CfP: Politische Ikonologie. Geschichte und Zukunft der Bildkritik

26.-28. November 2020, Internationale Tagung: Bewerbungsschluss 29. Februar 2020

 

1970, vor 50 Jahren, löste die von Martin Warnke (gest. 2019) organisierte und geleitete Sektion „Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“ auf dem 12. Deutschen Kunsthistorikertag in Köln heftige Diskussionen über die Geschichte und die Zukunft der Kunstgeschichte aus. Die Sektion provozierte durch die wissenschaftsgeschichtliche Aufdeckung der Nähe deutscher Kunsthistoriker zum Nationalsozialismus.

Zudem versammelte Warnke Stimmen der soziologischen und ideologiekritischen Kunst- und Bildforschung, die sich bereits auf dem 11. Kunsthistorikertag 1968 zu Wort gemeldet hatten. Warnkes einschlägiges Referat über kunsthistorische Populärliteratur war sogar ursprünglich dem „fachfremden“ Soziologen und Vertreter der Frankfurter Schule Heinz Maus zugedacht. Mit der politischen Kunst- und Bildforschung als politischer Ikonographie verbinden sich Interdisziplinarität, kritische kulturwissenschaftliche Fragestellungen und die wissenschaftsgeschichtliche Selbsterforschung. Diese Elemente sind seit Köln Faktoren der modernen Kunstgeschichte.

Der 50. Jahrestag der Kölner Sektion gibt 1.) Anlass zum Rückblick auf dieses spektakuläre Ereignis und dessen Kontext. Mit der Gründung des Ulmer Vereins 1968 und der Berufung Martin Warnkes an das Kunsthistorische Institut der Philipps-Universität Marburg 1971 beginnt die Institutionalisierung dieser neuen, mit der modernen Soziologie und Sozialtheorie im Austausch stehenden Kunstgeschichte an Universitäten und Museen in der Bundesrepublik.

Deren Geschichte wird von der politischen Kunstgeschichte mitgestaltet, umgekehrt sind deren Wandlungen und verschiedene Ausrichtungen an Standorten wie Hamburg, Frankfurt am Main und Marburg Reaktionen auf politische und soziokulturelle Transformationen. Die Geschichte der politischen Kunst- und Bildforschung in der Bundesrepublik ist eine Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte, zugleich aber auch eine Kultur- und Ideengeschichte der Bundesrepublik.

Politische Kunst- und Bildforschung ist als konfliktbezogenes symbolisches Denken immer auch von Erweiterungen des Gegenstandesbereichs der Kunstgeschichte geprägt. So war die Kritik an einer nur immanenten, das Kunstwerk lediglich aus sich selbst heraus deutenden und sich dabei auf die anerkannte kanonisierte „Hochkunst“ beschränkenden Kunstgeschichte integrales Moment der um 1970 erhobenen Forderungen nach einer kultur- und sozialgeschichtlichen kontextbezogenen Kunstwissenschaft.

Politische Kontextualisierung scheinbar apolitischer Hochkunst korrelierte dabei mit der Aufwertung ehemals pauschal als Massenkultur verworfener und unbeachteter Bildformen wie Karikaturen, Werbung oder Graffiti zu Gegenständen kunsthistorischer Forschung. Vor diesem Hintergrund konnten die Begriffe „Kunst“, „Bild“ und „Medium“ als Synonyme gedacht werden. So bewies die „Warnke-Sektion“ in Köln, dass mit Blick auf politisch und soziokulturell wirksame Energien von Bildern der „Bamberger Reiter“ als mittelalterliche Skulptur und Geldscheine oder Schokoladenverpackungen mit diesem Motiv im 20. Jahrhundert gleichermaßen wichtig zu nehmen sind.

