Obst Und Muse

Pepper und Reister sprechen auf Visual History über Fotografie

Screenshot der Website „Obst Und Muse“ (28.10.2018)

Christine Bartlitz: Herr Pepper, Herr Reister, Sie betreiben den Blog „Obst Und Muse“. Was ist Ihr Anliegen?

 

Jens Pepper: Als wir vor ein paar Jahren begannen, Interviews mit Fotografen, Fotohistorikern, Galeristen, Verlegern rund um das Thema Fotografie auf „Obst Und Muse“ zu veröffentlichen – ein Name, der uns in einer Bierlaune eingefallen ist und im Gedächtnis bleibt –, da hatten wir noch keinerlei Hintergedanken. Wir beide sind fotografisch aktiv, bewegen uns in der Fotoszene Berlins und arbeiten an einem nationalen und internationalen Netzwerk.

 

Christian Reister: Ich hatte vor „Obst Und Muse“ für eine andere Website immer mal wieder Interviews mit Fotografen gemacht, die ich interessant fand. Michael Wolf, Andreas Herzau, Frank Silberbach, Rudi Meisel … Diese Website drohte eingestampft zu werden, und ich wollte die Interviews irgendwo öffentlich archivieren. Als Pepper die Idee hatte, einen gemeinsamen Blog mit Gesprächen über Fotografie zu machen, kam mir das wie gerufen. Auch, weil ich damit weiterhin einen guten Grund hatte, mit Leuten auf diese Weise ins Gespräch zu kommen.

 

Chris Niedenthal, Titel des „TIME“ Magazins (1986) mit seinem Foto von János Kádár, Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei © mit freundlicher Genehmigung

Jens Pepper: Die Ursprungsidee war also eher die, dass wir Kontakte knüpfen wollten. Mit der Zeit wurde die Gesprächssammlung jedoch auch zu einer Informationsquelle für an Fotografie Interessierte oder eben auch für Menschen, die sich für Visual History interessieren. Letztere werden wohl nicht mit jedem Interview etwas anfangen können, aber sicherlich sind da Gespräche dabei, die auch für Historiker interessant sind. Beispielsweise die Konversation mit Chris Niedenthal, der vor allem in den 1980er Jahren für die US-amerikanischen Magazine „Newsweek“ und „TIME“ den Wandel in Osteuropa fotografisch dokumentiert hat, also die Solidarnośc-Bewegung oder das Kriegsrecht in Polen, den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 etc. Niedenthals Fotos sind inzwischen historisch relevant. In der Reihe „Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte“ haben Sie ja selbst gerade ein Buch über polnische Reportagefotografie im 20. Jahrhundert herausgegeben, in dem auch Niedenthal mit vertreten ist.

Chris Niedenthal, „Apocalypse Now“, Warschau, 14. Dezember 1981: „Armoured personnel carrier outside Moscow Cinema in Warsaw, December 1981, first days of martial law. The film showing: Coppola’s ‚Apocalypse Now‘“ © Chris Niedenthal mit freundlicher Genehmgiung

Oder nehmen Sie den Amerikaner Paul Horsted, der ausgehend von den Tagebüchern und Dokumentarfotos der Custer-Expedition in das Gebiet der Dakotas im 19. Jahrhundert die Orte aufsuchte, die damals fotografiert wurden, um sie heute vom gleichen Standort erneut aufzunehmen. So lassen sich die Veränderungen der Region in den vergangenen 150 Jahren nachvollziehen.

Paul Horsted, Camp der Custer-Expedition South Dakota 1874 und heute, aus: Ernest Grafe/Paul Horsted, Exploring with Custer: The 1874 Black Hills Expedition, Custer, S.D. 2002

Ich habe mich auch mit dem Fotografen Christoph Schieder unterhalten, der sich mittels eines konzeptuellen fotografischen Projekts mit seinem Großvater, dem Historiker Theodor Schieder, auseinandergesetzt hat. Es gibt ja die u.a. von dem Historiker Ingo Haar angestoßene Debatte über die Rolle Schieders als Vordenker der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Die hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Familie.

 

Christoph Schieder, aus „Großvater“: Vorstudie für das Rektorenportrait der Universität Köln. Dieses Bild des Malers Hans Jürgen Kallmann hing bei uns Zuhause über dem Sofa.“ © mit freundlicher Genehmigung

Christoph Schieder, aus „Großvater“: „Von meinem Großvater ausgefüllter Fragebogen aus der NS-Zeit. Wozu er diente, ist dem Dokument nicht abschließend zu entnehmen. Für mich aber interessant wird dieses Dokument durch die von ihm eigenhändig notierte NSDAP-Mitgliedsnummer. Referenz: BArch, Schieder, Dr. Theodor, 11.4.08, vormals BDC“ © mit freundlicher Genehmigung

 

C.B.: Was beschäftigt Sie beide zurzeit? Welches sind Ihre wichtigsten Projekte?

