Friedfertige „Anti-Helden“?

Visuelle Darstellungen von Pazifismus und Linksradikalismus in der finnischen Medienlandschaft der 1950er bis 1980er Jahre

Das Teilprojekt „Friedfertige ‚Anti-Helden‘?“ gehört zum Projekt „Changing Threat Perceptions and Mechanisms of Surveillance in Finland from the 19th Century to the Present“, das von der finnischen Stiftung Koneen Säätiö finanziert wird. In dem Projekt werden die verschiedenen inneren Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Konflikte in Finnland vom 19. Jahrhundert bis zu den 1990er Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert. Dazu zählen unter anderem linksextreme Bewegungen, Einwanderung sowie auch der Umgang mit Vertreter*innen des Pazifismus.

In meinem Teilprojekt werde ich der Frage nachgehen, wie die Idee des Pazifismus sowie der damit eng verbundene Linksradikalismus in finnischen Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen sowie verschiedenen Wahl- und anderen Plakaten, kurz: in finnischen Medien während des Kalten Krieges visuell dargestellt wurden. In Finnland hat der Wehrdienst traditionell einen hohen Stellenwert, wodurch der Pazifismus eher negativ wahrgenommen wird. Pazifistische Vorstellungen wurden jedoch nicht nur „belächelt“, sondern auch scharf kritisiert und teilweise als Feindbild verstanden, da die Wehrpflicht und die Armee von vielen als Garant für das eigenständige Bestehen Finnlands gesehen wurden. Ähnlich kritisch stand man dem Linksradikalismus gegenüber: Die Radikalen galten einerseits als belächelte Träumer, die Luftschlösser bauen wollten, andererseits als treue Gefolgsleute Moskaus, die, sollten sie je an die Macht kommen, die Souveränität Finnlands zerstören würden.

Diese Negativvorstellungen gingen also deutlich über eine „normale“ politische Gegnerschaft hinaus. Eine öffentliche Kritik des Pazifismus oder Linksradikalismus war jedoch während des Kalten Krieges nur bedingt möglich. Finnland hatte zu dieser Zeit enge Beziehungen zur Sowjetunion, was seitens der Kritiker als „Finnlandisierung“ bezeichnet worden ist. Gewisse Themen wurden aus Rücksicht auf die Sowjetunion in der Tagespresse nicht behandelt, wie zum Beispiel die Frage der Meinungsfreiheit. Auch Kritik am Pazifismus und Linksradikalismus waren solche Themen, die recht schnell das Etikett „antisowjetisch“ erhalten konnten.

Karikatur von Kari Suomalainen: Ein Bockkäfer, der den Namen Felix Iversen (von 1926 bis 1968 Präsident des Finnischen Friedensbundes) trägt und von einem Piraten an der Leine geführt wird, der symbolisch für die Kommunisten steht, nagt am Fahnenmast der finnischen Staatsflagge als Symbol der Landesverteidigung. Die anderen politischen Parteien sehen besorgt zu. Die Karikatur erschien am 15. Februar 1953 in der auflagenstärksten Zeitung Finnlands „Helsingin Sanomat“, nachdem der Finnische Friedensbund sich gegen die Reservistenübungen der finnischen Armee ausgesprochen hatte. Kari Suomalainen Nachlass ©

Da eine offene Kritik nicht möglich war, wurden bildliche Mittel eingesetzt, um die gewünschte Botschaft zu vermitteln. Karikaturen etwa genossen in Finnland traditionell eine gewisse Narrenfreiheit und konnten sich dadurch mit Themen beschäftigen, die sonst nicht öffentlich verhandelt wurden. Humor war dabei eine der schärfsten Waffen der Kritiker: Die Pazifisten wurden zum Teil als lächerliche „Anti-Helden“ dargestellt. Der Einsatz visueller Mittel war auch deswegen so verbreitet, weil ab den 1960er Jahren die visuellen Medien mit dem Fernsehen verstärkt Einzug in das Alltagsleben der Finnen hielten.

In meinem Projekt analysiere ich die visuellen Mittel zur Schaffung eines Feindbildes „Pazifismus“ sowie des damit eng verbundenen Feindbildes „Linksradikalismus“. Darüber hinaus gehe ich der Frage nach, inwiefern sich der Einsatz der Mittel im Laufe der Zeit veränderte. Außerdem untersuche ich, inwieweit diese Feindbilder in anderen westlichen Ländern wie z.B. in der Bundesrepublik mit ähnlichen visuellen Mitteln konstruiert wurden, da die meisten westlichen Länder zu dieser Zeit ähnliche Feindbilder hatten. Somit frage ich in meinem Projekt auch danach, ob es so etwas wie eine europäische Ikonografie des Antikommunismus gegeben hat.

Als Material werden zahlreiche Karikaturen der finnischen überregionalen Presse, Pressefotos, archivierte Fernsehsendungen sowie Wahlplakate herangezogen. Als Methode wird eine seriell-ikonografische Analyse gewählt. Durch den relativ langen Zeitraum, der hier abgedeckt werden soll, wird eine große Menge an Primärmaterial entstehen. Daher ist mein Projekt gleichzeitig auch ein Beitrag zur methodischen Analyse von großen visuellen Quellenkorpora sowie auch grundsätzlich zur Methodik der Visual History. Während die meisten bisherigen Untersuchungen oft nur mit einem einzigen Bildtyp gearbeitet haben, zeige ich in dem Projekt, welche Erkenntnisse durch den Vergleich verschiedener Bild- und Medientypen gewonnen werden können.

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