Illustrierte Magazine der Weimarer Republik digital

Ein Informations- und Forschungsportal der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Abb. 1: Startseite der Projektwebsite magazine.illustrierte-presse.de via www.illustrierte-presse.de

Die Zeitschriften

In den 1920er Jahren erlebte ein Massenmedium seinen Aufschwung, das bis heute aus der Kiosklandschaft nicht wegzudenken ist: das Magazin als wöchentliches, zweiwöchentliches oder monatliches Periodikum im Buchformat, mit 100 bis 200 gehefteten oder geklebten Seiten und einem meist farbigen Umschlag, das der Unterhaltung und Erbauung seiner LeserInnen dienen sollte und dazu eine populäre Mischung aus gesellschaftlichen und kulturellen Beiträgen mit reichhaltigen Illustrationen anbot. Auffälligstes und charakteristisches Gestaltungselement der Magazine war der massive Einsatz von Fotografie, der durch technische Innovationen wie die Kleinbildkamera und neue Formen der Bildproduktion und -distribution (Fotoreporter, Bildagenturen) möglich wurde. Gleichzeitig gestattete der Fortschritt im Druckwesen – wie die Entwicklung der leistungsfähigen Rotationspresse und des Fotosatzes – eine hohe Auflage, die geringe Stückkosten nach sich zog und so den kostengünstigen Absatz der Magazine beförderte.

Zielgruppe der Magazine war der neue, urbane Mittelstand in Büro- und Dienstleistungsberufen, der hier einen Lesestoff erwarb, der aufgrund seines Formats und seiner Zergliederung in kurze Lektüreeinheiten wie geschaffen schien für den mobilen Lebensstil zwischen Tram, Vorortzug und Wochenendvergnügen in der Großstadt. Wie kein zweites Medium der Zeit spiegeln die Magazine die Alltagskultur der 1920er Jahre, wenngleich natürlich gefiltert durch die Logiken journalistischer Arbeitsroutinen. Durch ihre weite Verbreitung waren Magazine gleichzeitig in der Lage, als Verkörperung eines „iconic turn“ die visuellen Darstellungs- und Wahrnehmungsmuster einer ganzen Generation zu prägen, die dieses mediale Umbruchphänomen begeistert aufnahm. Für ihre breit angelegte Zielgruppe markierten sie, gemeinsam mit dem Stummfilm, den Übergang zu einer visuellen Unterhaltungskultur.[1]

Innerhalb des Titelspektrums repräsentiert der „Uhu“ den Idealtyp der Gattung „Illustriertes Magazin“. Die „Uhu“-Redaktion beschäftigte glänzende Autoren und Fotografen und konnte mit besonders vielen innovativen Einfälle aufwarten, die drucktechnisch hoch professionell und teils mit hohem Aufwand umgesetzt wurden (Abb. 2). Als Chefredaktion des „Uhu“ fungierte zunächst ein Kollektiv unter dem bezeichnenden Pseudonym „Peter Pfeffer“. Später übernahm Friedrich Kroner, der als Adressenschreiber bei Ullstein begonnen hatte, die Leitung. „Der Querschnitt“ kam aus demselben Verlagshaus, war ebenso herausragend gestaltet, mit seinem langjährigen Chefredakteur Hermann von Wedderkop allerdings intellektuell deutlich anspruchsvoller, elitärer und im Verkauf entsprechend teurer als der „Uhu“.[2]

Abb. 2: Geteilte Seiten des Gesichter-Puzzles „500 Frauen nach Ihrer Wahl“ in: Uhu, Jg. 5 1928/29, H. 8, Mai

Das Projekt

Die illustrierten Magazine der Weimarer Republik stellen heute für uns eine ästhetisch erstrangige und inhaltlich so reichhaltige wie facettenreiche Quelle zur Alltags-, Kultur-, Design- und Fotografiegeschichte dar. Dies ist jedoch eine relativ neue Erkenntnis. Entsprechend zählen die illustrierten Publikumszeitschriften in öffentlichen Einrichtungen zu den besonders seltenen Materialien. Wegen ihrer Unterhaltungsorientierung und Zeitgebundenheit wurden sie – aus heutiger Sicht zu Unrecht – von Bibliotheken weithin als nicht sammelwürdig eingestuft und folglich nicht aufbewahrt.

