Rezension: „Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine”

Der erste Band der 2015 von Costanza D’Elia gegründeten Zeitschrift „Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine” wird mit einem Zitat aus „L’orologio“ („Die Uhr“) eingeleitet, einer der bedeutendsten politischen Romane der italienischen Nachkriegszeit, den der Schriftsteller und Maler Carlo Levi 1950 veröffentlichte. Die Auswahl der Zeilen erfolgte nicht zufällig: Ein Mensch, verzweifelt ob der „Unfähigkeit zu leben“,[1] stößt „in immer neue Wissensgebiete vor, auf der ständigen Suche nach etwas, das ihm hoffnungslos verborgen bleiben würde“.[2]

 

Cover: Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine

Neu ist auch das Terrain, das diese junge italienische Zeitschrift sondieren möchte, nämlich – wie schon ihr Titel verrät – das der visual history. Und ähnlich wie der Romanfigur bleibt es dem Historiker, der Historikerin letztendlich verborgen, Geschichte eindeutig und definitiv zu beschreiben. Selbst dann, wenn er sich bei seinen Überlegungen nicht nur auf „traditionelle“ Quellen, sondern auch auf Bilder stützt. Folglich stellen Bilder ebenso wenig wie Schriftquellen ein exaktes Abbild der Realität dar, sondern verlangen nach einer Dechiffrierung und Interpretation.[3] Oder besser gesagt: Bilder sind wesentlich mehr als nur schlichte Quellen oder Bedeutungsträger. Ihnen wohnt eine generative Macht inne, die es ihnen erlaubt, eine eigene Realität zu kreieren; Horst Bredekamp spricht in diesem Zusammenhang vom Bildakt.[4]

Die in „Visual History“ publizierten Analysen beschäftigen sich insbesondere mit der Vielschichtigkeit und Polysemantik von Bildern, ihrer Geschichte und Rezeption, ihrer Rolle in der Gesellschaft und ihren Interpretationen. Darüber hinaus ist es das erklärte Ziel, „einen kritischen Blick auf das Bild als soziales Konstrukt und Mittel der kulturellen Bildung zu richten und sich dabei auch außerhalb der traditionellen Grenzen der einzelnen Disziplinen zu bewegen“.[5] Methodenpluralität, Transdisziplinarität, die Vielzahl der Themen und die Vielfalt der (sinnvollerweise nicht nur visuellen) Quellen der einzelnen Beiträge sind in der Tat die großen Stärken von „Visual History“. Dieses breit angelegte Panorama erklärt sich sicherlich auch durch den international besetzten wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift, der sich nicht nur aus Historiker*innen, sondern auch aus Kunsthistoriker*innen, Philosoph*innen, Literatur- und Politikwissenschaftler*innen sowie Anthropolog*innen und Soziolog*innen zusammensetzt.

Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine

Wenngleich der zeitliche Rahmen der Aufsätze – vom antiken Griechenland bis in unsere Zeit – weit gespannt ist und unterschiedlichste Gattungen – wie Gemälde, digitale Bilder, Mode und Kino – behandelt werden, kristallisieren sich schon jetzt einige Kernthemen der Zeitschrift heraus, die innerhalb der Disziplin der visual history ebenfalls einen wichtigen Untersuchungsgegenstand darstellen. An allererster Stelle sei auf die politische Bedeutung von Bildern, genauer von Kunstwerken, verwiesen, und zwar nicht nur von zeitgenössischen, sondern auch von historischen. Hiervon zeugen beispielsweise die Beiträge zum Sieneser Trecento (insbesondere zu den Fresken von Ambrogio Lorenzetti im Palazzo Pubblico), zur Regentschaft Johannas I. von Anjou, Königin von Neapel, oder zur Rolle des Staatsporträts zur Zeit Mohammeds II.

Analysiert wird auch die Art und Weise, wie Bilder gezielt dazu verwendet werden können, um Mythen ausgewählter historischer Persönlichkeiten, wie etwa Masaniello, oder historischer Epochen, wie jene des Risorgimento durch die Faschisten, zu kreieren. Auch andere Aufsätze setzen sich mit dem Risorgimento auseinander: Am Beispiel der Gemälde von Francesco Hayez wird zum einen deren politische Ikonografie in Bezug auf die Gründung der jungen italienischen Nation analysiert und zum anderen deren Missbrauch durch den Faschismus.

