Jacke wie Hose?

Rezension: Viola Hofmann, Das Kostüm der Macht

Titelseite: Die Welt, 12. Juli 2016

Nicht erst seit der Vereidigung des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer in Turnschuhen ist der Dresscode auf dem politischen Parkett ein Thema. Wie lebendig diese Diskussion ist, zeigt u.a. das Cover der „Welt“ unter dem Titel „Schuhe der Macht“ im Sommer 2016. „Unauffällig sieht anders aus“, ist in der Bildunterschrift zu lesen, die sich auf die Schuhe der zukünftigen britischen Premierministerin Theresa May bezieht. Nicht nur an diesem Beispiel lässt sich klar erkennen, dass äußerliche Faktoren als Chiffre für politische Bilder, Nachrichten und Ereignisse dienen. In ihrer im Verlag ebersbach & simon erschienenen Dissertation „Das Kostüm der Macht“ untersucht Viola Hofmann das Wirkungsspiel von Macht und Erscheinungsbild anhand von Fotografien von Politikerinnen und Politikern im Magazin „Spiegel“ von 1949 bis 2013.

Cover: Viola Hofmann, Das Kostüm der Macht, edition ebersbach, Berlin 2014

Viola Hofmann ist vom Fach; als ausgebildete Schneiderin studierte sie Textilwissenschaft, Kulturgeschichte, Geschichte und Kunstgeschichte in Dortmund. Dieses Wissen bringt sie in ihre Untersuchung gekonnt mit ein. Den roten Faden bildet eine empirische Längsschnittanalyse von Politikerfotografien im „Spiegel“, die sie mit weiteren Medienbelegen in Hinblick auf Gestus und Kleidungsstücke kontextualisiert. Hofmann untersucht die körpergebundene Aufführung von Politik und spürt Mustern, Traditionen und Modifikationen der Selbstdarstellung von Politikern nach. Ihre Grundannahme ist dabei, dass der Auftritt der Politiker ein gewichtiger Teil der politischen Darstellung sei, da die körperliche Inszenierung eine grundsätzliche Bedeutung für die Wahrnehmung, Legitimation und Erfahrbarkeit von Politik habe.

Nach der Betrachtung des Verhältnisses von Kleidung, Politik und Medien kommt sie zu einer Bestandsaufnahme, die sich mit der Alltags-und Gesellschaftskleidung von Politikern beschäftigt. Einzelne Aspekte davon werden in den folgenden Kapiteln zu „vestimentären Repräsentationsebenen“ und „mächtigen Frauen?“ vertieft. So urteilt Hofmann in Bezug auf Geschlechterrollen: „Der Anzug, als eine männlich konnotierte wie moderne Uniform auf dem politischen Parkett, scheint es den Frauen schwerer zu machen, da die Orientierung daran nicht automatisch zu einer veränderten Diskussion führt.“ (S. 225) Das Auftreten von Bundeskanzlerin Angela Merkel wird trotz ihrer bevorzugten Kleidung des Hosenanzugs vornehmlich unter dem Aspekt der weiblichen Mode diskutiert. In Presseberichten wird der farbige Blazer wahlweise als neue „politische Waffe“ beschrieben oder als Qualitätsmerkmal ins Feld geführt, „weil sie sich nicht verbiegen lässt und im Gegensatz zu ihren Kolleginnen im Bundestag immer den richtigen (Blazer)Ton trifft“.[1]

In einem weiteren Kapitel widmet sich die Autorin „Kleidung als politischem Stil“ am Beispiel der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Gerade wegen ihres Aussehens wurden sie laut Hofmann als Hoffnungsträger wahrgenommen. Fast folgerichtig mag man die Stilpluralität der Piratenpartei viele Jahre später werten, deren vestimentäre Brüche auch Ausdruck eines neuen politischen Versprechens waren. Willy Brandt steht bei ihr als Beispiel für eine umfassende Körper-Bild-Politik. Die breite Verzahnung von privaten und beruflichen Bildern trägt stark zu einem Gefühl der Nahbarkeit von Politikern bei; das inszenierte „private“ Bildsujet führt die gesamte Äußerlichkeit als Verkehrssprache in die Politik ein.

Viola Hofmann befasst sich unter dem Fokus der Mode mit einer visuell-mentalen Politikgeschichte: Was trägt der Körper zur Konstitution von Politik bei? – fragt sie und zeigt im Buch nicht nur die Bedeutung von Mode für Identifikationsmuster bei Personen und Gruppen auf, sondern auch den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen im politischen Raum. Sie deutet das Interesse an der Präsenz des Körpers als eine Sehnsucht nach haptischer Wahrnehmung im abstrakten politischen Prozess sowie als „eine Art Entlastungshilfe im kompliziert gewordenen Entscheidungsprozess“. (S. 295) Dem entspricht auch ihr Fazit: „[…] der Politikerkörper erscheint weniger als Gegenspieler von inhaltlicher Politik, sondern als sicherer Garant ihrer Existenz.“

Die Arbeit von Viola Hofmann verknüpft Visualität, Wahrnehmung und Bekleidung zu einer interessanten Betrachtung von Gepflogenheiten, Tabubrüchen und Traditionen auf dem öffentlichen Parkett der deutschen Politik. Überraschungen in Bezug auf historische Entwicklungen, etwa der Inszenierung des Privaten von politischen Akteuren, erlebt der Leser nicht. Die Verbindung von Akteur und Rezipient ist jedoch spannend. Mediale Präsenz und modischer Zeitgeist sind Wirkungsfaktoren, deren sich politische Akteure stets bewusst waren und sein müssen. Aber auch Medien und Öffentlichkeit gleichen konstant die visuelle Wahrnehmung mit politischen Aussagen ab und verstärken so die Tendenz, dass das Erscheinungsbild von Politikern in unserer bildlich geprägten Mediengesellschaft zu einem starken Instrument für öffentlichkeitswirksame politische Statements wird.

G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, Deutschland. Foto: Eric Draper White House, 7. Juni 2007, Quelle: Wikimedia Commons / White House

Viola Hofmann: Das Kostüm der Macht. Das Erscheinungsbild von Politikern und Politikerinnen von 1949 bis 2013 im Magazin Der Spiegel (Textil – Körper – Mode: Dortmunder Studien zur Kulturanthropologie des Textilen; 7), Berlin, Verlag ebersbach & simon 2014, 34,-€

 

[1] Siehe exemplarisch Jennifer Wiebking, Merkels grellste Waffe. Unter den Spitzenpolitikerinnen hat sich im Jahr 2015 der rote Blazer etabliert. Gedanken zu einer neuen optischen Waffe, in: FAZ.Net, 02.01.2016; Teresa Harbeck, Kanzlermode – eine Outfit-Analyse zum 60. Geburtstag von Angela Merkel, in: The Huffington Post, 17.07.2014.

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