John Morris

Ein Jahrhundert in Bildern (1916-2017)

John Godfrey Morris war das lebende Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Bildredakteur für „Life“, später für die renommierte Frauenzeitschrift „Ladies’ Home Journal“, für die Bildagentur Magnum, die „Washington Post“, die „New York Times“ und für „National Geographic“. Über seinen Tisch gingen die Bilder vom D-Day in der Normandie, die Robert Capa aufgenommen hatte, das Bild von der Exekution eines Vietcong auf offener Straße in Saigon und das sogenannte Napalm Girl. Immer war er es, der den Abdruck allen Regeln zum Trotz  – schlechte Bildqualität, Gewalt, Nacktheit – befürwortete und die Bilder auf die Titelseiten der Zeitungen brachte.

Auf die Frage, was einen guten Fotografen ausmache, hat Morris einmal gesagt: „Great photographers have to have three things. They have to have heart if they’re going to photograph people. They have to have an eye, obviously, to be able to compose. And they have to have a brain to think about what they’re shooting. Too many photographers have two of the three attributes, but not the third.” Das Gleiche gilt für einen guten Bildredakteur: Er braucht Empathie, ein gutes Auge, Wissen und Erfahrung, um das, was er sieht, einordnen und bewerten zu können – manchmal unter Missachtung scheinbar gültiger Regeln. Auf die Frage, nach welchen Kriterien er selbst Bilder auswählte und andere verwarf, konnte Morris indes keine rational begründbare Antwort geben. Er verließ sich auf sein Auge und seine Intuition.

Cover: Somewhere in France – The Summer of ´44 by John G. Morris, hg. von Robert Pledge, Marabout (France) 2014 © John G. Morris

Im Juli 2011 habe ich den damals 94-jährigen John Morris in seiner Pariser Wohnung in der Rue des Tournelles besucht, um mit ihm über seine Tätigkeit als Bildredakteur zu sprechen. Er erzählte viel über die Fotografinnen und Fotografen, mit denen er zusammengearbeitet hatte (eine Art Who Is Who des Fotojournalismus), über Kolleginnen und Kollegen in den Bildredaktionen und über sein jüngstes Projekt: Er arbeitete gerade an dem Buch „Somewhere in France – The Summer of ´44 by John G. Morris“, in dem von ihm selbst aufgenommene Fotos veröffentlicht wurden. Da Morris selbst keine fotografischen Ambitionen hatte, handelt es sich bei diesen Bildern um Raritäten. Einige zeigen den jungen Robert Capa bei der Arbeit, andere Szenen, die er während der Befreiung Frankreichs von der Wehrmacht beobachtete.

Unterbrochen wurde unser vierstündiges Gespräch nur von einem Mittagessen in der Brasserie auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für den Abend bestand der bereits drei Mal verwitwete Morris darauf, mir seine neue Lebensgefährtin, die 85-jährige Patricia Trocmé vorzustellen (seine erste Ehefrau Adele Crosby Morris war bereits 1964 gestorben, seine zweite Ehefrau Marjorie Smith 1981, seine dritte Ehefrau, die in Paris lebende Fotografin Tana Hoban, 2006). Da John und Pat nicht mehr allzu viele gemeinsame Jahrestage („anniversaries“) zu erwarten hatten, feierten sie einfach an jedem 20. Tag des Monats.

Der Abend in einem Restaurant an der Place des Vosges war sehr unterhaltsam. Pat begeisterte sich für unsere Kanzlerin „Mrs Mörkell“, John erzählte von seiner Arbeit für die US-amerikanischen Demokraten, die er seit Jahrzehnten unterstützte, und von einer bevorstehenden Amerikareise zum 102. Geburtstag seiner Schwester Mary. Im hohen Alter noch bestritt Morris zahlreiche Veranstaltungen: So hielt er etwa im Februar 2012 auf Einladung der Fulbright-Stiftung einen Vortrag zum Thema „My Life Under Seventeen Presidents“.

Cover: John G. Morris, Get the Picture. A Personal History of Photojournalism, University of Chicago Press © 1998, 2002

Seit meinem Besuch in Paris bekam ich in unregelmäßigen Abständen die Rundmails an Freunde und Familie, in denen Morris über Reise- und andere Pläne informierte. Auf dem Programm standen die Preisverleihung des W. Eugene Smith Memorial Fund in New York, eine Reise nach Toronto anlässlich der Übergabe des Bildarchivs der Agentur Black Star an die Ryerson University, die Premiere der italienischen Übersetzung seiner 1998 veröffentlichten Autobiografie „Get the Picture. A Personal History of Photojournalism“ in Rom. Eine Reise-Nachricht von September 2011 endete mit dem Satz: „If we are still alive, we hope to spend the rest of the year peacefully in Paris!”

2013 produzierte Cathy Pearson den Dokumentarfilm „Get the Picture“ über sein Leben. Im vergangenen Dezember feierte John Morris in Paris seinen 100. Geburtstag. Letzten Freitag, am 28. Juli 2017, ist er dort gestorben.

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