NEUE REZENSIONEN: H-SOZ-KULT

Neue Bücher zum Thema historische Bildforschung – rezensiert auf H-Soz-Kult

Frontispiz der Essaysammlung „Die Bibliothek“, Andrew Lang, 1881. Quelle: Wikimedia Commons public domain

 

Maren Tribukait: Gefährliche Sensationen. Die Visualisierung von Verbrechen in deutschen und amerikanischen Pressefotografien 1920-1970

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017

Rezensiert von Jens Jäger, redaktionell betreut durch Kai Nowak

Verbrechen lohnt sich nicht. Dieser Satz könnte auch für die Beschäftigung mit Kriminalität in den historischen Wissenschaften in Deutschland dienen. Arbeiten zur Kriminalität im 20. Jahrhundert gehören trotz einer kurzen Blüte um 2000 herum zu den eher randständigen Themen in der Geschichtswissenschaft. Ausnahmen bilden Studien zu Serienmördern und zu Sexualdelikten sowie im Rahmen der Erforschung der NS-Kriminalpolitik. In Kombination mit kultur- und medienhistorischen Ansätzen hingegen bildet auch der öffentliche Diskurs über Verbrechen ein vielfältiges, lohnenswertes Untersuchungsfeld. Es ist eine oft belegte Tatsache, dass Massenmedien seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig und ausführlich über Kriminalfälle berichteten und auf diese Weise maßgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Verbrechen, Verbrechensaufklärung, Justiz sowie die immer wieder neu verhandelten gesetzlichen und gesellschaftlichen Normen ausübten.

 

 

William Rankin: After the Map. Cartography, Navigation, and the Transformation of Territory in the Twentieth Century

University of Chicago Press, Chicago 2016

Rezensiert von Bernhard Struck, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

Um dem Kern seines faszinierenden Buches auf die Spur zu kommen, beginnt man am besten am Ende des Titels: „Territory in the Twentieth Century“. Damit folgt der Band einer Reihe von Arbeiten, darunter jüngst eine Monografie von Charles Maier, die sich mit den Techniken zur Beherrschung und Kontrolle von Territorien befassen. Rankin, der in Yale als Wissenschaftshistoriker arbeitet, geht vor allem der Frage nach, wie wir Räume und Territorien wahrnehmen und mit welchen Techniken wir sie sichtbar machen. Mit einem Wink gen Foucault untersucht Rankin die Verschiebung einer „geo-epistemology“ während eines langen 20. Jahrhunderts. Es erstreckt sich von etwa 1890 bis 2010, von den frühen Luftaufnahmen in die unmittelbare Gegenwart. Schon die ersten Fotos aus Zeppelin oder Heißluftballon waren punktuelle Aufnahmen eines größeren territorialen Ganzen – GPS ist lediglich die (vorläufig letzte) technische Weiterentwicklung, aber eine logische: von der Flächenaufnahme des Geodäten im Gelände zu punktuellen Aufnahmen aus einer Vogel- oder eben Satellitenperspektive.

 

 

Estelle Blaschke: Banking on Images. The Bettmann Archive and Corbis

Spector Books, Leipzig 2016

Rezensiert von Annette Vowinckel, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

Otto Bettmann (1903–1998) war ein deutsch-jüdischer Kunsthistoriker, der in den 1920er-Jahren begann, eine der größten Bildsammlungen seiner Zeit aufzubauen. Er fotografierte Illustrationen aller Art aus Büchern ab und bot die Bilder auf dem expandierenden Zeitschriftenmarkt als Handelsware an. Dabei kam ihm sein Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie ebenso zugute wie seine Tätigkeit als Bibliothekar an der Berliner Kunstbibliothek, durch die er direkten Zugang zu den abfotografierten Büchern hatte. 1935 emigrierte Bettmann nach New York und nahm sein gesamtes Archiv mit, das zu diesem Zeitpunkt nach unterschiedlichen Quellen zwischen 10.000 und 25.000 Aufnahmen im Kleinbildformat enthielt. Im amerikanischen Exil führte er seine Bildagentur erfolgreich weiter. Als er 1981 in den Ruhestand ging, verkaufte er einen Bestand von etwa drei Millionen Aufnahmen an die Kraus-Thomson Organization, die ihn wiederum 1995 an die wenige Jahre zuvor von Microsoft-Gründer Bill Gates geschaffene Bildagentur Corbis weiterverkaufte. Anfang 2016 übernahm Getty Images (Bestand: 200 Millionen Bilder) die Lizensierung des ehemaligen Bettmann-Archivs.

