Sülfeld schafft dem 5. März 1933 ein Denkmal

Visuelle Zeugnisse nationalsozialistischer Raumaneignung in der Provinz

Die nationalsozialistische Machteroberung basierte zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil auch auf einer erheblichen Selbstmobilisierung im ländlichen Raum.[1] Sichtbare Zeichen jener „nationalen Revolution“ waren nicht selten „symbol- und raumpolitische Überschreibungen“[2] innerhalb der Dörfer und Kleinstädte. So rasch sich diese Überschreibungen ereigneten, so rasch wurden sie meist unmittelbar nach Kriegsende – ob im vorauseilenden Gehorsam oder aber auf Befehl der Besatzungsmächte – wieder aus dem Stadtraum getilgt. Umso wertvoller sind fotografische Dokumentationen jener Praxis der nationalsozialistischen Raumaneignung.

Abb. 1: Eine Ehrung von Sülfeldern vor dem Denkmal. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, 1934; Privatbesitz Hermann Sprenger; mit freundlicher Genehmigung

Wie der Fund eines Fotos zeigt (Abb. 1),[3] wurde auch das kleine Dorf Sülfeld unweit von Fallersleben von der Welle der nationalen Euphorie erfasst, die der Wahlsieg der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 auslöste: Elf Männer mittleren Alters posieren sichtlich gut gelaunt vor einem etwa 2,70 Meter hohen Findling. Zur Feier des Tages tragen sie ihre Sonntagsanzüge, an deren Revers jeweils ein Blumengesteck angebracht ist. Ihre Gesichter strahlen Zuversicht und Zufriedenheit aus. Ausnahmslos blicken sie selbstsicher und unverwandt in die Kamera. Obgleich das Bild inszeniert wirkt, zeigt es deutliche handwerkliche Mängel. So ist beispielsweise der Mann am rechten Bildrand abgeschnitten. Auf dem hinter der Gruppe sichtbaren Stein ist am oberen Ende ein Hakenkreuz zu erkennen sowie das Sülfelder Ortswappen. Darunter zeichnet sich eine Inschrift ab, deren Text sich nur erahnen lässt. Eine weitere Fotografie des Denkmals verschafft diesbezüglich Abhilfe: „Sülfeld | Erwachen | Der | Deutschen | Nation | 5. März 1933“. (Abb. 2)

Abb. 2: Feierlicher Festakt zur Denkmalseinweihung. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, 14. Mai 1933; Privatbesitz Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Die erste Aufnahme ist vermutlich – die Bäume tragen noch keine Blätter – am „Heldengedenktag“[4] 1934 anlässlich einer Ehrung Sülfelder Bürger aufgenommen worden. Sie zeigt die Honoratioren des Dorfes, darunter größtenteils lokale Großgrundbesitzer und wohlhabende Bauern, die sich vor dem Denkmal aufgestellt haben. Damit schien sich zu erfüllen, was Pastor Friedrich Ahlers während des die Feier eröffnenden Feldgottesdienstes verkündete: So sollte der Stein die Sülfelder nicht nur am Tag der Denkmalsenthüllung am 14. Mai 1933, sondern auch in „künftigen Zeiten“ daran erinnern, „daß Hitler es war, dem wir es zu verdanken haben, daß wir den Tag der Erhebung des deutschen Volkes am 5. März erleben konnten“.[5] Zu den zahlreichen Besuchern zählte selbstredend auch die lokale wie regionale Prominenz der NSDAP, so beispielsweise der Gauleiter von Ost-Hannover Otto Telschow, der Gifhorner Landrat Eugen von Wagenhoff, der Reichstagsabgeordnete Friedrich-Wilhelm Lütt und der Hauptgeschäftsführer der Kammer Harburg/Lüneburg/Lüneburg-Stade Georg Stadtler sowie Abordnungen von SA und SS. (Abb. 3)

