Fotoausstellung: „Robert Lebeck. 1968“

3. März bis zum 22. Juli 2018 im Kunstmuseum Wolfsburg

 

Fotokunst. Fotojournalismus. Zeitgeschichte. Keine Frage: Nicht in jeder Fotografie Robert Lebecks findet sich diese Trias gebündelt. Aber selbst auf solchen Aufnahmen, die auf den ersten Blick eher unscheinbar erscheinen, tritt mindestens einer jener drei Teilaspekte hervor. Als Lebeck beispielsweise am 21. Juni 1968 in Wolfsburg ankommt, um anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der einstigen Wirtschaftswunderstadt eine Reportage für den „Stern“ zu realisieren, fotografiert er unter anderem ein Straßenschild. Ist das Fotokunst? Fotojournalismus? Oder gar Zeitgeschichte? Es geht, so mein Eindruck, tatsächlich um letzteres: Denn Robert Lebeck fotografiert vor der Kulisse des Volkswagenwerks das Straßenschild der Heinrich-Nordhoff-Straße – ihm ist nicht entgangen, dass der Rat der Stadt Wolfsburg nach Nordhoffs Ableben im April des Jahres stante pede eine Straße nach dem langjährigen Generaldirektor benannt hat. Aber woher war Lebeck dies bekannt?

Es scheint, als seien Robert Lebeck und Wolfsburg im Jahr 1968 eine spezielle Verbindung eingegangen; jedenfalls führen den „Stern“-Fotojournalisten im epochemachenden Jahr gleich drei seiner insgesamt 24 Aufträge in die Stadt am Mittellandkanal. Zunächst, im April, reist Lebeck anlässlich der Beerdigung Heinrich Nordhoffs an den Stammsitz des Werks. Hier lichtet er die führenden Köpfe aus Wirtschaft und Politik beim Leichenschmaus ab, ohne dass es auch nur eine Fotografie in den „Stern“ schafft. Im Juni verbringt er sodann gemeinsam mit dem Reporter Georg Würtz zwei Tage in der Volkswagenstadt. Ergebnis ist die kritische Reportage „Wehe, wenn der Käfer stirbt“. Nur einen Monat später fotografiert er eine Strecke über den neuen VW 411 und platziert kurzerhand ein Modell im Sommerkleid im Kofferraum und auf den Liegesitzen. (Abb. 1)

 

Robert Lebeck, Fotomodell im Kofferraum eines VW 411, Wolfsburg, 31. Juli 1968 © Archiv Robert Lebeck; mit freundlicher Genehmigung

 

Doch wie erlebte Lebeck dieses Wolfsburg im Jahr 1968? Ein Wolfsburg, das sich 1966/67 mit der ersten großen VW-Krise konfrontiert gesehen hatte und das in der Folge überregional anders wahrgenommen wurde. Noch Anfang des Jahrzehnts hieß es in der großen Stadtreportage einer Schweizer Arbeiterzeitung über Wolfsburg, die „Architektur und die Wohnungen sind prächtig. Immer modern, immer anders, immer in Farben und Bauart different, und doch absolut einheitlich. Hier möchte man wohnen.“[1] Ja dieses „schöne und – sagen wir es freudig – trotz seiner vorwiegend aus Arbeiterfamilien bestehenden Bevölkerung diskret-elegante“ Wolfsburg sollte „eher Schönburg heißen“. Und auch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß es 1964, hier sei eine „schöne Stadt entstanden, in der sich die Bürger wohl fühlen und auf die sie mit Recht […] stolz sein können“. Gerade der werdende Stadtteil Detmerode habe die „Aussicht, eine der am schönsten gestalteten Stadtrandzonen zumindest in Norddeutschland zu werden“.[2] (Abb. 2)

 

Robert Lebeck, VW-Käfer in der Neubausiedlung Detmerode, Wolfsburg, 22. Juni 1968 © Archiv Robert Lebeck; mit freundlicher Genehmigung

 

Im „Stern“ klingt das 1968 fundamental anders. Der Journalist Georg Würtz beschreibt Wolfsburg als ebenso trostlose wie biedere „Stadt aus der Retorte“, in der „unglückliche, vereinsamte Menschen“, denen jegliches Zusammengehörigkeitsgefühl abgehe, in ihrem viel zu sauberen städtischen Gemeinwesen zusammenlebten.[3] – Aber teilte auch Robert Lebeck, der mit Würtz zusammen in der Stadt weilte, diesen Eindruck von Langeweile und Tristesse?

