BİZİM BERLİN 89/90

Fotografien von Ergun Çağatay im Märkischen Museum Berlin

Ausstellung: BİZİM BERLİN 89/90. Kreuzberg, Leuschnerdamm, 1990: türkische Berliner Frauen und Kinder an der von Graffiti-Künstler Indiano (Jürgen Große) bemalten Mauer. Foto: Ergun Çağatay ©

Für was stehen die Jahre 1989/1990? Vermutlich sind es die Erinnerungen an die „Friedliche Revolution“ und an das Einreißen der Mauer von Ost nach West, die viele Menschen in Deutschland mit diesen Daten assoziieren. Jenes Ereignis ist möglicherweise zu einem Teil ihrer kulturellen Identität geworden, sie verbinden damit vielleicht eine persönliche Geschichte. Wie aber ist es den Menschen ergangen, die 1989 erst seit einer Generation oder noch kürzer in Deutschland lebten? Denjenigen, die andere Lebensgeschichten aus anderen Ländern mitbrachten und sich nach dem Mauerfall ebenfalls mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen, eventuell sogar mit einem erneuten Ankommen konfrontiert sahen? Wie erlebten sie den Umbruch? Diesen Fragen versucht die Ausstellung BİZİM BERLİN 89/90 (dt. „Unser Berlin 89/90“) seit April 2018 im Märkischen Museum Berlin nachzugehen.[1] Die Ausstellung – untergebracht im Untergeschoss des Museums – zeigt noch bis 16. September 2018 ausgewählte Fotografien des Künstlers Ergun Çağatay.

Ergun Çağatay war ein renommierter türkischer Fotograf, Fotojournalist und Autor. Am 15. Januar 1937 in Izmir geboren, arbeitete er nach seinem Studium in Istanbul zunächst als Texter in einer Werbeagentur, später als Fotojournalist für die Agentur Associated Press. Danach war er für verschiedene Agenturen und Unternehmen tätig, darunter Gamma in Paris und Time Life in New York. In den folgenden Jahren reiste er mit der Kamera durch Europa und Zentralasien. Seine Fotografien sind in vielen internationalen Magazinen und Büchern erschienen. Çağatay veröffentlichte zudem selbst drei Bücher, darunter „Turkic Speaking Peoples“ (München: Prestel Verlag 2006). Im Februar 2018 ist Ergun Çağatay nach langer Krankheit verstorben.[2]

Çağatay besuchte Berlin in den Jahren 1989/90 und dokumentierte aus der Perspektive eines zufälligen Betrachters den Alltag von Menschen, die seit den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren. Seine Bilder sind nah an den Menschen, zeigen sie auf dem Weg zur Arbeit, beim Spielen auf der Straße, im Supermarkt oder in Teestuben. Aufbruch und Umbruch treten in seinen Motiven zu Tage – manchmal indirekt, wie auf dem Foto, das spielende Kinder entlang der Berliner Mauer am Leuschnerdamm zeigt. Der Mauerbau machte die einst zentralen Bezirke wie Kreuzberg oder Wedding zu unattraktiven Randlagen mit günstigen Wohnungsmieten. Viele Familien aus der Türkei wurden dort – oft gezwungenermaßen – ansässig. Die Kinder auf dem Foto wirken glücklich und unbeschwert. Die Mauer steht 1989 noch, und dennoch liegt Veränderung in der Luft. Was bedeutete die „Friedliche Revolution“ für sie und ihre Eltern? Wie empfanden sie die neue Freiheit, mit der auch viele neue Herausforderungen einhergingen? Welchen Platz würden sie in dieser neuen Gesellschaft einnehmen? Diesen Gedanken kann man sich als Besucher*in der Ausstellung kaum entziehen.

