen. Ich wählte die Insel Rügen als Wohnort, um herauszufinden, ob ich auf und von der Insel als Fotograf leben könnte. 1963/1964 gab es ca. zwei Dutzend Berufsfotografen, die sich mit dem künstlerischen Akt beschäftigten. Nur von der Aktfotografie zu leben, war Illusion; die meisten betrieben sie zu dieser Zeit als Hobby. Im Sommer 1963 machte ich die ersten Aktaufnahmen, die dann 1965 in einer populären DDR-Zeitschrift veröffentlicht wurden. „Das Magazin“ war mit seinem monatlichen „DDR-Nackedei“ in der Bevölkerung sehr beliebt. Die Auflage betrug im Monat bis über 500.000 Exemplare – und war trotzdem immer vergriffen. Abonnements wurden von den Inhabern „vererbt“, weil man die Zeitschrift nicht neu abonnieren konnte.

 

C.B.: Welche Resonanz erfuhren Sie?

 

Klaus Ender: 1966 erhielt ich die Zulassung als freischaffender Fotograf und siedelte von Saßnitz ins Ostseebad Binz über. Ich war als Volkskorrespondent (VK) tätig, gründete und leitete den Fotoclub Saßnitz, und ca. 30 Verlage waren Abnehmer meiner Bilder. Der Fotokinoverlag Leipzig bot mir 1970 an, ein Buch zu machen, das sich mit der Arbeit mit Modellen beschäftigte. Denn die Aktfotografie hatte sich in den Fotoclubs so sehr entwickelt, dass man den Mitgliedern ein Buch in die Hand geben wollte. Ich zögerte, da ich als Fotograf noch nicht sehr bekannt war. Doch im Verlag sagte man mir: „Sie haben sich als Autodidakt einen Namen gemacht und wissen, wo der Schuh drückt – dadurch sind Sie für die Amateure viel glaubhafter als ein Profi.“ Das Buch erschien 1971 unter dem Titel „Mein Modell“ und hatte fünf Auflagen. Ich wurde offiziell eingeladen, das Buch bei den Arbeiterfestspielen in Dresden vorzustellen. Die Buchpräsentation war ein großer Erfolg, und ich signierte an den drei Tagen Tausende von Büchern. Ich hatte sogar meine Aktbilder an einer Wäscheleine in der Öffentlichkeit aushängen dürfen. Es gab keine Kritik.

 

C.B.: Wie würden Sie Ihren Stil in der Aktfotografie beschreiben?

 

Klaus Ender: Vom ersten Bild an war für mich ein weibliches Modell eine Frau mit Persönlichkeit. Und diese Persönlichkeit abzubilden, sie so schön und ästhetisch zu fotografieren, wie es überhaupt möglich war, war mein innerstes Anliegen. Ich konnte und kann die Fotografen nicht verstehen, die nur die Nacktheit in ihrer Vordergründigkeit sehen, was letztlich an Pornografie grenzt.

 

C.B.: Wie kam es zur Ausstellung „Akt & Landschaft“ in Potsdam?

Klaus Ender, „Lichtsäume“, 1968 © mit freundlicher Genehmigung

 

Klaus Ender: 1971 zog ich nach Potsdam. Bei einer Vorstellung meiner Diashow „Akt & Landschaft“ war das Bernhard-Kellermann-Haus des Kulturbunds so gut besucht, dass man aus den Nebengebäuden Stühle herbeischaffen musste. Mein Aufgabengebiet hatte sich völlig verändert. Ich hielt nun Lichtbildervorträge für den Kulturbund, die Urania, die Gesellschaft für Fotografie und zahlreiche Großbetriebe. Meine Aktbilder hatte ich inzwischen in Form der Silhouette und anderer grafischer Elemente so gestaltet, dass ich sie dem Jugendmagazin „Neues Leben“, der „Armeerundschau“, dem FDGB „Ferien-Magazin“, der „Neuen Berliner Illustrierte“ und weiteren Redaktionen anbieten konnte, ohne brüsk abgewiesen zu werden. Der schwierigste Partner war die „Armeerundschau“, da die Verantwortlichen meine Aktbilder nicht in den Spinden der Kasernen wiederfinden wollten. Pro Jahr erschienen aber ein oder zwei Bilder, die die Aktmodelle in ihren Umrissen zeigten.

Mein großer Traum war eine eigene Ausstellung. Der Vorsitzende der Bezirkskommission Fotografie fragte mich: „Wer ist noch dabei?“ Da wurde mir klar, dass er ein Kollektiv für eine solche Ausstellung der Aktfotografie haben wollte. Ich schlug den Fotografen Gerd Rattei vor, weil sich unsere Arbeiten harmonisch ergänzten. Am 15. September 1975 eröffneten wir im Pavillon auf der Freundschaftsinsel die erste Aktausstellung der DDR. „Akt & Landschaft“ zog in drei Wochen Tausende von Besuchern an. Zu sehen waren 75 großformatige Schwarz-Weiß-Fotos von Gerd Rattei und mir. Die Zeitungen berichteten sehr positiv, und es gab Anfragen von etlichen Städten. So wurde „Akt & Landschaft“ zur Wanderausstellung: Die Aktfotografie war salonfähig geworden.

 

C.B.: Herr Ender, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Klaus Ender, „Akt und Landschaft“, 1970er-Jahre © mit freundlicher Genehmigung

 

Eine Auswahl von Klaus Enders Aktfotografien findet sich auf seiner Website sowie auch unter YouTube

 

Zur Aktfotografie in der DDR siehe auch den Beitrag von Lisa Städtler, „Alles ganz authentisch, ungeschminkt und fernab von jeder Nostalgie“. Erinnerung an die DDR am Beispiel ostdeutscher Aktfotografie auf Zeitgeschichte-online, 2. August 2016

Artikel kommentieren

Ihre Email wird nicht veröffentlicht.

AlphaOmega Captcha Classica  –  Enter Security Code