Die insgesamt 23 Kontaktbogen seiner Wolfsburg-Fotoreportage, die in der Ausstellung gezeigt werden, ermöglichen einen Sprung zurück in die Geschichte und zeigen, wie sich Lebeck die Stadt erschlossen hat: neugierig, aufmerksam, hellwach und nicht ohne Sympathie. Wir zeigen seine Kontaktbogen nicht ohne Grund. Sie machen zunächst einmal die Arbeit der Bildredaktion des „Stern“ sichtbar, da sie vermitteln, welche Aufnahmen die Bildredakteure für zeigenswert und als zur Textreportage passend erachteten sowie welche Fotografien in ihren Augen einen ausreichend hohen Nachrichtenwert transportierten. Darüber hinaus ermöglichen die Kontaktbogen aber auch einen zweiten Abgleich – einen Abgleich mit der Ausstellung selbst. Denn nur in den seltensten Fällen deckt sich die Auswahl der in der Ausstellung gezeigten Fotografien mit der der Bildredaktion des „Stern“.

Robert Lebeck ist ein aufmerksamer, wacher Beobachter seiner Zeitumstände gewesen. Es ist ihm immer wieder gelungen, nicht nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, sondern ebendort auch die sich verdichtenden Ereignisse in der unmittelbaren Wirklichkeit fotografisch festzuhalten. Aber warum trübte sich dann sein Blick in der autobiografischen Rückschau auf jenes Jahr, das für viele den Beginn einer neuen Zeitrechnung markiert? „Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt“, so schreibt Robert Lebeck in seinen viele Jahrzehnte später verfassten „Erinnerungen eines Fotoreporters“.[4] Doch  ergibt seine Aussage allein dann Sinn, wenn das Jahr 1968 als bloße Chiffre für studentisches Aufbegehren steht.

Aber 1968 war weit mehr als das. Es war auch, wie der Journalist Mark Kurlansky schreibt, ein Jahr, in dem sich „ein Verlangen nach Rebellion, […] [sich] ein Gefühl der Entfremdung gegenüber der etablierten Ordnung, ein tiefes Unbehagen gegenüber jedweder Form des Autoritarismus“ Bahn brach.[5]  Und dieses Verlangen, dieses Gefühl und dieses Unbehagen zeigte sich eben auch in einem gesteigerten Interesse für die „Literatur der Nicht-Autoren“,[6] für die Lebenswirklichkeit der Unterprivilegierten, der Arbeiter und Prostituierten. Lebeck porträtiert 1968 die verurteilte Mörderin Gisela Kreutzmann, deren „Lebensbeichte“ der „Stern“ in einer siebenteiligen Serie in Auszügen veröffentlichte. Mit seinen Aufnahmen wird Robert Lebeck Teil einer medialen Inszenierung Gisela Kreutzmanns, die die veränderte Medienwirklichkeit der späten 1960er Jahre verdeutlicht. (Abb. 3)

 

Robert Lebeck, Die Affektmörderin Gisela Kreutzmann während eines Freigangs im Hamburger Hafen, 14. Oktober 1968 © Archiv Robert Lebeck; mit freundlicher Genehmigung

 

Der Wandel manifestiert sich eben nicht zwangsläufig bildgewaltig. Dies lässt sich auch anhand der nie publizierten Fotografien Lebecks zeigen, die während des Prager Frühling entstehen. Lebeck hält den Aufbruch und den Reformwillen in ausdrucksstarken Bildern fest, beispielsweise mittels ganzer Bildserien zeitungslesender Prager Bürgerinnen und Bürger – als sichtbares Zeichen der florierenden Pressefreiheit. Doch scheinen diese Bilder des Wandels eben nicht von jener Prägekraft gewesen zu sein, dass sich Lebeck zum Zeitpunkt des Verfassens seiner Autobiografie an sie erinnert hätte. (Abb. 4)