 

Ausstellung: BİZİM BERLİN 89/90 Fotografien von Ergun Çağatay © (Foto J. Wolrab)

Ausstellung: BİZİM BERLİN 89/90 Fotografien von Ergun Çağatay © (Foto J. Wolrab)

 

Die Ausstellung hat jedoch den Anspruch, mehr zu sein als eine reine Fotoausstellung. Die Bilder Çağatays bilden den Auftakt zu einer Spurensuche zu den Geschichten und Lebenswirklichkeiten der Menschen auf den Bildern. Im Vorfeld recherchierte das Kurator*innenteam Namen und Hintergründe einzelner Personen, interviewte sie und nahm ihre Geschichten in die Ausstellung auf. So gelang es den Ausstellungsmacher*innen, individuelle Antworten auf die Fragen nach den Herausforderungen, Perspektiven und dem eigenen Erleben zu geben. Die Bilder sprechen dadurch nicht nur für sich allein, sie wandern von der Vergangenheit in die Gegenwart und werden auf diese Weise Gegenstand des aktuellen Diskurses um Zugehörigkeit, Identität und Heimat(en): Bilder eines Kreuzberger Gemüseladens aus dem Jahr 1990 werden lebendig, da im Raum nebenan die Tochter des damaligen Besitzers von ihrem Aufwachsen und Leben in Kreuzberg berichtet. 1997 übernahm sie übrigens selbst den Laden, der heute eine der bekanntesten Adressen für mediterrane Feinkost in Berlin ist.

Eher beiläufig gewinnt man als Besucher*in den Eindruck, dass es neben den gesellschaftlichen Veränderungen in Berlin nach 1990 und dem Umgang türkeistämmiger Berliner*innen damit noch ein weiteres großes Thema gibt, das die Ausstellung zeigt: Es geht um Sichtbarkeit und Repräsentanz. Dass sich eine ganze Ausstellung einer türkischen Perspektive auf das Leben von Migrant*innen in Berlin widmet, noch dazu in einem der großen städtischen Museen, ist doch immer noch eine Besonderheit. Wer ist eigentlich in Museen sichtbar? Wer setzt die Themen? Wer kann sich mit den dort gezeigten Themen identifizieren oder sich dafür interessieren? Ein kurzes Nachdenken darüber reicht aus, um zu sehen, dass Perspektivwechsel dieser Art noch zu selten gewagt werden. Dieser Umstand macht die Ausstellung BİZİM BERLİN 89/90 auch zu einer politischen Schau.

Ausstellung: BİZİM BERLİN 89/90 Fotografien von Ergun Çağatay © (Foto J. Wolrab)

Dass es gerade in Museen viel darüber nachzudenken und diskutieren gäbe, was Gesellschaft ausmacht und welche Rolle Museen als kulturelle Einrichtungen bei den Themen Identität und Vielfalt einnehmen könnten, verdeutlicht auch die letzte Station des Ausstellungsrundganges. Sie besteht aus einer ganzen Wand mit Notizzetteln. Dort haben die Besucher*innen die Möglichkeit, Kommentare zur Ausstellung zu hinterlassen – und treten dadurch manchmal in einen stummen Dialog miteinander: „Berlin – Türkei – Was ist Heimat?“ – „Heimat ist ein Gefühl – kein Ort!“ – „Heimat ist Erinnerung.“ – „Everyone should have a place to call home“. Allein um zu sehen, wie diese Dialoge weiter wachsen und zur Selbstreflexion anregen, lohnt ein Besuch dieser besonderen Ausstellung.

 

BİZİM BERLİN 89/90. Fotografien von Ergun Çağatay
13.
April 2018 bis 16. September 2018 im Märkischen Museum, Berlin

 

[1] Vgl. Internetpräsenz der Ausstellung auf der Website Stadtmuseum Berlin (letzter Aufruf: 12.07.2018).

[2] Vgl. Biografische Angaben zu Ergun Çağatay auf der Website des Stadtmuseums Berlin (letzter Aufruf: 12.07.2018).

 

Siehe auch die Besprechung der Ausstellung auf Zeitgeschichte-online von Charlotte Wittenius vom 13. September 2018

Artikel kommentieren

Ihre Email wird nicht veröffentlicht.

AlphaOmega Captcha Classica  –  Enter Security Code