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Juergen Teller im Martin-Gropius-Bau in Berlin

Juergen Teller 2013 in Perpignan, Fotograf: Pascal Ferro. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Von Kim Kardashian auf einem Erdhaufen über einen Teller Frösche bis zu Peter Lindbergh, der Tellers Mutter küsst, finden sich in der Ausstellung 250 Werke Juergen Tellers, die die ganze Bandbreite seines Schaffens repräsentieren. Der heute 53-jährige Juergen Teller zog nach seinem Studium an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München 1986 nach London. Dort begann er für Musik-, Zeitgeist- und Modemagazine zu fotografieren und machte sich besonders 1991 einen Namen, als er die Band Nirvana auf ihrer Tour begleitete und seine sensiblen Aufnahmen des schüchternen Kurt Cobain veröffentlicht wurden.

Die Ausstellung in Berlin war zuvor in der Bundeskunsthalle in Bonn und in der Galerie Rudolfinum in Prag zu sehen gewesen. Es gab jeweils laut der Kuratorin Susanne Kleine unterschiedliche Schwerpunkte, die nun in Berlin zu einem Gesamtwerk zusammenfließen. In den sechs Ausstellungsräumen finden sich Werke, die die unterschiedlichsten Motive zusammenbringen und teils autobiografisch geprägt sind, wie etwa eine Fotostrecke zum Besuch eines Empfangs des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue („I love my Mum, I love Germany 2016“), die Werke „Irene im Wald“, „Eva Herzigova, Mit dem Teller nach Bonn, No. 3 (2016)“ oder das Video „Dieter, Erlangen, 2017“. Vielen Werken ist dabei eine natürliche Komik eingeschrieben, die sich aus den bewusst unverfälschten und lebensnahen Motiven ergibt. Dies inspirierte Teller auch zum Titel der Ausstellung. „Alles ist im weitesten Sinne eine Art Selbstporträt. Es ist einfach die Art, wie Du die Dinge siehst, und wie gewisse Dinge Dich neugierig machen und Dich einfach mitreißen“, sagt Teller.[1]

Die Serien Plates/Teller stellen einen weiteren Schwerpunkt in der Ausstellung dar, mit denen Juergen Teller mit seinem Namen spielt. Dies, so Teller, war auch eine Reaktion auf die vielen Kopierversuche seines Stils. Den Teller könne man ihm nicht nehmen.[2]

Tellers Wirken bewegt sich dabei an der Schnittstelle von Kunst und kommerzieller Fotografie. Beides ergänze sich, so Teller, indem er etwa über kommerzielle Aufträge die Gelegenheit bekomme, an einzigartigen Orten und mit besonderen Modellen zu fotografieren. In seiner Tätigkeit als Modefotograf hebt er sich ganz bewusst von gängigen Normen des Metiers ab. Im Kontrast zur Perfektion und zum Glanz der Modewelt und -fotografie setzt er auf ungewöhnliche Bildkompositionen. Oft versetzt er Schauspieler, Supermodels, Popstars und Prominente in neue, oft irritierende visuelle Zusammenhänge, wie etwa in der Serie Kanye, „Juergen & Kim, Chateau d’Ambleville“ von 2015, oder auch im Titelbild der Ausstellung „Self portrait“ von 2015, das Teller selbst zeigt, mit unzähligen Verbesserungsnotizen versehen ist und so den Perfektionswahn der Modefotografie persifliert.

Entgegen gängiger Abbildungskodexe gestattet er seinen Modellen Individualität; sie werden entmystifiziert und dadurch wieder menschlich. Teller sucht das Schöne im vermeintlich Unschönen. Gezielte Brüche von Sehgewohnheiten und Erwartungen sind einigen Arbeiten implizit, und idealisierende, schönende oder verklärende Bildstrategien liegen ihm fern. Im Zeitalter der digitalen Fotografie und Veränderbarkeit von Fotos falle es jedoch zunehmend schwer, bei kommerziellen Arbeiten als Fotograf die Kontrolle über das eigene Bild zu behalten, so Teller. Er selbst arbeite jedoch auch seit ca. fünf Jahren digital, da er die immensen Möglichkeiten der digitalen Fotografie schätze.

Sein Stilmittel der Wahl ist dabei das Porträt. „Was mich letztlich einzig und allein interessiert, ist die Interaktion zwischen zwei Menschen. Einer von denen bin ich, der Fotograf. Und wenn mich diese Begegnungen berühren, dann ist es gut“, sagt Juergen Teller.[3] Mit seinem ganz eigenen Stil, Modelle, Situationen, Milieus und Landschaft in alltäglichen Situationen zu arrangieren, gelingt es ihm, scheinbar beiläufige Bilder in komplexe künstlerische Kompositionen zu verwandeln. Dabei besticht besonders, dass es egal ist, was oder wen er fotografiert. Seine mittelfränkische Heimat, seine Familie, Prominente, Gegenstände oder Kröten – in Tellers Bildern besitzen sie alle den gleichen Status. Oder, wie Francesco Bonami im Ausstellungstext schreibt: „Mode, Tiere, Essen, Schönheit, Scheußlichkeit, schlanke und dicke Menschen, alte und minderjährige, alle sind in derselben, leidenschaftlichen und humanen Manier porträtiert, die keinen Raum für Attitüde oder gekünstelte Identität lässt.“

Juergen Teller (*1964) lebt und arbeitet in London. Seit Januar 2014 ist er Professor für Fotografie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Seit den 1980er-Jahren für viele renommierte Label tätig, hat Teller seit 1996 41 Bücher und Ausstellungskataloge veröffentlicht. Die Arbeiten des Künstlers wurden international in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt. Zudem ist er in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten, u.a. im Centre Pompidou, Paris; International Center of Photography, New York, Pinchuk Art Centre, Kiev und im Victoria and Albert Museum, London.

 

Juergen Teller, Enjoy your Life
20. April bis 3. Juli 2017 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

[1] Juergen Teller, zitiert in: Pressemappe der Bundeskunsthalle zur Ausstellung, S. 3

[2] Juergen Teller auf der Pressekonferenz am 19.04.2017

[3] Juergen Teller, zitiert in: Pressemappe der Bundeskunsthalle

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