 

Robert Lebeck, Zeitungslesende als sichtbares Zeichen der neuen Pressefreiheit, Prag, 17. April 1968 © Archiv Robert Lebeck; mit freundlicher Genehmigung

 

Dies gilt gleichermaßen für die Fotografien Lebecks, die er 1968 aus Belfast mitgebracht hat. Von der Redaktion in der Erwartung einer bevorstehenden Explosion der Gewalt in die nordirische Hauptstadt entsandt, trifft er dort lediglich auf Barrikaden, Stacheldraht und Straßensperren, auf britische Soldaten und spielende Kinder. Seine Bilder werden nicht gedruckt. Ohne Gewalt keine Geschichte. Erst als es im folgenden Jahr nicht mehr bei den Vorzeichen der Eskalation bleibt, werden seine Fotografien wieder aktuell – obgleich sie doch eine ganz andere Situation dokumentieren. Auch dies ist ein Kapitel des Fotojournalismus der jungen Bundesrepublik. (Abb. 5)

 

Robert Lebeck, Demonstration protestantischer Kinder gegen die britische Armee, Belfast, Ende 1968 © Archiv Robert Lebeck; mit freundlicher Genehmigung

 

Die wenigen genannten Beispiele deuten bereits an, dass möglicherweise auch für Robert Lebeck gilt, was die französische Schriftstellerin Annie Ernaux in ihrer speziellen Form einer unpersönlichen Autobiografie „Die Jahre“ geschrieben hat: „Die Vorboten kollektiver Veränderung sind für den Einzelnen nicht wahrnehmbar […].“[7]  Entsprechend ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung „Robert Lebeck. 1968“, diese Vorboten, die Robert Lebeck  mitunter selbst nicht bewusst waren, durch seine Fotografien sichtbar zu machen.

 

 

Die Ausstellung „Robert Lebeck. 1968“ wird vom 3. März bis zum 22. Juli 2018 im Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert. Sie ist eine Kooperation zwischen dem Kunstmuseum Wolfsburg und dem Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation. Das gleichnamige Katalogbuch, herausgegeben von Ralf Beil und Alexander Kraus, ist im Steidl Verlag, Göttingen in einer deutschen und einer englischen Ausgabe erschienen.

 

Siehe dazu auch: Arnulf Siebeneicker, „Ich fixiere, was ist.“ Robert Lebecks Fotoreportagen für den „stern“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1 (2004), S. 111-121

 

[1]     Hier und im Folgenden F.M., „Wolfsburg, Stadt der Volkswagen“, in: Schweizerische Metall- und Uhren-Arbeiter-Zeitung. Offizielles Organ des Schweiz. Metall- und Uhrenarbeiter-Verbandes, Jg. 61, Nr. 37, vom 12. September 1962, S. 1f.

[2]    „Wolfsburg. Im Schatten des VW-Werkes ist ‚moderne Industriegesellschaft‘ nicht nur ein Schlagwort“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 69, 21. 3.1964.

[3]     Georg Würtz, „Wehe, wenn der Käfer stirbt. Seit dreißig Jahren lebt Wolfsburg vom VW“, in: Stern, H. 27, 7. 7.1968, S. 11, und S. 16-21, direktes Zitat S. 11.

[4]     Robert Lebeck, Neugierig auf Welt. Erinnerungen eines Fotoreporters. Ein Selbstporträt mit Harald Willenbrock, Göttingen 2004, S. 226.

[5]     Mark Kurlansky, 1968. Das Jahr, das die Welt veränderte, München 2007, S. 13.

[6]     Reinhard Baumgart, Die Literatur der Nicht-Autoren, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 24 (August 1970), H. 268, S. 736-747.

[7]     Annie Ernaux, Die Jahre, 2. Aufl., Berlin 2017, S. 76.

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