 

Christian Reister: Ich fotografiere seit fast zwei Dekaden in Berlin, die letzten Jahre überwiegend nachts. Ich komme ursprünglich aus der Straßenfotografie, die aus sich heraus einen starken zeitdokumentarischen Charakter hat. Über die Jahre hat sich meine Fotografie von einer rein beobachtenden, „sachlichen“ Sicht gewandelt hin zu einer recht subjektiven Bildsprache, in der ich viel mit Stimmungen und Atmosphären spiele und neben den gefundenen Momenten in Bars und auf Straßen auch Portraits und Fotografien aus meinem privaten Umfeld integriere. Im November erscheint beim Londoner Verlag Hoxton Mini Press mein Buch „Berlin Nights“, das 70 Fotografien aus den letzten zehn Jahren bündelt. Das ist gerade mein Hauptthema, und ich bin sehr gespannt, wie die Reaktionen auf das Buch sein werden.

Christian Reister, Berlin 2015 © mit freundlicher Genehmigung

Jens Pepper: Ende 2017 habe ich ein Buch mit dem Titel „Gespräche über polnische Fotografie“ im Klak Verlag veröffentlicht, in dem ich 30 Interviews publiziert habe, u.a. mit dem Fotografen Ryszard Horowitz, der nicht nur ein bedeutender Werbefotograf in den USA wurde, sondern der einer der jüngsten Überlebenden in Auschwitz war. Sein Name stand auch auf der Liste von Oskar Schindler. Auch in diesem Buch lernt der Leser nicht nur einiges über die Gegenwartsfotografie unseres Nachbarlandes, sondern auch vieles über die polnische Geschichte. Ich mache auch weiterhin viele Interviews, und einige davon erscheinen auf „Obst Und Muse“, aber nicht alle. Ich würde mir sonst selbst die Leser meiner Bücher abspenstig machen. Im ersten Halbjahr 2019 wird dann ein Buch über die Fotografieszene Berlin erscheinen, erneut auf der Basis von Interviews. Jedes Interview ist auch ein Lernprozess für mich. Na, ja, und dann schreibe ich noch für diverse Zeitschriften und fotografiere selbst.

 

C.B.: Was hat Fotografie mit Zeitgeschichte zu tun?

 

Jens Pepper: Fotos sind als Objekt ja bereits Teil der Zeitgeschichte, da sie zu einer bestimmten Zeit entstehen und mit den technischen Möglichkeiten der Zeit aufgenommen, entwickelt und gedruckt werden. Da spielt es auch keine Rolle, wenn jemand im Jahr 2018 eine Plattenkamera von 1870 verwendet und eine klassische Aufnahmetechnik wählt, meinetwegen das Kollodium-Nassplattenverfahren. Ein Negativ, ein Datenchip oder ein Abzug bzw. Print ist immer ein Gegenstand der Zeit. Aber diese Dinge sind wohl eher für Wissenschaftshistoriker von Interesse, wenn sie sich zum Beispiel für die Entwicklung einer Technik oder einer Firma wie Agfa oder Kodak interessieren. Die zweite Ebene sind dann die Abbildungen, die auf den Bildträgern zu sehen sind. Das können historische Ereignisse sein oder einfach nur Schnappschüsse für das Familienalbum. Letzteres ist wahrscheinlich eher für einen Sozialhistoriker von Interesse. Bildreportagen oder Einzelbilder von zeitrelevanten Geschehnissen werden dagegen wohl von Historikern anderer Disziplinen goutiert. Aber auch Mode- oder Wissenschaftsfotografie sind in gewisser Weise dokumentarisch usw.

Christian Reister, Berlin 2017 © mit freundlicher Genehmigung

C.B.: Wie verhält es sich mit dem „dokumentarischen“ Ansatz?

 

Jens Pepper: Meinen Sie jetzt den Blog? Da nimmt die klassische Dokumentar- und Reportagefotografie nur einen Teil des Projekts ein. Ein paar Namen von klassischen Reportage- und Dokumentarfotografen auf „Obst Und Muse“ habe ich ja bereits genannt. Privat ist mir die Dokumentarfotografie im Sinne von politischem oder gesellschaftspolitischem Journalismus sehr nah, da ich politisch interessiert bin. Wobei manchmal auch Fotografien einfacher Bürger großartige Dokumente darstellen. Nur müssen diese oftmals erst entdeckt werden, da sie in der Regel nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren bzw. sind.

 

Christian Reister: Wir haben auf „Obst Und Muse“ viel Autorenfotografie, also selbstgestellte Themen, die später primär in Büchern und Ausstellungen präsentiert wurden und nicht im journalistischen Kontext. Klaus Pichlers „Golden Days Before They End“ über die Wiener Beisln oder Ken Schles‘ „Invisible City“ – Manhattan in den 1980ern – sind ja sehr durch die Zeit geprägt, in der die Fotos entstanden sind. Aus welchem Antrieb heraus diese Arbeiten auch immer gemacht wurden, sie dokumentieren künstlerisch und damit sehr subjektiv ihre Zeit.