Abb. 3: Enthüllung des Denkmals. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, 14. Mai 1933; Privatbesitz Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Dem Anlass der Denkmalseinweihung entsprechend, war das gesamte Dorf, das zu diesem Zeitpunkt lediglich etwas mehr als 500 Einwohner zählte, bei der Denkmalsenthüllung festlich geschmückt. „Kein Haus ohne Fahne Schwarz-weiß-rot oder Hakenkreuz oder beides“, kommentierte die „Aller-Zeitung“ in Hochstimmung: „Die Häuser und Straßen geschmückt mit Grün, Gewinden und Ehrenpforten in großen Mengen gaben ein feierliches Bild, wie es Sülfeld niemals zuvor gesehen hat.“[6] (Abb. 4 bis 6)

 

Abb. 4: Die alte Dorfschule, festlich geschmückt. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, vermutlich am 14. Mai 1933; Privatbesitz Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Abb. 5: Die im Dorfkern gelegene Straße Damm. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, vermutlich am 14. Mai 1933; Privatbesitz Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Abb. 6: Der Denkmalsplatz. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, vermutlich am 14. Mai 1933; Privatbesitz Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Die Fotografien dokumentieren demnach einerseits, wie rasch und ungehindert der Nationalsozialismus Eingang „in private und lokale Lebenswelten“ fand,[7] indem er eben auch zentrale Orte mit neuen Festkulten usurpierte und vereinnahmte. Andererseits lassen sich die Aufnahmen auch dahingehend deuten, dass der Wahlerfolg der NSDAP vom 5. März Emotionen freisetzte, die nicht erst über Nacht entstanden sind. Im Zuge der Feierlichkeiten benannte die stolze Gemeinde offenbar zeitgleich den angrenzenden Platz nach ihrem siegreichen Reichskanzler.[8] (Abb. 7)

Abb. 7: Eine Postkarte aus Sülfeld. Sülfeld, in den 1930er Jahren; Privatbesitz Familie Berthold Sprenger; mit freundlicher Genehmigung

Waren solche Benennungen landesweit auch keine Seltenheit, so erscheint die Denkmalssetzung selbst rückwirkend als Kuriosum, denn die lokalen Verantwortlichen scheinen vorschnell gehandelt zu haben: Nicht der 5. März, sondern der 30. Januar 1933 sollte in der NS-Erinnerungskultur der offizielle Tag werden, an dem Adolf Hitler und der Machtübernahme der Nationalsozialisten gedacht wurde. Dieses Ereignis barg weitaus mehr symbolisches Kapital als der Wahlsieg vom März desselben Jahres. Der Historikerin Sabine Behrenbeck zufolge wurde Adolf Hitler bereits kurze Zeit nach der Übernahme des Kanzleramtes am 30. Januar durch die NSDAP zu einer Art Erlöser stilisiert.[9] Ihre These deckt sich mit der lokalen Presseberichterstattung des Folgejahres: Eine Fülle an Zeitungsberichten thematisierte Hitlers Machtübernahme,[10] wohingegen der 5. März keinen Widerhall fand.

Wie ist dieser Befund zu deuten? Zeigten sich die Sülfelder lediglich überambitioniert, als sie einem Tag ein Denkmal setzten, der in der offiziellen NS-Erinnerungskultur keine Rolle spielte? Eine andere Interpretation erscheint plausibler, denn die Gemeinde stand mit ihrer Deutung nicht allein: Wie aus dem Artikel zur Einweihung des Sülfelder Gedenksteins hervorgeht, hatte Gauleiter Otto Telschow bereits zuvor einen Stein in Bad Bodenteich in der Lüneburger Heide geweiht, „der ebenfalls eine Erinnerung an Deutschlands Erhebung sein soll“ und damit nicht den 30. Januar im Blick hatte.[11] Gleiches ereignete sich im 20 Kilometer nordöstlich von Gifhorn gelegenen Ehra, wo dem 5. März mit einem weiteren Findling gedacht wurde.[12] Auch diese Denkmalssetzungen lassen sich als ein „demonstratives Bekenntnis zum Nationalsozialismus“ lesen, wie Ulrike Jureit die Errichtung des reichsweit ersten „Hitlerdenkmals“ in der mittelfränkischen Provinzstadt Gunzenhausen gedeutet hat.[13] Wie in Gunzenhausen sollten die Denkmale in Sülfeld, Bad Bodenteich und Ehra über ihre „Planung, Erbauung und Realisierung“ eine „gemeinschaftsstiftende und zugleich exkludierende Wirkung“ erzielen. Die eingangs besprochene Aufnahme aus Sülfeld dokumentiert darüber hinaus die Zugehörigkeit und das werdende („Volks“-)Gemeinschaftsgefühl im lokalen Raum, ist doch davon auszugehen, dass solche Fotografien in den Familien der Fotografierten sichtbar waren.

