Rezension: M. Jung-Diestelmeier, „Das verkehrte England“

Visuelle Stereotype auf Postkarten und deutsche Selbstbilder 1899-1918

 

Cover: Maren Jung-Diestelmeier: „Das verkehrte England“. Wallstein Verlag Göttingen 2017 ©

 

Die Arbeit von Maren Jung-Diestelmeier, mit der sie 2016 an der Technischen Universität Berlin promoviert wurde und die im Jahr darauf im Göttinger Wallstein Verlag erschien, ist, soweit der Rezensent das mit seiner zugegebenermaßen beschränkten Expertise auf dem Feld zu beurteilen vermag, ein großartiger Beitrag zur Stereotypenforschung. Das verwundert nicht angesichts dessen, dass die Dissertation von Werner Bergmann, bis 2016 Professor für Soziologie am Zentrum für Antisemitismusforschung, betreut wurde. Der Band macht sicher nicht zu Unrecht den Auftakt der vom ZfA herausgegebenen Reihe „Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart“.

In der Einleitung formuliert die Autorin zunächst ihre Forschungsfrage „nach dem Beitrag visuell kommunizierter (England-)Stereotype und bildlicher Stereotypisierungsprozesse für kollektive ‚Wir‘-Gruppenkonzeptionen im Kontext und als Teil des zum Massenphänomen avancierenden, sich ethnisch aufladenden deutschen Nationalismus“. (S. 14)

Überzeugend legt Maren Jung-Diestelmeier sodann ihre Walter Lippmann und vor allem Hans Henning Hahn folgenden theoretischen Annahmen zu Stereotypen dar und verbindet dies mit dem von ihr gewählten visuellen Quellenkorpus. Dieser besteht aus knapp 900 Postkarten, die zu einem Großteil aus einer leider nicht mehr bestehenden privaten Sammlung stammen. Der Sammler, Karl Stehle, verstarb 2013. Seine Erben konnten von der Autorin nicht dazu bewegt werden, die Sammlung als Ganzes an ein Museum oder an eine andere öffentliche Einrichtung zu verkaufen. Stattdessen wurden die Karten über ein Auktionshaus an diverse unbekannte Käufer veräußert. Immerhin konnte Jung-Diestelmeier die Karten digitalisieren und die Sammlung so wenigstens in Form von Digitalisaten bewahren (S. 39, FN 167).

Tatsächlich bietet es sich an, Stereotype, die Lippmann als „Bilder in den Köpfen“ (S. 14) bezeichnete, anhand von „visuellen Bildern“ (S. 15) und speziell anhand des Massenmediums Bildpostkarte zu untersuchen, denn „[d]ie Bildpostkarte hat über ihren breiten Rezeptionsradius hinaus als Untersuchungsgegenstand gegenüber anderen Bildmedien den Vorteil, dass sie als Kommunikat individuelle Rezeptionsspuren aufweist“. (S. 16) Nicht zufällig ist der Untersuchungszeitraum von 1899 bis 1918 nahezu deckungsgleich mit dem etwa 1895 beginnenden und wahlweise um 1920 oder 1930 endenden „Goldenen Zeitalter“ der Bildpostkarte.

So widmet sich die Autorin also gleich zwei Forschungsdesideraten: Zum einen fehle es an einer über die Ebene der Eliten und elitären Medien hinausgehende Studie „zur Langzeitentwicklung antibritischer Stereotype und ihrer Bedeutung für kollektive Selbstverständigungs- und Identitätsbildungsprozesse im deutschen Kaiserreich“ – und das obwohl für deutsche Identitätskonzepte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Abgrenzung von Großbritannien von größerer Bedeutung gewesen sei als die von Frankreich. Zum anderen mangele es an historischen Untersuchungen zur „Beziehung von innereuropäisch-nationalen Bildstereotypen und [der] Entwicklung deutscher Identitäts- und Gemeinschaftsbildung […]. Die Verbindung der geschichtswissenschaftlichen Untersuchung von Bild-Medien mit der Theorie der historischen Stereotypenforschung ist weitgehend wissenschaftliches Neuland.“ (S. 19)

Es könnte hier allerdings eingewendet werden, dass es, auch wenn der Ansatz, verstärkt die bislang vernachlässigten Bildmedien in den Blick zu nehmen, sicher wichtig und richtig ist, nicht Sinn der Sache sein kann, die von William J.T. Mitchell konstatierte Trennung, das unverbundene Nebeneinander von Text und Bild fortzuschreiben, das viele Studien vor (und auch nach) dem sogenannten (und behaupteten) pictorial, iconic, iconographic oder iconological turn kennzeichnet. Vielmehr müssen visuelle und textuelle Medien integriert werden.[1] Auch literarische Texte, Romane, Abenteuererzählungen oder Reiseberichte vermittelten antibritische Stereotype und trugen zum deutschen Selbstverständnis bei.