Es ist gemeinhin bekannt, dass Bilder in totalitären Systemen instrumentalisiert werden, um eine allgemeine Akzeptanz eines Regimes zu konstruieren, und sie zur Verbreitung von Rassenideologien genutzt werden (vgl. hierzu die Beiträge zu Filippo Tommaso Marinetti oder zur Mutation der afrikanischen Frau durch die faschistische Bildsprache). Bilder können auch zu tatsächlichen Waffen transformiert werden, wie unter anderem ihr Gebrauch während des Ersten Weltkriegs zeigt, als die beschwörende Kraft (teils bearbeiteter) Fotografien zur Verbreitung von Nachrichten und zur Meinungsbildung ge- und benutzt wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift ist die Ekphrasis bzw. – allgemeiner – die Beziehung zwischen Text und Bild, angefangen bei Luciano di Samosata bis hin zu Carlo Levi (letzterer bediente sich bei seinen Beschreibungen sowohl des Malpinsels als auch der Schreibfeder). Darüber hinaus behandelt die Zeitschrift die Rolle der Bilder im Geschichtsunterricht.

Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine

Besonders viel Raum ist der Figur Aby Warburg gewidmet, auf dessen Bedeutung für die Bildwissenschaft hier nicht weiter eingegangen werden muss. Seine Art der Auseinandersetzung mit Bildern stellt nicht nur eine wichtige Quelle der Inspiration für zahlreiche Aufsätze dar, sondern auf seine Methodik wird jeweils im Vorwort des ersten und dritten Bandes der Zeitschrift explizit verwiesen.

„Visual History“ präsentiert sich in einem eleganten quadratischen Format und ist in zwei Sektionen gegliedert: Die erste, Immagine in gioco, vereint jeweils sechs bis sieben Beiträge, vorwiegend in italienischer Sprache; einzelne Beiträge erscheinen aber auch auf Englisch oder Französisch. Sie sind das Ergebnis gut strukturierter und in der Regel gründlicher Recherchen. Die zweite Sektion, Esperienza vivente, beinhaltet jeweils zwei kürzere Beiträge, die im Gegensatz zu den übrigen Aufsätzen etwas freier konzipiert sind. Hier ist zum Beispiel ein Interview mit dem Fotografen Antonio Biasiucci abgedruckt, oder es werden neue Open-Access-Medien für die Digital Humanities vorgestellt.

Einziger Wermutstropfen sind die Abbildungen: In der Print-Version sind diese lediglich in schwarz-weiß und in vielen Fällen kleinformatig reproduziert. Bei einer Zeitschrift, die sich mit der Wirkkraft der Bilder auseinandersetzt, wäre es jedoch wünschenswert, alle Abbildungen in angemessener Größe und in Farbe zu zeigen. Immerhin ist dies in der Online-Version der Fall, deren Beiträge man im Übrigen auch einzeln erwerben kann.

Wenngleich gerade einmal vier Jahrgänge erschienen sind, lässt sich jedoch schon jetzt sagen, dass die Zeitschrift „Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine” ein neues und wichtiges Rechercheinstrument der visual history darstellt. Somit entspricht sie voll und ganz dem Wunsch ihrer Begründerin, ein „offener Raum, eine Gelegenheit für Verknüpfungen und Schnittmengen“ sein zu wollen.[6]

 

Visual History. Rivista Internazionale Di Storia E Critica Dell’Immagine
Fabrizio Serra editore, Pisa/Roma

 

[1] Zitiert nach Carlo Levi, Die Uhr. Roman, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin 2005, S. 64.

[2] Ders., S. 65.

[3] Gerhard Paul, Visual History, Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 13.3.2014, http://docupedia.de/zg/paul_visual_history_v3_de_2014.

[4] Horst Bredekamp, Schlussvortrag: BILD – AKT – GESCHICHTE, in: Geschichtsbilder. 46. Deutscher Historikertag vom 19.-22. September 2006 in Konstanz. Berichtsband, Konstanz 2007, S. 289-309; ders., Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007, Berlin 2010.

[5] Costanza D’Elia, Editoriale, in: Visual History 4 (2018), S. 10: „ […] attivare uno sguardo critico sull’immagine, come costruzione sociale e formazione culturale, orientandosi oltre i tradizionali steccati disciplinari.” Die Zeitschrift erscheint bei Fabrizio Serra editore, Pisa/Roma.

[6] Ebd., S. 11: „[…] uno spazio aperto, un’occasione di connessioni e intersezioni”.

 

 

Zitation


Alessandro Brodini, Rezension: „Visual History. Rivista internazionale di storia e critica dell’immagine”, in: Visual History, 27.11.2019, https://www.visual-history.de/2019/11/27/rezension-visual-history-rivista-internazionale-di-storia-e-critica-dellimmagine/
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1710
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