Wie die lokalen Machthaber in den genannten Ortschaften ging offenbar auch der Sülfelder Ortsgruppenleiter Heinrich Bähse 1933 noch davon aus, der 5. März würde sich als der historisch denkwürdigste Tag im nationalsozialistischen Deutschland etablieren. Die fotografisch dokumentierte Denkmalssetzung verweist demnach auf die große Euphorie über den Wahlsieg und den großen Elan der Parteimitglieder wie auch der lokalen Bevölkerung. Sie bestätigt damit die These Werner Freitags, der mit Blick auf die nationalsozialistische Festpraxis in Westfalen zeigte, dass diese gerade nicht als „Ausdruck von NS-spezifischer Instrumentalisierung“ gedeutet werden könne, sondern vielmehr „eine kulturelle Ausdrucksform lokaler Gesellschaften [sei], sich der Herrschaft Hitlers zu vergewissern und sie zu bejahen“.[14] Andreas Wirsching hat darüber hinaus nachgewiesen, wie sehr der 30. Januar zunächst lediglich als einfacher Regierungswechsel und eben nicht als zentraler Einschnitt empfunden wurde.[15]

Abb. 8: Der Findling als Naturdenkmal. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, 1931/32; Privatbesitz Hermann Sprenger; mit freundlicher Genehmigung

Letztlich usurpierten die Sülfelder Nationalsozialisten nicht nur ihr Dorfzentrum, sondern auch ein bereits existierendes Denkmal. Denn der Findling, der 1933 mit einem metallenen Hakenkreuz und Sinnspruch versehen wurde, war keine zwei Jahre zuvor als Naturdenkmal errichtet worden.[16] (Abb. 8) Hakenkreuz und Sinnspruch sind vermutlich bereits im Frühsommer 1945 von der British Army demontiert worden. Im Jahr 1968 erfuhr das Denkmal sodann eine weitere Umwidmung: Wurden schon während des Zweiten Weltkrieges symbolische Holzkreuze für die gefallenen Soldaten aufgestellt (Abb. 9), wurde es 1968 zu einem Ehrenmal für die im Krieg gefallenen Soldaten des Dorfes umgestaltet.[17] (Abb. 10)

Abb. 9: Holzkreuze erinnern an die Gefallenen des Dorfes. Unbekannter Fotograf, Sülfeld, während des Zweiten Weltkrieges; Privatbesitz Fotoalbum Lieselotte Grothe; mit freundlicher Genehmigung

Abb. 10: Das Sülfelder Ehrenmal heute. Foto: Andrea Feil, Sülfeld, März 2014; Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (Wolfsburg) ©

[1] Zuletzt Thomas Medicus, Am Beispiel einer Kleinstadt. Gunzenhausen in Mittelfranken: Antisemitismus und „nationale Revolution“ im Kernland der braunen Bewegung, in: ders. (Hg.), Verhängnisvoller Wandel. Ansichten aus der Provinz 1933-1949: Die Fotosammlung Biella, Hamburg 2016, S. 7-31, hier S. 7-9.

[2] Ulrike Jureit, Bilder einer unheimlichen Verwandlung: Die mobilisierte Provinz im „Dritten Reich“, in: Medicus (Hg.), Verhängnisvoller Wandel, S. 99-139, hier S. 102.

