Rezension: Felix Koltermann, Fotoreporter im Konflikt

Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina

Cover: Felix Koltermann, Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina, transcript Verlag Bielefeld 2017

Kriegerische Auseinandersetzungen, gewaltsame Konflikte und Terrorismus gehören zu den dominanten Themen der weltweiten Berichterstattung. Die dabei vermittelten Bilder prägen unser Wissen und unsere Konfliktwahrnehmung entscheidend. Bisher nähert sich die Kommunikations- und Medienforschung der (foto)journalistischen Praxis zumeist von Seiten des fertig ausgewählten, abgedruckten bzw. ausgestrahlten Medienmaterials. Im Mittelpunkt stehen dabei Forschungsbegriffe wie Nachrichtenfaktoren, Gatekeeping oder Framing.[1] In seiner Dissertation „Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina“ nimmt Felix Koltermann eine neue Perspektive ein. Ihn interessieren nicht die Auswahl der fertigen Bilder oder deren Distribution, sondern die konkreten Produktionsbedingungen von Fotoreporter*innen.

Koltermann wählt für seine Untersuchung den Produktionsstandort Israel und die palästinensischen Gebiete als „wichtigen Platz […] der internationalen Nachrichtengeografie“ (S. 12). Lohnend sei die Region, weil „die geringe Ausdehnung und die überschaubare Struktur […] den Blick auf die Akteure und die Produzentenseite“ erleichtere. Außerdem habe der Nahostkonflikt durch seine Dauerhaftigkeit „ein eigenes auf den Konflikt bezogenes System fotojournalistischer Produktion entwickelt“, und dort tätige Fotoreporter*innen könnten „als Kommunikatoren zu den wichtigsten journalistischen Akteuren der Region“ gezählt werden (S. 10). Deren Besonderheit versteht der Autor im Vergleich zu Textjournalist*innen im Vor-Ort-Sein und der Unmittelbarkeit ihrer Bildproduktion. So hätten die „entstehenden Bilder […] die Funktion von Dokumenten, die auf Zustände und Geschehnisse in der Realität verweisen und bis zu einem gewissen Grad für sich selber stehen können […]. Der fotografische Prozess [sei] somit als eine soziale Praxis zu betrachten, die nicht von [den] gesellschaftlichen Strukturen und [deren] immanenten Macht- und Herrschaftsstrukturen“ getrennt werden könne (S. 11).

Aufgrund ihrer Nähe zum Geschehen betrachtet Koltermann Fotoreporter*innen nicht nur als Kommunikator*innen, sondern auch als „soziale Akteure eines Konfliktkontexts“. In dieser Doppelrolle untersucht er „die allgemeinen fotojournalistischen Routinen der Fotoreporter, zum anderen ihr[en] Umgang mit den Macht- und Herrschaftsstrukturen des Konflikts […], um davon ausgehend ihre Handlungsspielräume bestimmen zu können“. Dies setzt er „mit Hilfe eines Vergleichs internationaler, israelischer sowie palästinensischer Fotoreporter“ um, die am Produktionsstandort Israel/Palästina ganz unterschiedliche Bewegungs- und damit Arbeitsmöglichkeiten haben (S. 10). Mit dieser Perspektive ergänzt der Autor das in den letzten Jahren gestiegene Forschungsinteresse am Themenfeld Fotojournalismus um eine Studie, die auf die konkreten Arbeitsbedingungen- und Abläufe der Fotoreporter*innen fokussiert.

Seine Untersuchung verortet Koltermann „an der Schnittstelle der Kommunikationswissenschaft und der Friedens- und Konfliktforschung“ (S. 15) und möchte sie als Kommunikatorstudie verstanden wissen (S. 10), die einen kommunikationswissenschaftlichen Ansatz mit einer Konfliktforschungsperspektive verbindet (S. 16). Methodisch nähert er sich seinem Untersuchungsgegenstand durch qualitative Leitfadeninterviews, die er mit 40 israelischen, palästinensischen und internationalen Fotoreporter*innen zwischen September 2011 und April 2012 geführt hat. Ziel der Untersuchung ist es, die Kommunikator*innen in den Mittelpunkt zu stellen und ihr Handeln auf Basis der Interviews zu rekonstruieren (S. 18). Ergänzend fließen „Hintergrundgespräche mit Bildredakteuren, Wissenschaftlern und Experten“ aus der Region ein (S. 18).