 

 

Barbara Stambolis/Markus Köster (Hrsg.): Jugend im Fokus von Film und Fotografie. Zur visuellen Geschichte von Jugendkulturen im 20. Jahrhundert

V&R unipress, Göttingen 2016

Rezensiert von Ulrich Hägele, redaktionell betreut durch Jan-Holger Kirsch

Barbara Stambolis und Markus Köster  betonen in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband „die Relevanz von Bildern für unsere historische Erinnerung“. Die Geschichtswissenschaft, speziell die neuere Sozial- und Zeitgeschichte, habe sich dennoch lange Zeit kaum ernsthaft mit ihnen auseinandergesetzt. Die 15 Beiträge zum Themenschwerpunkt „Jugend im Fokus von Film und Fotografie“ entstanden im Rahmen einer Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung, in Kooperation mit dem LWL-Medienzentrum für Westfalen im Herbst 2015. Die Maßgabe lautete, Ansätze und Methoden der Visual History mit der historischen Jugendforschung zu verbinden. Kennzeichnend für die Herausbildung der Jugendbewegung um 1900 war ein genuin moderner Anspruch, der sich etwa in neuen Formen des Kollektivs, von Körperlichkeit und Aufbruch manifestierte – im Gegensatz zu herrschenden Konventionen des ausgehenden Kaiserreiches. Entsprechend hoch im Kurs standen die modernen Medien Fotografie und Film: Zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen wurde geknipst und später auch gefilmt, sofern die entsprechende Ausrüstung verfügbar war. Parallel rezipierten Jugendliche immer auch öffentliche Fotografien, schufen damit individuell oder in der Peergroup eigene Bedeutungsmuster und visuelle Kontexte.

 

 

Stephanie Geise u.a. (Hrsg.): Historische Perspektiven auf den Iconic Turn. Die Entwicklung der öffentlichen visuellen Kommunikation

Herbert von Halem Verlag, Köln 2016

Rezensiert von Annette Vowinckel, redaktionell betreut durch Christoph Classen

Anspruch des Sammelbandes ist es, Begriff und Konzept des Iconic Turns gut 20 Jahre nach dessen Proklamation auf den Prüfstand zu stellen. Die zwölf Beiträge sind das Ergebnis einer gemeinsamen Tagung der Fachgruppen Kommunikationsgeschichte und Visuelle Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft (DGPuK), die im März 2014 in Trier stattfand. Thematisch reichen sie von der Antike bis in die jüngere Vergangenheit und decken visuelle Medien von der Höhlenmalerei über den Comic bis zum Spielfilm des 20. Jahrhunderts ab – mit Ausnahme digitaler Medien. Im abschließenden, die Ergebnisse zusammenfassenden Beitrag leiten die Mitherausgeber Stephanie Geise und Thomas Birkner die These ab, dass der Iconic Turn konzeptionell revidiert werden müsse: Bilder – in ihren vielfältigen Erscheinungsformen – seien seit jeher ganz zentraler, integraler Bestandteil der öffentlichen Kommunikation gewesen und statt einer radikalen Wende sei eher von einem „Iconic Drift“ auszugehen, also von der Existenz vielfältiger Visualisierungsschübe.

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