Hydroelektrische Projektionen

Imaginationen der Wasserkraft im Industriefilm

 

Fließendes Wasser – Rohstoff sowohl für die Energieproduktion als auch für die Pflege der öffentlichen Meinung. Standbilder aus STRÖMKARL (S 1956), R: Hasse Skogsberg & Ivan Christoferson, P: Charlie Cederholm für Europa Film, B: Carl Olov Mellander, K: Ingvar Borild. Quelle: Vattenfall-Archiv im Centrum för Näringslivshistoria, Bromma ©

Die Wasserkraft ist umstritten. Aktuelle Proteste, wie die Dam Removal-Bewegung in den USA[1] oder die Save The Blue Heart of Europe-Kampagne in mehreren Balkanstaaten,[2] zeigen das Konfliktpotential von geplanten wie von bereits gebauten Wasserkraftwerken. Die Bauten bedeuten empfindliche Eingriffe in Landschaften und Lebensweisen. Entsprechend haben Konflikte zwischen Wasserkraftunternehmen und ihren Unterstützern auf der einen und betroffenen Anrainern und Natur- und Heimatschützern auf der anderen Seite eine lange Geschichte. Jens-Ivo Engels zählt Auseinandersetzungen um Wasserkraftwerke zu den „klassischen Naturschutzkonflikten“, die sich bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen.[3]

Mein Dissertationsprojekt rückt die 1950er-Jahre in den Mittelpunkt. In diesem Jahrzehnt trafen drei Entwicklungen zusammen: Einerseits boomte der Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken in ganz Europa mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der zunehmenden Verfügbarkeit von Ressourcen nach dem Zweiten Weltkrieg, noch bevor die Energiegewinnung aus Öl und später die Atomenergie den europäischen Elektrizitätsmarkt und die imaginierten Technikzukünfte dominieren sollten. Andererseits kam in diesem Jahrzehnt auch erstmals ein durchsetzungsfähiger Protest gegen den Bau von Wasserkraftwerken auf, der meist vom Naturschutz angeführt wurde. In diesem Spannungsfeld schließlich ließen Wasserkraftunternehmen unzählige Filme produzieren. Sie wurden als Vorprogrammfilme im Kino gezeigt, das in diesem Jahrzehnt die höchsten Besucherzahlen seiner Geschichte erreichte, oder auch abseits der Kinos innerhalb der Unternehmen vor geladenen Gästen, in Verbänden, Schulen oder Wanderkinos.

 

Idealtypische Vorführungssituationen in dem Industrie- und Wirtschaftsfilmratgeber Förberg, Einar: Att sälja med film, Stockholm 1946, S. 23 & 62 ©

Diese Industriefilme bilden das zentrale Quellenkorpus und den Gegenstand meiner Untersuchung. Die Arbeit beruht auf vier Fallstudien aus Skandinavien und dem Alpenraum, den zwei zentralen Wasserkraftregionen Europas. In diesen analysiere, kontextualisiere und vergleiche ich Industriefilme der staatlichen Unternehmen Électricité de France und Vattenfall sowie der kleineren, halbstaatlichen Unternehmen Schluchseewerk AG und Bayerische Wasserkraftwerke AG.

Ich analysiere die Filme als Teil einer umstrittenen visuellen Kultur der Wasserkraft, in der sich einerseits Unternehmen mit Naturschützern um den ästhetischen und moralischen Wert von Landschaften stritten (schließlich war ein Hauptziel von Naturschützern die Bewahrung landschaftlicher Schönheit), in der andererseits auch der Wahrheitsgehalt der Bilder umkämpft war und sich beide Konfliktparteien gegenseitig immer wieder der Propaganda bezichtigten.