Al Jazeera-Journalisten und andere in Gaza, 28. Dezember 2008. Quelle: Al Jazeera English / Flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die Gliederung folgt dem Aufbau einer klassischen sozialwissenschaftlichen Arbeit mit einem einleitenden Kapitel, einem Kapitel zum Forschungsstand, einem Theoriekapitel, einer Darstellung des Fallbeispiels Nahostkonflikt, einem Methodenkapitel und zwei empirischen Teilen über die Arbeitsroutinen der Fotojournalisten in der Region sowie die journalistische Praxis im Konflikt. In einem letzten Kapitel überführt Koltermann seine Ergebnisse in eine umfassende Typologie fotojournalistischer Akteure und schließt mit einem Fazit.

Koltermanns Untersuchung macht klar, dass das Feld fotojournalistischer Praxis am Produktionsstandort Israel und in den palästinensischen Gebieten, trotz seiner geringen Ausdehnung, eine extreme Heterogenität aufweist. Diesem Umstand wird der Autor durch Einbezug zahlreicher Vergleichselemente gerecht. Dazu zählen die berufliche Sozialisation der Fotoreporter*innen, für die Koltermann nach den Arbeitsmotivationen, den Ausbildungen und den Rollenverständnissen seiner Interviewpartner*innen fragt (S. 184-210), und eine differenzierte Darstellung der Arbeitsroutinen von Nachrichtenfotograf*innen, Dokumentarfotograf*innen und Fotojournalist*innen (S. 211-270). Im auf den Konflikt abzielenden empirischen Teil vergleicht Koltermann Aspekte von Bewegungs- und Pressefreiheit (S. 316-339), fotojournalistischer Ethik (S. 340-350), den Einfluss von Konfliktnarrativen (S. 354-376) und die psychosozialen Folgen der Arbeit in Konfliktsituationen (S. 377-386).

Auch dabei wird deutlich, dass allgemeine Aussagen zu den unterschiedlichen fotojournalistischen Akteuren kaum möglich sind. Entscheidende Differenzen in deren Arbeitsroutinen ergeben sich vor allem durch ihre ganz unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zum Feld. Rechtliche Restriktionen und Fragen von Nationalität spielen dabei genauso eine Rolle wie Sprachkenntnisse, Sicherheitsabwägungen oder das Geschlecht des oder der Fotograf*in (vgl. S. 387-402). Koltermann kann überzeugend darstellen, dass die Handlungsspielräume der internationalen Fotojournalist*innen am größten sind. Demgegenüber ließe sich die Bewegungsfreiheit der Israelis als mittel und die der Palästinenser*innen als sehr gering beschreiben (vgl. S. 412f. u. S. 417).

Der Journalist Nadim Audi in einem Flüchtlingslager in Jordanien, 11. Oktober 2011. Quelle: Omar Chatriwala / Flickr, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Neben den detailreichen Einblicken im empirischen Teil der Arbeit sind gerade die theoretischen Annäherungen an das breite Feld des Fotojournalismus eine lohnende Lektüre für all jene, die sich einen Eindruck über die Vielschichtigkeit des Berufsfelds der Fotoreporter*innen verschaffen möchten. Die abschließende Typologisierung der untersuchten Akteure in neun verschiedene Idealtypen („News-Activist“, „News-Runner“, „News-Feature-Producer“, „Ein-Personen-Unternehmer“, „Illustrator“, „NGO-Dokumentarist“, „Geschichtenerzähler“, „Konzeptioneller Dokumentarist“ und „Sozialdokumentarischer Aktivist“) könnte darüber hinaus eine Grundlage für nachfolgende Forschungsvorhaben sein, die sich mit Fotojournalismus in anderen Konfliktkontexten auseinandersetzen (S. 403-413). Vorbildhaft ist dabei Koltermanns breiter Blick, der auch Randbereiche des Fotojournalismus ausleuchtet, diese vor den Spezifika des Konflikthorizonts reflektiert und ohne extreme Vereinfachungen in ein Schema fotojournalistischer Akteure einbettet. Ein Wermutstropfen ist das Fehlen eines Glossars und Index. Gerade aufgrund der extremen Heterogenität der untersuchten Akteur*innen, die sich zwar alle im Bereich des Fotojournalismus verorten, aber ganz unterschiedliche Berufsbezeichnungen und Arbeitsverhältnisse aufweisen, wäre ein umfassendes Nachschlagewerk nützlich gewesen.