[3] Für das Bildmaterial danken wir Lieselotte Grothe und Hermann Sprenger. Für wertvolle Hinweise und Anregungen gilt unser Dank Marcel Glaser.

[4] Im Jahr 1934 fand der „Volkstrauertag“ am 25. Februar 1934 statt, ab dem kommenden Jahr wurde am fünften Sonntag vor Ostern der nun umbenannte „Heldengedenktag“ begangen. Siehe dazu das „Gesetz über die Feiertage vom 27. Februar 1934“, abgedruckt in: RGBL, Teil I/1934, Nr. 22, S. 129.

[5] „Gedenkstein-Einweihung in Sülfeld“, in: Aller-Zeitung vom 13. Mai 1933.

[6] „Gedenkstein-Weihe in Sülfeld“, in: Aller-Zeitung vom 16. Mai 1933.

[7] Linda Conze, Die Ordnung des Festes/Die Ordnung des Bildes. Fotografische Blicke auf Festumzüge in Schwaben (1926-1934), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 12 (2015), S. 210-235, hier S. 211, Online-Ausgabe www.zeithistorische-forschungen.de/2-2015/id=5222.

[8] Ob der Platz auch offiziell in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt wurde, konnte anhand der Sülfelder Ortsratsprotokolle nicht nachvollzogen werden. Möglicherweise handelt es sich dabei lediglich um eine Bezeichnung aus dem Volksmund, die auf der Postkarte Niederschlag fand.

[9] Sabine Behrenbeck, Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923-1945, Köln 2011, S. 175.

[10] „Ruhe und Frieden. Gedanken zum 30. Januar“, in: Aller-Zeitung vom 29. Januar 1934; „Der Dank des Reichspräsidenten. Ein Brief Hindenburgs an den Führer“, in: Aller-Zeitung vom 30. Januar 1934; „Hitlers Bekenntnis“, in: Aller-Zeitung vom 31. Januar 1934.

[11] „Gedenkstein-Weihe in Sülfeld“, in: Aller-Zeitung vom 16. Mai 1933.

[12] Privatbesitz Dr. Meinhardt Leopold, Wolfsburg.

[13] Hier wie im Folgenden: Jureit, Bilder einer unheimlichen Verwandlung, S. 119.

[14] Werner Freitag, Der Führermythos im Fest. Festfeuerwerk, NS-Liturgie, Dissens und „100 % KdF-Stimmung“, in: ders. (Hg.), Das Dritte Reich im Fest. Führermythos, Feierlaune und Verweigerung in Westfalen 1933-1945, Bielefeld 1997, S. 11-77, hier S. 17.

[15] Andreas Wirsching, Die deutsche „Mehrheitsgesellschaft“ und die Etablierung des NS-Regimes im Jahre 1933, in: ders. (Hg.), Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft, Göttingen 2009, S. 9-30.

[16] Ist über den ursprünglichen Anlass auch nichts überliefert, so lässt er sich doch im Kontext des sich langsam organisierenden Naturschutzes verorten, der sich zunächst darum bemühte, singuläre Naturphänomene wie beispielsweise derartige Findlinge zu erhalten. Welcher Intention auch immer die Sülfelder 1931 folgten, so scheint diese nur zwei Jahre später gänzlich vergessen oder obsolet geworden zu sein. Vgl. TSV Sülfeld von 1913 e.V. (Hg.), 1000 Jahre Sülfeld. Die Chronik, Wolfsburg 2017, S. 103-108. Der Hinweis auf das Naturdenkmal geht auf die Chronik von Heinrich Müller aus dem Jahr 1937 zurück, dort auf der Rückseite von Blatt 14.

[17] Stadtarchiv Wolfsburg (StadtA Wob), Sü 28, Errichtung eines Kriegerdenkmals 1968, Stein- und Bildhauer Werner Klotz an die Gemeinde Sülfeld vom 23. November 1968.

Artikel kommentieren

Ihre Email wird nicht veröffentlicht.

AlphaOmega Captcha Classica  –  Enter Security Code