Dieser Befund führte 2012 zu einem gemeinsamen Vorhaben der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Patrick Rössler (Universität Erfurt) mit dem Ziel, eine Auswahl der wichtigsten zeitgenössischen Titel in einem gemeinsamen Digitalisierungsprojekt virtuell zusammenzuführen. Das Digitalisierungs- und Erschließungsprojekt „Deutschsprachige illustrierte Magazine der Klassischen Moderne“ wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Deutschen Nationalbibliothek sowie der Axel Springer AG als Rechtsnachfolgerin der Ullstein-Presse unterstützt. 2013 ging das Informations- und Forschungsportal www.illustrierte-presse.de online (Abb. 1).

Im Rahmen des 2012 begonnenen Projekts konnten zunächst zehn Zeitschriften mit 650 Ausgaben und insgesamt mehr als 65.000 einzeln suchbaren Text- und Bildelementen tief erschlossen zur Verfügung gestellt werden. Neben „Uhu“, „Querschnitt“, „Das Leben“ und der „Revue des Monats“ auch „Das Magazin“, das nach dem Krieg weitergeführt wurde und in veränderter Form bis heute erscheint. Darüber hinaus wurden auch Nischentitel wie das „Kriminalmagazin“, das „Auto-Magazin“ und zwei Ausgaben der sehr seltenen „Tempo“ digitalisiert. Ergänzend finden sich in der Präsentation der digitalen Hefte Kontextmaterialien, wie die sogenannten Ullstein-Berichte, die monatlich über Auflagenhöhen und Neuerscheinungen des Ullstein Verlags Auskunft geben, oder die Querschnitt-Beilage „Auktions-Preise“ mit den erreichten Kaufsummen für Kunstwerke internationaler Kunstauktionen der jeweils vorangegangenen Monate.

 

Wie geht es weiter?

Die digitale Edition findet kontinuierlich ein sehr positives Echo. ForscherInnen berichten uns vereinzelt über bibliografische Neufunde oder von unbekannten Werken bildender Künstler, die sie über die Recherche im Portal gefunden haben. Auch in der universitären Lehre findet die digitale Edition der illustrierten Magazine Anwendung.

Mit dem Ankauf einer größeren Privatsammlung illustrierter Magazine 2016 kamen weitere seltene Titel in die SLUB, die seit einigen Monaten sukzessive bearbeitet und online gestellt werden. Bisher konnten insgesamt 54 Hefte von „Kokain“ (1925), „Das Neue Russland“ (1927-1931, zusätzlich Jg. 1924-1926 mit erst wenigen Abbildungen) sowie erste Hefte der Wochenschrift „Roland“ (1925, 23. Jg.) als Neuzugänge veröffentlicht werden.

Damit stehen aktuell insgesamt 772 Hefte illustrierter Magazine der 1920er bis 1930er Jahre im Internet zur Verfügung. Das sind 80.130 digitalisierte und bis auf Artikel- bzw. Abbildungsebene erschlossene Zeitschriftenseiten. Die digitale Sammlung ist über Bibliothekskataloge, Suchmaschinen und die Deutsche sowie die Europäische Digitale Bibliothek recherchierbar.

 

Erschließung und Recherche

Die Produktion und Präsentation der Digitalisate stützt sich auf die verbreitete, quelloffene Softwaresuite Kitodo. Neben der Digitalisate-Anzeige stellt Kitodo.Presentation in der Werkansicht eine komfortable Baumstruktur zur Verfügung, die durch aussagekräftige Darstellung der einzelnen Textbeiträge und Abbildungen als Vorschau auf die Inhalte der zugehörigen Seite(n) dient und einen intuitiven seitlichen Einstieg in das Material ermöglicht (Abb. 3).

Abb. 3: Werkansicht der Präsentation mit Beitrag von Stefan Lorant zum „Neuen Sehen“ in: Revue des Monats, 1.1926/27, H. 9, Juli, S. 956-959

Für die Text- und Bilderschließung wurden teils gemeinsame, teils spezifische Schlagwortkategorien festgelegt, die ein breites Spektrum möglicher Einstiegspunkte zum Material über den Suchschlitz und Schlagwortwolken gewährleisten, ein überschaubares Maß an Codierungsaufwand jedoch nicht überschreiten durften. Die Verschlagwortung erfolgt mittels eines kontrollierten Vokabulars auf der Basis der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek. Ergänzend wurde 2017 ein Modul zur Texterkennung (OCR) in den Routineprozess und die Präsentation integriert. Der für die Digitalisierung gewählte Ausschnitt aus der populären Presse der Zwischenkriegszeit (magazine.illustrierte-presse.de) verkörpert einen zweifellos interessanten, aber sicher nicht den einzigen möglichen Zugang zu diesem Materialkorpus. Parallel baut die SLUB ein zweites Portal für illustrierte Fachmagazine vor 1945 (design.illustrierte-presse.de) auf. Den Auftakt bildete 2015 die digitale Bereitstellung der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ (1924-1944) – der vor 1945 weltweit einflussreichsten Zeitschrift im Bereich des Werbe- und Reklamedesigns. Im nächsten Schritt wird auch dessen Vorläuferin, die Zeitschrift „Das Plakat“ (1913-1921), online zur Verfügung gestellt.