Schwächen zeigt das Buch hinsichtlich seiner wissenschaftlich-organisatorischen Umsetzung. So wird etwa die Relevanz der im Kapitel „Forschungsstand“ vorgestellten Literatur für die zuvor aufgeworfenen Fragestellungen nicht immer nachvollziehbar dargelegt. Im Gegenteil werden immer neue Fragekomplexe und Themenfelder eröffnet, die in der nachfolgenden Arbeit nicht bzw. kaum weiter behandelt werden. Auf Seite 37 werden etwa Fotowettbewerbe kritisch diskutiert, die anschließend nur zweimal eher nebensächlich aufgegriffen werden (vgl. S. 233f. u. S. 253f.). Verwirrend sind auch die oft fast gleichlautenden Unterkapitel: „Ethik im Fotojournalismus“ (S. 80), „Fotojournalistische Ethik in der Praxis“ (S. 340) und „Die fotojournalistische Ethik in Konflikten“ (S. 396) oder auch „Psychosoziale Folgen von Konflikten“ (S. 102), „Psychosoziale Folgen“ (S. 114) und „Die psychosozialen Folgen der Arbeit“ (S. 381). Neben etlichen Rechtschreibfehlern weist Koltermanns Buch leider auch sachliche Fehler auf. So heißt es auf Seite 284 in einem Kommentar zu den Aussagen eines Interviewpartners: „Sein Lebensmittelpunkt Beit Sahour gehört zur [sic!] C-Gebiet in der Westbank und untersteht der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde.“ Zuvor wurde jedoch erklärt, dass das C-Gebiet der israelischen Militärverwaltung und nicht der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) unterstehe (vgl. S. 136-139).

Auch in ihrer Konfliktanalyse vermag die Untersuchung nicht immer zu überzeugen. Koltermann attestiert den Herrschaftsverhältnissen in der Region unter Verwendung inzwischen stark kritisierter Begriffe, wie den der „Ethnokratie“,[2] eine „fundamentale Asymmetrie“ (S. 127) politischer Macht zwischen Israel und der PA. Israel charakterisiert er dabei als „ethnokratischen Siedlerstaat“ (S. 125), der nach innen zwar „Anteile eines demokratischen Regimes“ aufweise, nach außen aber als „military“ bzw. „Besatzungsregime“ auftrete (S. 126). Innen und außen könnten aber nicht getrennt betrachtet werden, denn Israels staatliche Institutionen seien doch „die zentralen Organe der Besatzungspolitik und aufs Engste mit Regierung und Militär verbunden“ (S. 14). Koltermann übersieht dabei, dass Israels Institutionen keineswegs einen homogenen „Siedlerstaat“ bilden. Gerade der Oberste Gerichtshof griff wiederholt in Maßnahmen der zivilen und militärischen Verwaltung ein und stärkte die Pressefreiheit für in- und ausländische Journalist*innen[3] – ein Umstand, den auch eine zitierte Interviewpartnerin beschreibt, ohne dass Koltermann darauf eingeht (S. 315). Hier verspielt die Arbeit durch eine allzu eindimensionale Konfliktperspektive das Potential, den Stand der israelischen Pressefreiheit in all ihrer Komplexität und damit ihre Bedeutung für die Produktionsbedingungen von Journalist*innen vor Ort analytisch zu fassen.

