Das Virtuelle Migrationsmuseum des DOMiD

Screenshot der Startseite: Virtuelles Migrationsmuseum DOMiD https://virtuelles-migrationsmuseum.org/ ©

Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) ist ein Kölner Verein, der sich die Dokumentation der Migration nach Deutschland zur Aufgabe gemacht hat. 1990 als „Archiv von unten“ von aus der Türkei stammenden Migranten unter dem Kürzel DOMiT (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei e.V.) gegründet, widmete es sich zunächst ausschließlich der Migrationsgeschichte aus der Türkei. 2007 erfolgte die Fusion mit dem Verein Migrationsmuseum in Deutschland und die thematische Weitung hin zur Geschichte der Einwanderung nach Deutschland in allen Facetten.

Das langfristige Ziel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist die Errichtung eines zentralen Migrationsmuseums in Deutschland. Als ein wichtiger Schritt auf diesem langwierigen Weg ist im Sommer 2018 das Virtuelle Migrationsmuseum (ViMu) entstanden. In diesem frei downloadbaren Programm bewegen sich die Nutzenden in einer digitalen fiktiven Stadt der Migrationsgesellschaft. So lassen sich etwa in einer Bahnhofshalle, in einer Fabrik und einer Einkaufsstraße, einem Amt, aber auch in einer Schule, einem Kulturzentrum und in Wohnungen unterschiedliche Aspekte von Arbeitsleben, Kultur und Bildungswesen in der deutschen Migrationsgeschichte explorativ erkunden.

Still der ViMu-Orientierungskarte ©

Das ViMu verfügt dabei über drei zeitliche Ebenen, die unterschiedliche Migrationsbewegungen von 1945-1973, 1973-1989 sowie 1989-2018 erzählen. Das Projekt zeigt Migration als den historischen Normalfall in Deutschland. Die Migrationsgeschichte der Bundesrepublik steht dabei deutlich mehr im Zentrum als die der DDR.

Das ViMu ist aufwendig gestaltet und mit umfangreichem Material bestückt. Neben deskriptiven Texten, die historische Rahmeninformationen liefern, stellt das ViMu die Bandbreite der historischen Sammlung des DOMiD dar: In die virtuellen Orte eingebaut sind Dokumente, Fotografien, dreidimensionale Abbildungen von Exponaten, aber auch Video- und Audiosequenzen, die oftmals persönliche Geschichten erzählen. So etwa auch die Geschichte einer vietnamesischen Näherin, die als „Vertragsarbeiterin“ in der DDR arbeitete. Ihr rotes Nähgarn ist Teil des Ausstellungsbereichs „Fabrikhalle“:

Still des Objekts „Rotes Nähgarn aus dem Kleiderwerk in Oschersleben“ in ViMu-Fabrikhalle 1973-1989 ©

Zu den Objekten sind gar die Archivsignaturen des DOMiD hinterlegt. Doch auch auf gestalterische Details legt das Programm Wert: Die Werbeflächen der Einkaufsstraßen preisen etwa den Zeitebenen entsprechende zeitgenössische Waren an.

Das anspruchsvoll kuratierte ViMu hat jedoch praktische Nachteile: Die Downloaddatei selbst hat eine Größe von mehr als ein Gigabyte; die Ausführung des Programms erfordert daher angemessene Endgeräte. Seit einiger Zeit ist der Download des Programms auch für Smartphones möglich; eine Virtual-Reality-Funktion ist ebenfalls verfügbar.

Folgt man den Erkundungsmöglichkeiten, bietet sich den Nutzenden eine beeindruckende Vielfalt von Zeitzeugnissen und Egodokumenten, ausgewählt aus der mehr als 150.000 Zeugnisse umfassenden Sammlung, die bisher vor allem den Besucherinnen und Besuchern des DOMiD-Sitzes in Köln-Ehrenfeld vorbehalten war. Der Umfang des Programms liegt auch in der Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung begründet, das für das ViMu 80 Objekte aufwendig als dreidimensionale Exponate eingelesen hat. So ist das oben gezeigte Nähgarn per Mausklick dreh- und wendbar und avanciert zum simuliert dreidimensionalen Exponat am Bildschirm.

Besonders persönliche Eindrücke gewährt der virtuelle Besuch eines „Wohnzimmers“. Hier werden etwa Objekte der sogenannten Kofferkinder dargestellt: Kinder der „Gastarbeiter“, die oft über lange Zeiträume von ihren Eltern getrennt im Heimatland verblieben. Die Familien griffen zur Überbrückung der Distanzen im vordigitalen Zeitalter auf unterschiedliche Kommunikationsformen zurück. Das ViMu stellt hier beispielsweise von „Kofferkindern“ in der Türkei angefertigte Zeichnungen aus:

Still des Objektbereichs „Kofferkinder“ im ViMu-Wohnzimmer 1973-1989 ©

Das DOMiD leistet hier einen wichtigen Impuls für die visuelle Erinnerung an die (Arbeits-)Migration und deren Alltag. Gerade die visuellen Darstellungen fußten bisher häufig auf staatlichen bzw. staatstragenden Fotografien, etwa beim öffentlichkeitswirksam inszenierten Empfang vom millionsten „Gastarbeiter“ am Bahngleis in Köln. Persönliche Eindrücke und Erinnerungen aus einem alltagsgeschichtlichen, hier gar kindlichen Blickwinkel, wie sie in den Zeichnungen der „Kofferkinder“ zu sehen sind, bilden eine selten überlieferte und deshalb umso wichtigere Gegenperspektive.

Emotionale Eindrücke erhalten die Nutzenden dann auch bei der weitergehenden Betrachtung über das Medium Kassette: Darüber aufgenommene Botschaften und Lieder von den Kindern in der Türkei an ihre Eltern in der Bundesrepublik lassen sich abspielen.

Durch den städtischen Zugriff bieten sich den Nutzenden viele Entdeckungsmöglichkeiten. Die lebensweltlichen Aspekte der Einwanderungsgesellschaft werden an den Orten ihres Geschehens behandelt: in der fiktiven digitalen Stadt. Da das ViMu die Migration in ihrer Breite abbilden möchte, entstehen aber mitunter kompositorische Ungereimtheiten, so etwa die Verortung der vietnamesischen „Boat People“ in der „Bahnhofshalle“, die doch vor allem mit den zwischen 1955 und 1973 ankommenden „Gastarbeitern“ konnotiert ist.

Das anspruchsvolle Projekt des Virtuellen Migrationsmuseums ermöglicht spannende Einblicke in die vielseitige migrationshistorische Sammlung des DOMiD. Für die nahe Zukunft bleibt dem Verein zu wünschen, dass es nach dem Visuellen Migrationsmuseum auch die Vision eines realen Museums umsetzen und so weiter zum Verständnis der Einwanderungsgesellschaft beitragen wird.

 

 

 

Zitation


Stefan Zeppenfeld, Das Virtuelle Migrationsmuseum des Domid, in: Visual History, 08.07.2019, https://www.visual-history.de/2019/07/08/das-virtuelle-migrationsmuseum-domid/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1388
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