Sowohl die historischen Publikumsmagazine mit ihren breit gefächerten, verständlich vermittelten Themen zu Kunst, Kultur und Technik als auch die von Fachleuten vorrangig für ihren Berufsstand konzipierten Spezialzeitschriften im Bereich des Industrie- und Kommunikationsdesign stellen wichtige digitale Quellen für die Dresdner Sammelschwerpunkte Kunst, Fotografie und Design dar. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert seit 2014 „arthistoricum.net – Fachinformationsdienst Kunst, Fotografie, Design“ – ein gemeinsames Angebot der SLUB und der UB Heidelberg.

 

[1] Rössler, Patrick, Moderne Illustrierte – illustrierte Moderne. Zeitschriftenkonzepte im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1998

[2] Siehe etwa die ausführlichen Beiträge von Eva Noak-Mosse zum „Uhu“ und Gerhard F. Hering zum „Querschnitt“ in: Hundert Jahre Ullstein, Bd. 2, Berlin 1977, S. 177-257

 

Mehr Informationen zum Projekt

Katja Leiskau/Patrick Rössler/Susann Trabert (Hrsg.), Deutsche illustrierte Presse. Journalismus und visuelle Kultur in der Weimarer Republik, Baden-Baden 2016

Patrick Rössler/Achim Bonte/Katja Leiskau, Digitization of Popular Print Media as a Source for Studies on Visual Communication: Illustrated Magazines of the Weimar Republic, in: Historical Social Research / Historische Sozialforschung (HSR) 37 (2012), H. 4, S. 172-190

 

Sächsische Landesbibliothek ­- Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB)

http://www.illustrierte-presse.de/ oder

http://magazine.illustrierte-presse.de/

 

 

English Abstract

The boom of magazines began in the mid-1920s, and even today, newsstands and kiosks would be inconceivable without them. Published weekly, biweekly or monthly in book-form with 100 to 200 stapled or glued pages and usually a colored cover, the „magazine“ or „review“ served purposes of entertainment and edification, presenting its readers a popular mixture of social and cultural articles with ample illustrations. The dominant design element of this type of periodical is the extensive use of photography, which profited from technical innovations (such as the 35mm camera) and from new forms of image collection and distribution (photo reporters, picture agencies). Moreover, progress in printing technology – such as the development of the high-performance rotary press and phototypesetting – enabled large circulation at a small unit price.

The target group of the magazine was the new, urban middle class working in office and service occupations. They acquired this reading material whose format and division into short reading units seemed to make it ideal for the new lifestyle, a lifestyle that was characterized by being constantly on the move between trams, suburban trains and weekend amusements in the big city. The magazine reflected everyday culture of the 1920s like no other medium of the age through the prism of routine journalistic logic and the rules of selection, which should always be considered in that context. Because they were so widespread, magazines could function as the embodiment of an „iconic turn“ which put its stamp on the visual patterns of presentation and perception of an entire generation – a generation which enthusiastically took up this phenomenal change in media. For their wide-ranging target group, they joined silent films in marking the transition to a visual entertainment culture.

Illustrated magazines from the era of Classic Modernism are a rich and esthetically top-rate source for the history of the period between the wars with regard to everyday life, culture, communication, design and photography. Our website offers the complete inventories of „Querschnitt“, „UHU“, „Kriminal-Magazin“, „Jüdische Magazin“, „Auto-Magazin“ and „Revue des Monats“, furthermore all issues of the years 1928-1933 of four more titles.  Ten of the most important German-language magazines of the period with roughly 650 issues, with 75,000 printed pages and more than 50,000 illustrations have been compiled virtually for the first time and are available to both researchers as well as to readers interested in cultural history. Now the Saxon State und University Library is expanding the range of illustrated magazines by the following titles: „Kokain“ (1925), „Das Neue Russland“ (1927-1931) and „Roland“ (1925, 23. Jg.). Within the next months further issues are being released gradually.

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