Im Anschluss an die aktuelle Industriefilmforschung befragt mein Projekt die Filme als „Gebrauchsfilme“, die Yvonne Zimmermann als „für spezifische Kontexte konzipierte Filme“ definiert hat, „die nur in spezifischen Verwendungszusammenhängen und unter bestimmten Aufführungsbedingungen Bedeutung produzieren“.[4] Als solche Gebrauchsfilme inszenierten sie Landschaftswandel mehr, als sie ihn dokumentierten. Somit werden sie zu hervorragenden Quellen zur Analyse kultureller Imaginationen. Sie erlauben einen Einblick in die zeitgenössische Wahrnehmung einer Periode, die von rasant wachsendem Energieverbrauch und einschneidenden Veränderungen im Mensch-Natur-Verhältnis geprägt war – der sogenannten Großen Beschleunigung.[5]

Diesen Imaginationen geht mein Projekt nach, indem es die Filme auf wiederkehrende Narrative, Metaphern und Allegorien untersucht. Dieses close reading der Filme kombiniere ich mit einer Rekonstruktion ihrer Gebrauchskontexte: der spezifischen Konfliktlagen, für die die Filme produziert wurden, der spezifischen Aufführungssituationen, der PR-Arbeit der jeweiligen Unternehmen und auch der Naturschützer und anderer Wasserkraftgegner, der zeitgenössischen Medienreflexion und auch der Rezeption des Publikums.

Als visuelle Kulturgeschichte der Wasserkraft leistet das Projekt sowohl einen Beitrag zum noch wenig erforschten Feld der Industriefilmgeschichte als auch zu einer in den letzten Jahren an der Schnittstelle von Technik- und Umweltgeschichte entstandenen Literatur zur Geschichte der Wasserkraft und des Wasserbaus.[6] Gleichzeitig stellt es auch einen Beitrag zur Erforschung der technischen Kultur der Moderne dar.[7] In den hydroelektrischen Projektionen zeigt sich, dass weniger der ungebrochene Fortschrittsoptimismus des „High Modernism“[8] die Imaginationen der Wasserkraft in den 1950er-Jahren prägte als vielmehr eine tiefgreifende Ambivalenz.

 

[1] Vgl. den Film DamNation.

[2] Vgl. https://balkanrivers.net/ (14.01.2019).

[3] Jens Ivo Engels, Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980, Paderborn 2006, S. 159.

[4] Yvonne Zimmermann, Dokumentarischer Film. Auftragsfilm und Gebrauchsfilm, in: dies. (Hrsg.), Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896-1964, Zürich 2011, S. 34-83, hier S. 34. Zur Industriefilmforschung. Vgl. darüber hinaus Vinzenz Hediger/Patrick Vonderau (Hrsg.), Films that Work. Industrial Film and the Productivity of Media, Amsterdam 2009; Vinzenz Hediger/Patrick Vonderau (Hrsg.), Filmische Mittel, industrielle Zwecke. Das Werk des Industriefilms (Texte zum Dokumentarfilm 11), Berlin 2007; Manfred Rasch/Karl-Peter Ellerbrock/Renate Köhne-Lindenlaub/Horst A. Wessel (Hrsg.). Industriefilm – Medium und Quelle. Beispiele aus der Eisen- und Stahlindustrie, Essen 1997.

[5] Vgl. John R.McNeill/Peter Engelke, The Great Acceleration. An Environmental History of the Anthropocene since 1945, Cambridge, MA 2014.

[6] Zur Industriefilmgeschichte vgl. Anm. 4. Zur Wasserkraft- und Wasserbaugeschichte vgl. exemplarisch die jüngst in Deutschland erschienenen Dissertationen: Ewald Blocher, Der Wasserbaustaat. Die Transformation des Nils und das moderne Ägypten 1882-1971 (Geschichte der technischen Kultur 1), Paderborn 2016; Arnošt Štanzel, Wasserträume und Wasserräume im Staatssozialismus. Ein umwelthistorischer Vergleich anhand der tschechoslowakischen und rumänischen Wasserwirtschaft 1948-1989, Göttingen 2017; Christian Zumbrägel, „Viele Wenige machen ein Viel“. Eine Technik- und Umweltgeschichte der Kleinwasserkraft (1880-1930) (Geschichte der technischen Kultur 5), Paderborn 2018; Benjamin Brendel, Konvergente Konstruktionen. Eine Globalgeschichte des Staudammbaus, Frankfurt a.M. 2019 (i.E.).

[7] Vgl. Martina Heßler, Kulturgeschichte der Technik (Historische Einführungen 13), Frankfurt a.M. 2012.

[8] Vgl. James C. Scott, Seeing like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition have Failed, New Haven, CT 1998.

 

 

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