Die russische Geschichte in Fotografien – online

Screenshot der Startseite (Juni 2018) der Website www.russiainphoto.ru (История России в фотографиях)

Nichts weniger als „Die russische Geschichte in Fotografien“ bietet seit kurzem ein eindrucksvolles Online-Angebot: Insgesamt 40 russische Archive haben sich zusammengetan, ihre Bestände an historischen Fotos digitalisiert und im Verbund ins Netz gestellt: 70.000 Fotografien bisher (darunter viele Erstveröffentlichungen). Unter den Partnern finden sich die großen Sammlungen des Staatlichen Archivs der Russischen Föderation, des Staatlichen Museums der politischen Geschichte Russlands und des Zentralen Staatlichen Archivs von Kino-Foto-Dokumenten St. Petersburg. Auch Kunstarchive wie das Majakowski-Museum, das Staatliche Architekturmuseum Schtschussew, das Theatermuseum Bachruschin und das Staatliche Literaturmuseum (allesamt in Moskau) gehören dazu. Sogar die jahrzehntealte Presseagentur „Tass“, die zu Sowjetzeiten der Monopolist für alle offiziellen Verlautbarungen der Sowjetunion war, hat ihr Fotoarchiv online gestellt. Auch Archive regionalen Charakters, wie Fotosammlungen aus Kaliningrad, Murmansk, Samara, oder Privatarchive von Familien steuerten Fotos bei.

Screenshot der Startseite (Juni 2018) der Website www.russiainphoto.ru (История России в фотографиях)

Die schwergewichtigen Partner genießen hohes wissenschaftliches und archivarisches Renommee sowie internationales Ansehen und verfügen über reiche Sammlungen. Das Russische Staatliche Archiv für Foto- und Kinodokumente (RGAKFD) in Krasnogorsk zum Beispiel, das zum Archiv-Gesamtverband der Russischen Föderation gehört, verwahrt die weltweit größte Sammlung von Fotografien von allen Fronten des Krieges. Es beherbergt aber auch die Sammlung des letzten Zaren, der ein leidenschaftlicher Amateurfotograf war und praktisch keine Szene vom Leben der Zarenfamilie ausließ.

Die russische Internet-Firma Yandex, börsennotiert und nach eigenen Angaben der größte Suchmaschinenbetreiber für den russischsprachigen, kyrillisch schreibenden Raum, und das Moskauer Multimedia Art Museum (MAMM) haben die Innenarchitektur des Portals strukturiert und sorgen für die fortlaufende Pflege der Angebote. (Über die Kosten wird nichts mitgeteilt.) Das MAMM hat zudem seine eigene riesige Sammlung (darunter ein großes Konvolut von Fotos aus dem Nachlass Alexander Rodtschenkos) in das Portal eingestellt.

Auf der Frontseite des Portals schlagen die Administratoren Themen vor, nach denen sie die Fotos sortiert haben und nach denen der Nutzer selbst weitersuchen kann, wie z.B. „Bürgerkrieg“, „Brücken“, „Transport“, „Kinder“ etc. Allgemeiner geht es nicht. Folglich haben sie für eine Art Feingliederung im oberen Rand des Feldes eine Zeitleiste eingezeichnet, die nach Zehnerjahren gegliedert ist und bis 1990 reicht. Mir scheint, dass diese Dezennien-Struktur für die riesige Masse der Fotos praktikabel ist. Diese Praktikabilität wird durch ein laufendes Band gestützt, auf dem nach Art einer DIA-Vorschau die angekündigten Fotos eingeblendet sind, sodass sich einzelne Fotos per Mausklick schnell auffinden lassen. Leider sind diese Vorschau-Bilder briefmarkenklein.

Screenshot der Startseite (Juni 2018) der Website www.russiainphoto.ru (История России в фотографиях)

Die aufgerufenen Fotos sind optisch brillant; da zeigt der Betreiber sein technisches Können. Unter jedes Foto (übrigens ohne Wasserzeichen) ist jeweils eine sehr knappe Bildunterschrift gesetzt, dort werden auch Ort, Jahr und Fotografen genannt. Eine mobile Landkarte lokalisiert die Archive.

Die Auswahl der Bilder selbst ist schwer zu beurteilen. Nach dem Selbstverständnis der Portalbetreiber bestimmte der Gesamt-Foto-Bestand der Archive die Online-Veröffentlichung, also ein Sammler-Zufall. So gibt es oft besonders viele Fotos zu einer Person, wie zum Beispiel vom Hygieneexperten Nikolai Semaschko, dessen Bedeutung über die ehemalige Sowjetunion kaum hinausging, weil das Archiv von ihm besonders viele Fotos besaß und diese nicht nach historischer Relevanz ausgewählt worden sind. Auch finden sich sehr viele Standfotos von der Odessaer Treppe aus Eisensteins berühmtem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (einschließlich der zeitgenössischen Fälschung: die aufziehende rote Fahne in dem Schwarzweiß-Film), frühe Fotos von Stalin, auf denen man den Wandel seiner Frisur studieren kann: vom strengen Linksscheitel zum glatt nach hinten gekämmten Herrscher-Schopf, eine Bagatelle, aber nicht ohne Amüsement anzusehen. Unmittelbar daneben freilich auch Zeitdokumente eigener Art: Gruppen von Politfunktionären. Einigen sind die Gesichter ausgekratzt. Sie waren Repressionen zum Opfer gefallen, und es konnte für den Besitzer des Fotos oder für den Fotografen gefährlich werden, sich mit ihnen auf einem Foto zu befinden. Hier kann man das Original und das „gekratzte“ Foto ansehen (leider werden die Namen der „Liquidierten“ nicht genannt). Aus einem Privatarchiv ist ein Foto von KPdSU-Generalsekretär Breshnew dabei, der seinen Enkel im Kinderwagen schiebt.

Stalin mit Politfunktionären Originalfoto. Fotograf: unbekannt, ohne exakte Datierung. Leihgeber: MAMM Multimedia Art Museum © www.russiainphoto.ru

Stalin mit „weggekratzten“ Politfunktionären. Fotograf: unbekannt, ohne exakte Datierung. Leihgeber: MAMM Multimedia Art Museum © www.russiainphoto.ru

Leonid Iljitsch Breshnew mit seiner Frau Viktoria Petrowna Denisova und ihrem Enkel im Kinderwagen. Fotograf: unbekannt, ohne exakte Datierung. Leihgeber: MAMM Multimedia Art Museum © www.russiainphoto.ru

Für die frühen Jahre sind gestellte Fotos charakteristisch: Augen starr in die Kamera gerichtet, steif, typisch für Aufnahmen in Fotoateliers. Später beherrschen die Zufälligkeiten von Schnappschüssen die Bilder. Aber allemal geben Moden, Frisuren, das Ambiente der Umgebung und die Fotoanlässe (soweit sie mitgeteilt werden) lebendige Auskünfte zur russischen Geschichte – wie versprochen. Dass diesem enormen Angebot auch eine patriotische Absicht zugrunde liegt, wird niemanden verwundern.

Leider ist das opulente Angebot nur für den nützlich, der Kyrillisch beherrscht, auch die diversen Suchoptionen funktionieren nur in kyrillischer Sprache. Es bleibt die Hoffnung, dass die Portalbetreiber dieses Defizit als zeitweilig betrachten und bald eine komplette englischsprachige Version ins Netz stellen.

 

История России в фотографиях: www.russiainphoto.ru

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