Mit der politischen Ikonographie steht die Kunstsoziologie im Zusammenhang und auch die Entstehung der Medienwissenschaft als wissenschaftlicher Disziplin in der Bundesrepublik ab Anfang der 1970er Jahre. Was in den 1990er Jahren mit dem „iconic turn“ als „Rahmenerweiterung“ der Kunstgeschichte gefordert wurde, setzte die Impulse der Sektion „Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“ fort. Die Geschichte der politischen Kunst- und Bildforschung in der Bundesrepublik berührt auch 2.) die Ideengeschichte der Bildwissenschaft.

Neben der Historiographie des Fachs Kunstgeschichte lässt die Kölner Sektion von 1970 auch 3.) nach den aktuellen Herausforderungen der politischen Ikonographie fragen; dazu gehört vor allem die politische Erforschung digitaler Bilder. Digitalisierung bedeutet für die Ikonographie neue Perspektiven der Speicherung und des Vergleichens von Bildern mittels Datenbanken sowie die Herausforderung durch die Besonderheiten digitaler Bildwelten und durch politische Bilderkämpfe im Netz, etwa durch Memes.

Als fortgesetzter „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – diese Analyse von Jürgen Habermas wurde seit ihrer Veröffentlichung 1962 zu einem wiederkehrenden Bezugspunkt Martin Warnkes – sind die Formen und Transformationen visueller Kommunikation durch die Digitalisierung auch eine Erinnerung an den mediengeschichtlichen Aspekt der politischen Ikonographie. Deren Leistung bestand – etwa durch Warnkes Forschungen über „Luthers Image“ – in der Rückspiegelung moderner medienwissenschaftlicher Erkenntnisse auf frühere Epochen der Kunstgeschichte und umgekehrt in der Aktivierung des Wissens der Kunstgeschichte zur Erhellung von Konflikten der Gegenwart.

Im Gedenken an Martin Warnke und Klaus Herding soll die Konferenz auch die infrastrukturellen und organisatorischen Fragen der archivalischen Erforschung kunsthistorischer Lebenswerke ins Auge fassen. Kunsthistorikernachlässe sind insofern komplexe archivalische Gegenstände, als sie neben Manuskripten und Publikationen immer auch sehr divergente persönliche Bildsammlungen umfassen. Als Reproduktionen in Kunst-Büchern, als Ausschnitte aus Zeitungen, als Postkarten, Poster oder Schallplatten-Covers, als Autorenfotografien, als Dias oder auch als digitaler Datensatz verkörpern Bilder in Nachlässen von Kunsthistorikern deren Arbeitsweise und Interessenschwerpunkte.

Für die Rekonstruktion, Kontextualisierung und Kontinuität der Argumente und Ideen eines Wissenschaftlers ist die Aufarbeitung dieser „instrumentellen“ Bilder zentral. Digitale Archivierungen ermöglichen die adäquate Darstellung und Sicherung dieser Bildarbeit. Die Konferenz diskutiert daher auch 4.) aktuelle Projekte und Perspektiven der kunsthistorischen Digital Humanities.

 

Organisiert wird die Tagung durch die Forschungskooperation „Kritikgeschichte“ des Politikwissenschaftlichen Instituts der Philipps-Universität Marburg/Portal Ideengeschichte und dem Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main. Das Kooperationsprojekt widmet sich seit 2018 den Transfers und den Transformationen politischer Wissenschaft in der Bundesrepublik. – Die Tagung wird großzügig gefördert durch die Schleicher-Stiftung Baden-Baden. Geplant ist die Veröffentlichung eines Tagungsbands.

 

Zu den genannten Schwerpunkten „Historiographie(n) der Politischen Ikonographie“, „Politische Bildwissenschaft?“, „Politische Ikonologie der Gegenwart“ sowie „Digital Humanities und politische Ikonologie“ nehmen wir Abstracts (ca. 1000 Zeichen) bis zum 29. Februar 2020 unter ideenportal@uni-marburg.de entgegen.

 

Kontakt
Dr. Jörg Probst
Philipps-Universität Marburg, Portal Ideengeschichte / Institut für Politikwissenschaft
phone: 06421-28-24364
mail: ideenportal@uni-marburg.de
https://twitter.com/ideenportal

 

Die Ankündigung auf H-Soz-Kult

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