 

Jens Pepper: Ich persönlich sammle Fotografien, die deutsche Soldaten gemacht haben, die am Überfall auf Russland 1941 und am Krieg gegen Russland bis 1945 beteiligt waren. Oftmals sind die Bilder rückseitig beschriftet oder befinden sich noch in Fotoalben, die zusätzliche Informationen liefern. Ich besitze beispielsweise Fotos, die das Zusammentreiben der jüdischen Bevölkerung in der Stadt Mariupol am Asowschen Meer zeigen. Da stehen hunderte Familien mit kleinem Gepäck auf einer großen Straße und warten darauf, was passiert. Der Soldat, der diese Fotos gemacht hat, schrieb rückseitig auf einem der Bilder, dass die Juden aus der Stadt herausgeführt werden sollen. Aus schriftlichen Quellen wissen wir, dass diese Menschen kurze Zeit später von den Deutschen ermordet wurden. Ob der fotografierende Soldat sich dessen bewusst war, kann ich nicht sagen. Er wirkt zumindest ahnungslos. Solche Aufnahmen sind für mich wichtige Dokumente, die ich irgendwann auch ausstellen und publizieren werde.

 

Christian Reister: Gut – die historisch interessanten Infos zu diesem Beispiel ergeben sich aber nicht unwesentlich aus dem erklärenden Text. Warum heute Fotos von z.B. Vivian Maier so viel Faszination auslösen, ist ja aber genau der textlose Inhalt dieser Bilder. Wir schätzen solche Straßenfotografie heute allein schon deshalb, weil wir sie so nicht pausenlos sehen und sie uns zeigt, wie die Welt unserer Eltern und Ureltern ausgesehen hat. Ganz fern von der großen Geschichte, der ganz „normale“ Alltag.

 

C.B.: Verstehen Sie Ihre Arbeit als Kunst oder auch als zeithistorische Dokumentation?

 

Jens Pepper: Als Kunst? Nein. Zeithistorische Dokumente sind die Interviews natürlich, aber dieser Aspekt stand – zumindest für mich – nie im Vordergrund meiner Arbeit. Mein Interesse galt primär den Menschen, die ich besser kennenlernen wollte, und ihrer Arbeit, sei es als Fotograf, Galerist, Autor, Verleger oder was auch immer.

 

Christian Reister: Falls die eigene fotografische Arbeit gemeint ist: ganz klar beides.

Jens Pepper, aus der Serie „Gorzow Wielkopolski“ (1), 2005-2010 Polen © mit freundlicher Genehmigung

Jens Pepper, aus der Serie „Gorzow Wielkopolski“ (2), 2005-2010 Polen © mit freundlicher Genehmigung

C.B.: Warum führen Sie eigentlich Interviews – und warum interviewe ich Sie jetzt? Wie verhält es sich mit dem Fotografieren und dem Schreiben über Fotografie?

 

Christian Reister: Erst gestern hat der Fotograf George Nebieridze bei Pepper’s Photo Chat Live in der Barbiche Bar in Berlin, eine Veranstaltung, bei der Pepper einmal monatlich Gäste zum Thema Fotografie interviewt (www.obstundmuse.com/live/) William Eggleston zitiert: „Words and pictures don’t particularly like each other – they’re like two different animals.“ Da ist ganz viel Wahres dran. Vieles, was ich über Fotografie lese, verdirbt mir eher die Lust am Bild. Gleichzeitig interessiert mich immer sehr, wer hinter den Bildern steckt, die mich begeistern: Herangehensweisen, Einstellungen, Hintergründe. Über den Tellerrand gucken, dazulernen. Hierfür ist das Interview einfach die passende Form. Und niederschwellig für Schreibmuffel wie mich. Im Gegensatz zu Pepper schreibe ich sonst nicht, meine Sprache ist die visuelle Gestaltung, aber ein Interview bekomme ich gerade noch gehändelt.

 

Jens Pepper: Na, damit ist doch eigentlich alles gesagt. Für mich sind Interviews ein wunderbarer Weg, um Leute und ihre Arbeit kennenzulernen, um zu lernen, um Zusammenhänge zu erkennen. Das wird auch Ihr Grund gewesen sein, uns zu diesem Gespräch einzuladen. Denke ich mir jedenfalls.

 

C.B.: Stimmt genau! Herr Pepper, Herr Reister, ich bedanke mich bei Ihnen für das Gespräch.

 

 

Jens Pepper ist Fotograf, Kunstvermittler und Autor. Geboren 1964 in Bremen, lebt er seit 1987 in Berlin. Nach langjähriger Tätigkeit als Galerist, Kurator und Autor heute vor allem Fotograf. Interviews mit Fotografen, Kuratoren, Fotohändlern und Fotohistorikern sowie Essays zu fotografischen Themen.

 

Christian Reister, *1972, ist Fotograf, Gestalter und Ausstellungsmacher. Er lebt und arbeitet in Berlin. Dokumentations- und Straßenfotografie, Portraits. Zahlreiche Veröffentlichungen und Ausstellungen im In- und Ausland. Website: www.christianreister.com

 

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