Für die auf Abgrenzung basierende „Wir“-Konstruktion im deutschen Nationalismus sei, so Jung-Diestelmeier, der Bezug auf Europa wichtiger gewesen als derjenige auf die Kolonien (S. 17). Hier tauchte beim Rezensenten ein Fragezeichen auf, denn worauf diese Annahme basiert, erschließt sich nicht. Die bald unzähligen Studien zu Kolonialfotografie und auch zu kolonialen Bildpostkarten bestärken die These jedenfalls nicht. Wie sollte diese Wichtigkeit auch gemessen werden – quantitativ, qualitativ? Ist es überhaupt nötig, das gegeneinander auszuspielen? Später geht die Autorin selbst ebenfalls auf das koloniale Feld ein (Teil I, Kapitel 2), wenn sie den visuellen Kontext ihres Gegenstandes berücksichtigt: „Ausgehend von den Karten mit ‚Großbritanniendarstellung‘ setzt die Untersuchung zudem andere Fremdbilder in Beziehung zu den Englandstereotypen und untersucht die verflochtenen Bedeutungen für kollektive Identitätskonstruktionen im Kaiserreich. Koloniale, soziale, politische, (sozio-)ökonomische, antisemitische, geschlechts-, sowie auf andere Nationen bezogene text-bildliche Konstruktionen von ‚Andersartigkeit‘ begleiteten, kontrastierten und beeinflussten die Englanddarstellung und -wahrnehmung.“ (S. 18)

Ein weiteres, größeres Fragezeichen betrifft die Quellenauswahl. Die Quellen sind, anders als der Untertitel suggeriert, nicht Postkarten insgesamt, sondern nahezu ausschließlich „Ulk-“ oder „Witzkarten“, d.h. Postkarten, die Karikaturen und Bildwitze zeigen. Der Untertitel der Arbeit müsste daher korrekterweise lauten: „Visuelle Stereotype auf Ulk-Postkarten und deutsche Selbstbilder 1899-1918“. Die Autorin untersucht Motive, die sich mit dem „Burenkrieg“ genannten britisch-burischen Krieg in Südafrika (Teil I, Kapitel 1), dem Kolonialkrieg in China und dem Kolonialismus in Afrika (Teil I, Kapitel 2), der als „englisch“ konstruierten Frauenbewegung (Teil II, Kapitel 2) und mit dem Ersten Weltkrieg (Teil III) beschäftigen. Die Gewichtung der Themen ist dabei sehr unterschiedlich: Die Entwicklung antibritischer visueller Stereotype im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg wird auf knapp 130 Seiten ähnlich umfassend wie Postkartenmotive zum „Burenkrieg“ (etwa 120 Seiten) und viel ausführlicher behandelt als etwa Visualisierungen von Geschlechtsbildern (circa 15 Seiten).

Zweifellos sind Karikaturen wichtig für Stereotypenforschung (vgl. S. 36), aber schon Lippmann betonte die besondere Rolle von Fotos für „kollektive Stereotypisierungsprozesse“, wie Jung-Diestelmeier selbst schreibt (S. 33).[2] Doch die Autorin arbeitet nicht – oder kaum – mit fotografisch illustrierten Bildpostkarten oder solchen lithographischen Karten, deren gezeichnete Bilder nach fotografischen Vorlagen gefertigt waren. Fotografisch illustrierte Bildpostkarten werden lediglich sporadisch behandelt, etwa im nur zwei Seiten umfassenden Kapitel 3 des ersten Teils über Foto-Postkarten mit Motiven des Kolonialkrieges in China oder in Teil III, Kapitel 2.3, zu auf Bildpostkarten verbreiteten Fotografien von plastisch modellierten Feindkarikaturen (Abb. 140 A B C) und solchen von Leichen britischer Soldaten (Abb. 141 A B und 142) bzw. von britischen Gefangenen (Abb. 144 B und 145 A).

Dabei gibt es Tausende Foto- und andere Bildpostkarten zum Beispiel von London, Dover oder Hull, von englischen Parks und Gärten, von Queen Victoria oder von britischen Soldaten, deren Bedeutung für die Vorstellung von „England“ (das die Autorin, den Quellen folgend, synonym mit Großbritannien verwendet) integral war – und somit auch für die Produktion von Stereotypen. In welcher Beziehung, in welchem Spannungsverhältnis standen diese Bilder zu den von der Autorin untersuchten Karten? Und welche Rolle spielten sie für Stereotypisierungsprozesse?

Da die Arbeit „nach dem Beitrag visuell kommunizierter (England-)Stereotype und bildlicher Stereotypisierungsprozesse für kollektive ‚Wir‘-Gruppenkonzeptionen im Kontext und als Teil des zum Massenphänomen avancierenden, sich ethnisch aufladenden deutschen Nationalismus“ fragt (S. 14), kann nicht einfach ein großer, ja sogar der überwiegende Teil visueller Massenmedien ausgeklammert werden. Illustrierte Zeitschriften (die um 1900 weder neu noch besonders teuer waren, wie auf S. 17 behauptet wird) oder illustrierte Reiseberichte und selbst ein Großteil des untersuchten Mediums der Bildpostkarte werden nicht berücksichtigt. So ist die Aussagekraft der Untersuchungsergebnisse vermutlich begrenzt. Welche Bedeutung etwa mögen Bildpostkarten mit Motiven aus nordenglischen Industrieregionen oder von der Weltstadt London im bildlichen Stereotypisierungsprozess für die kollektive „Wir“-Gruppenkonzeption beispielsweise im Kontext des an der Verbundenheit mit der eigenen „Scholle“ orientierten deutschen Nationalismus gehabt haben?