Einen deutlich kritischeren Blick hätte man sich am Ende auch bezogen auf die Fragen nach der gegenseitigen Konkurrenz der Fotojournalist*innen und dem Vermarktungsdruck ihrer Medienprodukte gewünscht. Einige von Koltermanns Interviewpartner*innen wiesen darauf hin, nur Bilder verkaufen zu können, die fest tradierten Narrativen entsprechen oder möglichst drastische Szenen zeigen (vgl. S. 294; 297 u. 352). Andere, wie der Journalist Kai Wiedenhöfer, betrachteten das internationale Konfliktinteresse und ihre eigene Rolle darin extrem selbstkritisch: „Im Endeffekt ist das ganze Land nicht so wahnsinnig wichtig. Es ist überhaupt nicht wichtig im Prinzip, welches Fähnchen jetzt in Jerusalem irgendwie über dem Felsendom oder über der Erlöserkirche weht […]. Es ist die größte Journalistendichte weltweit, die du irgendwie hast. Und die ist eigentlich durch nichts zu belegen. Weil da ist nichts.“ (S. 275).

An derlei Aussagen anschließend hätte man sich eine prononciertere Reflexion der regionalen fotojournalistischen Praxis hinsichtlich der Reproduktion stereotyper antiisraelischer oder orientalistischer Bilder gewünscht. Aufschlussreich wäre auch die Frage gewesen, inwiefern die Erwartungshaltungen der Agenturen und der Rezipient*innen nicht bereits die Motivauswahl und die Praxis der Fotojournalist*innen determinieren.[4]

Felix Koltermann identifiziert in seiner Dissertation „Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina“ eine Forschungslücke, die sicherlich noch ähnliche Arbeiten zu anderen Konflikten hervorbringen wird. Ihm gelingt es dabei, ein Panorama der fotojournalistischen Szene in der Region zu entwerfen. Seine Arbeit weist jedoch Mängel auf und verspielt durch eine allzu einseitige Konfliktperspektive erhebliches Potenzial.

 

Felix Koltermann, Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina, transcript Verlag Bielefeld 2017, 458 Seiten, 49,99 EUR

 

Siehe zu diesem Thema auch den Beitrag von Sophie Kühnlenz: „Wir Kinder vom Busbahnhof“, Steinewerfer, „Surfin‘ Gaza“ und schwarze Wassertanks auf Häusern. Der israelisch-palästinensische Konflikt im Blick des Fotojournalismus, in: Visual History, 03.01.2017

 

[1] Vgl. Felix Reer/Klaus Sachs-Hombach/Schamma Schahadat (Hrsg.), Krieg und Konflikt in den Medien. Multidisziplinäre Perspektiven auf mediale Kriegsdarstellungen und deren Wirkungen, Köln 2015, S. 9ff.

[2] Koltermann unterschlägt die breite Diskussion zum Begriff, vgl. etwa Sammy Smooha, The Model of Ethnic Democracy. Israel as a Jewish and Democratic State, in: Nations and Nationalism 4 (2002), Nr. 8, S. 475-503. Es bleibt auch unklar, welchen analytischen Mehrwert Koltermann durch Einführung dieses Begriffs erzielt.

[3] Vgl. beispielsweise den Fall „Al-Jazeera Satellite Channel and others v. Prime Minister and others“ von 2004, in dem der Oberste Gerichtshof feststellte, dass der kollektive Entzug von Presseausweisen von Journalistinnen und Journalisten aus der Westbank ohne individuelle Sicherheitsüberprüfung gesetzwidrig sei und nicht nur der Pressefreiheit, sondern der allgemeinen Demokratie im Land schade.

[4] Kritisch dazu etwa: Matti Friedman, What the Media Gets Wrong About Israel, in: The Atlantic, 30.11.2014.

 

 

Zitation


Alexander Steder, Rezension: Felix Koltermann, Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina, in: Visual History, 06.03.2019, https://www.visual-history.de/2019/03/06/rezension-felix-koltermann-fotoreporter-im-konflikt/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1633
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