Sport und Fotografie in den USA zwischen den Weltkriegen

Eine Körpergeschichte der Moderne als Kulturgeschichte des Politischen

1917 veröffentlichte das US-amerikanische Magazin „Vanity Fair“ einen Artikel mit der Überschrift „Moving Pictures for Golfers“. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Sport war eines der Themen, die das zumeist weiße, urbane, gebildete Publikum dieses Lifestyle-Magazins ansprach. Der Beitrag stammte von Walter Camp, der als einer der führenden Sportexperten ideal die Kriterien erfüllte, welche die Redaktion an ihre Autor*innen stellte: Bekanntheit, Expertise, Glaubwürdigkeit. Außergewöhnlich waren die beiden Bilderserien, die den Artikel illustrierten – bestehend aus je 22 individuellen Fotos zeigten sie zwei Golfer beim Abschlag des Balls. Auffällig waren die Stoppuhr und das Gitternetz, vor dessen Hintergrund die Schwünge vollzogen wurden (Abb. 1).

Walter Camp, Moving Pictures for Golfers, in: Vanity Fair, January 1917, p. 72: Bewegungsstudie des Golfers Roger Hovey, aufgenommen von Frank B. Gilbreth, public domain

Mit dem Auge des Experten analysierte Camp im Text die Bewegungsabläufe der beiden Athleten. Über die besondere Fototechnik, über die Bilder als Bilder, verlor er kein Wort. Lediglich der Untertitel des Beitrags gab knappen Aufschluss: „Illustrated with movie picture reels by Frank B. Gilbreth“.

Für die meisten Leserinnen und Leser von „Vanity Fair“ war Gilbreth zu diesem Zeitpunkt kein Unbekannter; neben Frederick Winslow Taylor war er (zusammen mit seiner Frau Lillian) der führende Vertreter von Scientific Management und derjenige, der sich die fotografische und filmische Sichtbarmachung einer wissenschaftlichen Optimierung von Bewegungsabläufen im Arbeitsalltag zur Aufgabe gemacht hatte. Doch beschränkten sich die Aufnahmen nicht auf Arbeitsprozesse, die Gilbreths produzierten auch immer wieder Fotos und Filme vom Sport – wo, wenn nicht bei sportlichen Körpern in Bewegung, ließ sich das Potenzial von Bewegungsstudien zu Zwecken ihrer Steuerung besser demonstrieren als beim Sport, der für immer größere Teile der US-Bevölkerung zu einem wichtigen Teil ihres Lebens wurde, sei es aktiv oder passiv. Und so verwundert es nicht, dass wir den beiden Golfern aus Walter Camps Artikel an anderer Stelle wiederbegegnen: Roger Hovey und Gilbert Nichols waren beliebte Motive der Gilbreths, und im Archiv lassen sich die fotografischen und filmischen Grundlagen finden, aus denen die Bilderserien in „Vanity Fair“ hervorgegangen sind (Abb. 2).

The Kheel Center for Labor-Management Documentation and Archives: Frank B. Gilbreth Motion Study Photographs (1913-1917) Collection: Chronocyclegraph of Roger [Howey?]: Champion Golfer, circa 1915

Es sind Dokumente wie diese, die den Ausgangspunkt zu dem Projekt zur Visualisierung „moderner“ Athletenkörper ausmachen. Sie verweisen auf drei eng miteinander verwobene kulturelle Entwicklungen in den USA (und darüber hinaus) im Zeitraum etwa zwischen 1890 und 1940: erstens auf die immens zunehmende Popularität von Sport als Teil einer kommerzialisierten Freizeitkultur; zweitens auf die „Revolution“ im Feld der visuellen Medien, charakterisiert durch den Aufstieg illustrierter Magazine und Bücher ebenso wie durch die weite Verbreitung des Films; und drittens auf die konfliktgeladenen Auseinandersetzungen um den Stellenwert von „Moderne“ für eine Gesellschaft im beschleunigten Wandel. Die Darstellung sportlicher „Körper in Bewegung“ – so die zentrale Ausgangsthese des Projekts – bietet eine Oberfläche, auf der sich diese drei kulturellen Entwicklungen bündeln und die so als eine Linse zur Analyse soziokultureller Aushandlungsprozesse um „Moderne“ dienen können.

Die bloße Anzahl unterschiedlicher Bilder athletischer Körper in diesem Zeitraum ist ein Indikator für ihre Relevanz. Und jenseits dieser quantitativen Beobachtung waren große mediale Räume von diesen Darstellungen besetzt, von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, über Werbeposter, Sammelkarten und Kunst bis hin zu Lehrfilmen, Wochenschauen und Spielfilmen. Das Projekt widmet sich diesen Quellen als eine ausdrücklich transnational ausgerichtete Kulturgeschichte der USA; es fragt danach, wie und von wem Sport treiben (in einem weiten Verständnis des Begriffs) als eine im Kern „moderne“ Praktik wahrgenommen und in diesem Sinn mit Bedeutung aufgeladen wurde. Es beleuchtet einen Zeitraum, in dem „Moderne“ in den USA und darüber hinaus einerseits wegen ihrer Versprechungen von „Fortschritt“ und Teilhabe gefeiert, anderseits aber auch aufgrund ihres Vermögens, stabile Gewissheiten in Frage zu stellen, angefeindet wurde. Vor diesem Hintergrund untersucht es den Stellenwert Sport treibender Körper in dieser Gemengelage. Als Körpergeschichte argumentiert das Projekt, dass vergeschlechtete, rassifizierte, sexualisierte oder anders markierte Körper zu bedeutenden Medien in diesen Auseinandersetzungen wurden. Es fragt danach, wie sie beim Sport besonderen Prozessen der Sichtbarmachung bzw. Unsichtbarmachung unterlagen, mit deren Hilfe verhandelt werden konnte, wie „moderne“ Körper aussehen und welche Leistungen sie erbringen sollten.

Aufgrund der priorisierten Analyse visueller Quellen versteht sich das Projekt als Teil einer Visual History, die Fotografie, Film und andere visuelle Materialien als bedeutsame Aktanten auffasst, um Körper sowohl als weithin sichtbar, konsumierbar und wünschenswert zu kennzeichnen, als auch um sie als deviant, gefährlich oder unproduktiv zu verwerfen. Visuelle Medien entwarfen neue Körperideale, machten Konsument*innen mit ihnen vertraut und erlaubten ihre bedeutungstragenden Evaluierungen; sie repräsentierten Leistung, Gesundheit, Freude und „Fortschritt“, aber ebenso – und oft zugleich – auch Scheitern, Schmerz und „Behinderung“. Die Medienentwicklung von Fotografie und Film war immer wieder auf diese sportlichen Repräsentationen rückbezogen: Die Entwicklung der Hochgeschwindigkeitsfotografie oder auch der Zeitlupe sind gute Beispiele dafür, wie die Welt des Sports mit ihren immer schneller bewegenden Körpern einerseits und der Sektor der Medientechnologie mit seinen immer ausgereifteren Techniken aufeinander verweisen. Das Projekt entwickelt mithin eine visuelle Körper- und Kulturgeschichte des Sports, welche die Sport treibenden Körper und deren visuelle Repräsentationen ernst nimmt und ins Zentrum seines Interesses stellt.

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