Das größte Fragezeichen hinterlassen beim Rezensenten aber die Abbildungen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welche Schwierigkeiten die Publikation einer Qualifikationsschrift, zumal einer auf Deutsch verfassten, birgt. Der Verlag soll möglichst renommiert sein, zugleich möchte sich der wissenschaftliche Nachwuchs für die Finanzierung des Druckkostenzuschusses nicht in den Ruin stürzen. Zur Begleichung der Kosten, die bei vielen Verlagen schon ohne Lektorat anfallen, reichen so mancher Preis und so manche Förderung lange nicht aus. Werden in der Arbeit dann auch noch visuelle Medien untersucht, die abgebildet werden sollen, verschärft das die Problematik ungemein; zum Teil handelt es sich dann um fünfstellige Beträge. Dies sei vorweggeschickt, um zu verdeutlichen, dass der Spielraum bei der Entscheidung, wie mit Abbildungen – mit farbigen zumal – umgegangen werden soll, unter Umständen nicht besonders groß ist. Grundsätzlich ziehe ich es persönlich vor, Abbildungen der Bildmedien in unmittelbarer Nähe zu der Stelle, in der sie im Text behandelt werden, zu zeigen. Doch finde ich die pragmatische (und Druckkosten senkende?) Lösung, einen Text- sowie einen Bildband zu veröffentlichen, wegen des Hantierens mit zwei Bänden zwar etwas umständlich, aber akzeptabel. Wenn jedoch die Abbildungen im Bildband so klein sind wie im hier besprochenen Werk, dann macht das keinen Sinn. Leser*innen, das betont auch die Autorin (S. 46), müssen sehen können, worum es geht – ohne Lupe.

Die Argumentation der Autorin überzeugt (mich) nicht: „Beim Abdruck von Bildern im Kontext der Stereotypenforschung besteht die Gefahr, die von ihnen her- und dargestellten Ordnungsvorstellungen, Differenzkonstruktionen und Zuschreibungen zu reproduzieren. […] Aus dem Dilemma einerseits die Argumentation nachvollziehbar gestalten sowie einen Zugang zu den digitalisierten Quellen eröffnen zu wollen, andererseits die Gefahr zu minimieren die Stereotype zu reproduzieren, erwuchs die Entscheidung für einen Bildteil mit relativ kleinen Abbildungen […]. Diese Form einer eher dokumentierenden Bildpräsentation ist nicht in gleicher Weise reproduktiv, subtil wirkmächtig und ästhetisierend wie ein klassischer Bildband.“ (S. 46-47)

Die gründlich recherchierte und kritisch abwägende Arbeit von Maren Jung-Diestelmeier hätte aber die Stereotype und Ästhetik der Postkarten auch dann nicht einfach reproduziert, wenn die Motive so leser*innenfreundlich abgebildet worden wären, dass auch im Detail zu erkennen gewesen wäre, was sie zeigen.

 

[1] Vgl. William J.T. Mitchell, Iconology: Image, Text, Ideology, Chicago 1986. Für einen gelungenen Versuch der Überwindung vgl. Monica Juneja/Barbara Potthast (Hg.), BildGeschichten: Das Verhältnis von Bild und Text in Berichten über außereuropäische Welten, in: zeitenblicke 7 (2008), H. 2, http://www.zeitenblicke.de/2008/2/ [Abruf: 17.05.2019].

[2] Zur Bedeutung insbesondere von fotografischen Bildern für kollektive Vorstellungen fremder Weltgegenden siehe auch meine eigene Forschung: Hinnerk Onken, Ambivalente Bilder. Fotografien und Bildpostkarten aus Südamerika im Deutschen Reich (1880-1930), Bielefeld 2019; ders., Indigene und Eisenbahnen, Ruinen und Metropolen. Fotos und Bildpostkarten aus Südamerika im Deutschen Reich, ca. 1880-1930, in: Visual History, 07.12.2015, https://www.visual-history.de/2015/12/07/indigene-und-eisenbahnen-ruinen-und-metropolen/, DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.5.1217.

 

Maren Jung-Diestelmeier: „Das verkehrte England“. Visuelle Stereotype auf Postkarten und deutsche Selbstbilder 1899-1918
Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart (hg. vom Zentrum für Antisemitismusforschung); Bd. 1
2 Bde., 550 S., 161 farb. Abb., brosch., Beilage, 15,5 x 23ISBN: 978-3-8353-3091-7, Wallstein Verlag Göttingen 2017 € 49,90 (D)

 

Zitation
Hinnerk Onken, Rezension: M. Jung-Diestelmeier, „Das verkehrte England“. Visuelle Stereotype auf Postkarten und deutsche Selbstbilder 1899-1918, in: Visual History, 03.06.2019, https://www.visual-history.de/2019/06/03/rezension-jung-diestelmeier-das-verkehrte-england/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1372
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